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#1 Am 22.08.2021 um 19.07 Uhr

Garde Shadow
Ama
Young Recrute
Ama
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Genre: Mystery | Drama | Romance | FantasyMystery | Drama | Romance | Fantasy | (BL, Offen)

Neustes Update: Mich hat in einer PN die Anfrage erreicht, ob ich die Schrift nicht vergrößern könnte, um die Lesbarkeit zu verbessern. Ich hoffe, dass es nun einfacher zu lesen ist.

Infos zur FF



Kennst du die Story schon?




„Vielgeschätzte LeserIn,
ab heute wird dir eine neue Rolle zuteil und damit große Verantwortung übertragen.
Wenn du diese Reise mit uns antrittst, dann bist du nicht nur ein Beobachter und Zuhörer, sondern auch ein Geschworener. Denn in Eldarya ist viel vorgefallen, wozu am Ende dein Urteil erforderlich wird. Es gab eine Reihe von Täuschungsversuchen, Lügen, Entführungen und sogar Zerstörungen ganzer Dörfer.
Wir werden die Vorkommnisse im Laufe dieser Geschichten genau durchleuchten, Zeugen befragen und klären, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Doch am Ende treffen du und die anderen Geschworenen eine Entscheidung darüber, über wen eine Strafe verhängt werden muss. Jemand muss schließlich für das Unheil und die Unordnung gerade stehen. Doch glaube mir, so simpel ist die Lage nicht...
aber greifen wir den Dingen nicht voraus.“



>> Prolog

Das war’s! Jetzt reicht's!
Wenn mein Chef mich noch einmal zu einer zusätzlichen Schicht am Wochenende nötigt, würde ich ihm die Pizzen in seinen gierigen Schlund stopfen.
Ich konnte keinen Käse mehr riechen und zum Austragen war ich nach 17 Stunden auf den Beinen einfach zu müde. In dem Moment fiel mir wieder ein, warum ich einen wehrlosen Mehlsack trat und nicht den Mann, der mich zwang, heute den fünfunddreißigsten Teigklumpen zu kneten.
Dass ich mich in dieser Situation befand, war nämlich leider auch zum großen Teil meinem eigenen Dickkopf geschuldet. Sowas passierte, wenn man sich die Blöße gab und Schwäche zeigte.
Ich hatte meinen Chef immerhin angefleht, mich für einen Extra-Bonus Überstunden machen zu lassen. Auf Knien. Wenn ich genau darüber nachdachte, hatte er mich zwar verspottet, sich aber dabei die Hände gerieben, als ob er damit Gold aus der Luft zaubern könnte.
Inzwischen ging er wie selbstverständlich davon aus, dass ich 24/7 zur Verfügung stehen musste. Für diesen Bonus sollte ich schließlich schuften, ihm beweisen, dass ich es wirklich verdient hatte.
Doch wie soll ich es anders sagen: in dem Punkt hatte er mich wohl oder übel in der Hand.
Meine Ersparnisse beliefen sich auf ein paar kleine Münzen, die ich seit meinem 7. Geburtstag in einem angeknacksten Sparschwein gesammelt hatte. Nicht mal ansatzweise genug, um mir die Konzertkarten zu kaufen, denen ich schon seit Veröffentlichung der Werbeplakate hinterherhechelte. Es waren nur noch wenige Wochen bis zum Vorverkauf der Karten und ich musste auf dieses Konzert.
Auch wenn mich meine Kolleginnen dafür verspotteten. Mir war das gleich. Für dieses Konzert war ich bereit meinen Schlaf und notfalls meinen Stolz zu opfern.
  Genervt und doch entschlossen nahm ich daher den Stapel Pizza-Kartons vom Tisch und balancierte diesen zu einem der Motorroller des „Pizza Pizza“-Unternehmens.
Und ja, Pizza Pizza.
Bei so viel Einfallsreichtum wunderte ich mich echt, wie wir noch nicht Pleite gehen konnten. Selbst beim Belag war mein Chef ein echter Geizhals. Die Pilze, die er verwendete, sammelte er heimlich aus den umliegenden Wäldern. Als ich das herausfand, habe ich sämtliche Kunden kontaktiert, die eine Pizza Funghi bestellt hatten, aber es gab bisher keinerlei Vergiftungsklagen.
Entweder hatte mein Chef zur Abwechslung Mal Ahnung oder einfach tierisches Glück.
Wobei ich definitiv zu Letzterem tendierte, wenn ich an seine heutige Ausbeute von lilanen Pilzen dachte.
Doch davon wollte mein Chef nichts wissen. Seine Laune wurde sogar noch schlimmer, als ich ihn darauf ansprach. Ich war daher froh, dass ich ihm wenigstens beim Ausliefern der Bestellungen aus dem Weg gehen konnte und schnallte zügig die Kartons auf den hinteren Gepäckträger.
Mit einem lauten Brummen setzte sich der Roller in Bewegung und machte einen ordentlich Satz vorwärts.
Ich ignorierte allerdings das Toben der alten Maschine. Ich brauchte nur einen Stecker ins Ohr stecken und schon war mein ganzer Ärger und der Lärm vergessen. Sanfte Beats und ein voller Klang verwöhnten meine Seele.
Oh, Gott tat das gut.
Es war das letzte Album der Guardians, einer relativ unbekannten aber ziemlich talentierten Indie-Band. Ein Tipp für Kenner sozusagen.
Trotzdem waren die Karten für das Live-Konzert schweineteuer. Für eine Studienabbrecherin wie mich eine echte Hürde, aber so schnell würde ich nicht aufgeben. Die Musik war es einfach wert. Jeden einzelnen Cent, selbst jeden Tropfen Blut und Schweiß.
Sich der Musik hinzugeben war, als fühlte man sich durch die Resonanz und die Rhythmen in eine andere Welt entführt. Ganz weit fort von hier.
Du bist mit den Gedanken doch sowieso immer in den Wolken, hatte mein Bruder einst gesagt.
Oh, ich hasste es, wenn er recht hat… Und mehr noch hasste ich es, dass er mich in diesem Kaff allein gelassen hatte. Seit Jahren lebte ich schon auf mich gestellt.
Aber so ist das halt. Menschen kommen und gehen. Es gab nur eine Person, auf die ich mich verlassen konnte, und zwar auf mich selbst.
    Um diese Zeit waren die Straßen frei und ich drehte den kleinen Roller auf sein Limit, damit ich heute noch ankommen würde. Selbst jetzt auf dieser ächzenden Maschine fühlte ich mich im Rausch der Klänge unbezwingbar. Der Wind tanzte um meine Nase und ich war dem Gefühl von Freiheit so nah, dass ich das gleißende Licht nur am Rande bemerkte, das sich in mein Sichtfeld schummelte - direkt auf meine Fahrbahn (!).
Mein Herz setzte aus.
Ich riss die Augen weit auf, doch ich erkannte sofort, dass ein Zusammenstoß unvermeidbar war. Die Räder quietschten auf der Brücke. Der Aufprall des Autos traf mein Vorderrad und hob den mickrigen Roller – einschließlich mich – in die Lüfte. Es kam mir vor, als stünde die Zeit für einen Moment völlig still: Die Pizza-Schachteln flogen vom Gepäckträger und Käse verteilte sich über den Lenker und meine Kleidung. Tomatensoße spritzte mir ins Gesicht und der Pilzbelag verfing sich in meinen Haaren.
Ich hielt den MP3-Player fest umklammert, da es sonst nichts mehr gab, was mir halt bot. Der Kopfhörer steckte immer noch in meinem Ohr, als ich durch die Luft wirbelte. Die Sterne tanzten im Rhythmus der Musik um mich herum. Und dann wurde es auf einmal sehr kalt.
Ich spürte, wie mein Körper auf die Wasseroberfläche prallte, so hart wie eine Mauer aus Stahl, und mich riesige Fontänen unter sich begruben. Ich erwartete von der Dunkelheit verschlungen zu werden, doch als die Pilze um mich herum zu leuchten begannen, wurde es so hell wie noch nie in meinem Leben.



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#2 Am 25.08.2021 um 17.24 Uhr

Garde Shadow
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>> Chapter 1: Valkyon
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Part I: Licht, Kamera und Action


Valkyon blinzelte gegen das Licht der Mittagssonne, als er vor dem Abhang zur Küste stand. Trotz hervorragendem Wetter lag eine bedrückende Stille in der Luft über Eel. Die südlichen Küsten waren leer und kein einziger Bewohner der sonst so lebhaften Dörfer hatte sich an diesem Tag zum Spielen an die Küste verirrt. Der Strand glich einer Wüste und die Schatten der Klippen ragten in die Bucht wie die Flecken einer Krankheit.
Vielleicht war Eel wirklich von einer Art Krankheit befallen, dachte sich der Leiter der Obsidian-Garde.
So lange war Valkyon schon auf den Beinen und noch immer schien sein Ziel in weiter Ferne. Er hatte nicht viele Fährten, aber eine führte direkt die Schlucht hinunter zum Meer.
Riesige Furchen fraßen sich am Felshang in den Stein und waren eindeutig das Werk gigantischer Klauen. Klauen von solchem Ausmaß, das sie in Minuten ein ganzes Dorf niederstrecken konnten. Zwei Dörfer hatte die Bestie bereits in Schutt und Asche gelegt. Ein weiterer Angriff würde zu Aufständen führen und eine Fluchtwelle mit sich ziehen. Das musste unbedingt verhindert werden.
Oder eher: Das musste Valkyon unbedingt verhindern.
So viel war er seinen gefallenen Kameraden einfach schuldig. Sobald er den Unterschlupf des Wesens gefunden hatte, würde er zuschlagen - ohne Gnade.
Entschlossen stieg er den Abhang hinunter.
Gerade als der Sand seine gepanzerten Stiefel umschloss, sah er eine Gestalt im Wasser treiben. Kampfbereit zückte er seine Axt und näherte sich der Stelle am Ufer.
Dort, wo die Wellen den Körper an Land schwemmten, lag ein seltsames Leuchten in der Luft. Valkyon hatte schon viele magische Dinge in seinem Leben gesehen, aber ein solcher Anblick war ihm fremd. Die Lichter schienen den Körper wie ein dicker Nebel zu umhüllen. Als er jedoch erkannte, dass die Gestalt vollkommen reglos von den Wellen auf und ab getragen wurde und das Leuchten um ihren Körper allmählich verblasste, ließ er seine Axt in den Sand fallen und eilte ihr zur Hilfe.
Zuerst war er sich nicht sicher, ob er eine Tote aus dem Wasser trug, aber ihre Wangen leuchteten so rot, dass es mehr den Eindruck erweckte, als wäre sie schlaftrunken.
Er zog sie ein Stück das Ufer hinauf, legte sie in den Sand und sein Ohr auf ihre Brust. Ein sanfter Herzschlag pochte ihm entgegen, doch er hatte nicht den Eindruck, dass sie atmete.
Valkyon zögerte keine Sekunde, sondern presste seinen Mund auf den ihren und hauchte ihr mehr Leben in die Lungen als er geahnt hätte, das noch in ihm steckte. Es dauerte nicht lange und sie tat einen lauten Atemstoß gefolgt von einem Husten, der ihr das Wasser aus der Lunge trieb. Ihr Gesicht nahm die Farbe eines reifen Pfirsichs an und sie schlug die Augen auf.
In dem Moment ließ Valkyon von ihr ab und schob ihre Jacke über die nasse, weiße Bluse. Es gab nicht viele Anhaltspunkte, die das Geschöpf unter ihm als Mädchen enttarnten, aber Valkyon verstand schon so viel von Frauen, dass er die Konturen eines BHs als solchen zu identifizieren wusste.
„Zurück von den Toten?”, fragte er und half ihr sich aufzurichten. Ihr Blick wanderte von seinem Gesicht runter zu seiner Rüstung und verharrte dort für eine Weile, ganz so, als ob sie sich nicht entscheiden könnte, was sie gerade am meisten verwirrte.
Sie blinzelte ungläubig und sah sich dann panisch um. Ihre Umgebung schien sie noch mehr zu beunruhigen, denn sie begann mehrere Wortfetzen vor sich hin zu murmeln, aber Valkyon verstand außer dem Wort Unfall nicht viel.
„Du hattest ziemlich Glück”, unterbrach er ihr Gebrabbel. „Manchmal kommen Verdheleonen ans Ufer. Wenn die dich vor mir gefunden hätten, wärst du in die Tiefe des Meeres gezogen worden.”
Sie sah ihn an, als verstünde sie die Sprache nicht. Mit hektischen Bewegungen betastete sie ihren Kopf und den Rest ihres Körpers und schien dann ziemlich erleichtert, dass noch alles an seinem Platz war.
„Wo bin ich?”, fragte sie und ließ ihren Blick weiter durch die Umgebung schweifen.
Auf seine Antwort reagierte sie auch nur mit einem teilnahmslosen Nicken. Dass sie ihm nicht zugehört hatte, zeigte sich auch daran, dass sie die gleiche Frage noch einmal stellte.
„An einer Küste, südlich der Siedlungen von Eel“, wiederholte Valkyon und sah sie besorgt an. Er war sich nicht ganz sicher, mit was für einer Spezies er es hier zu tun hatte, aber dass sie nicht von hier kam, sah er schon an ihrer Kleidung. Sie trug etwas, das wie eine Mütze auf ihrem Kopf klebte und Essenreste in ihrem Haar. Valkyon konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Aufzug die neueste Mode war - nicht, dass er Ahnung davon hätte.
„Liegt das noch in Deutschland?“, fragte sie weiter.
„Nein, in Eldarya“, erwiderte er und klopfte sich den Sand von der Rüstung.
Ihr Gesichtsausdruck nahm argwöhnische Züge an und in dem Moment war sich Valkyon sicher, dass sie von der Erde kommen musste. Er hatte nur noch keine Erklärung, wie das möglich war. Anstelle auf ihn zu reagieren, erhob sie sich taumelnd. Bei dem Versuch ihr aufzuhelfen, schob sie energisch seine Hände beiseite. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich ein wissendes Lächeln ab und sie lief suchend umher.
„Sag mir einfach, wo die Kameras sind”, forderte sie und schob einen Stein zur Seite. „Im Ernst: Von wo aus drehen die? Machen die jetzt schon solche Shows mit Unfallopfern?“
Die Besorgnis auf Valkyons Gesicht wandelte sich in Unsicherheit, ob er es nicht doch mit einer Verrückten zu tun hatte. „Wie ich sehe, geht es dir den Umständen entsprechend gut“, erklärte er und wendete sich ab, um seine Axt aus dem Sand zu ziehen.
Als er den Griff der Waffe in seiner Hand spürte, erinnerte er sich auch wieder an seine Mission. Er musste sich aber eingestehen, dass es ein gutes Gefühl war, zur Abwechslung mal ein Leben zu retten und nicht immer der Bestie nachzujagen, bis er vor den Trümmern eines Dorfes stand.
Allerdings war seine Mühe vergebens, wenn das Mädchen sich weiterhin so dumm anstellte. Er blieb kurz stehen und sah über seine Schulter zu ihr herüber. „Ich an deiner Stelle würde die Finger von dem Stein da nehmen. Das ist ein Grookhan-Baby. Wenn die Mutter dich zu nahe an ihrem Jungen sieht, zermalmt sie dich ohne Gnade.“
Das Mädchen schnaubte verächtlich, bis sich der Stein unter ihrer Hand bewegte und gelbe Augen in ihre Richtung starrten. Ein markerschütternder Schrei entwich ihrer Kehle und sie fiel zurück in den Sand. „Der Stein da hat mich angesehen!“
Da sie ihre Augen nicht abwenden und folglich nicht mit Schreien aufhören konnte, sprang Valkyon auf sie zu. Seine Hand umschloss ihren Mund und erstickte jeden weiteren Ton. „Bist du verrückt?“, fluchte er leise. „Wenn die Mutter dich hört, sind wir beide in Gefahr.“
Sie schien zwar unter Schock zu stehen, ließ sich aber widerstandslos von ihm wegziehen - auch wenn sie sich dabei mehrmals gegen den Kopf hämmerte.
Valkyon hatte keinen Nerv sich auf ihr Gebrabbel zu konzentrieren, und doch hielt er immer noch ihr Handgelenk umfasst, als nach wenigen Schritten Fußmarsch eine enorme Felswand vor ihm aufragte.
„Du hast hier nicht zufällig eine große, grauhaarige Gestalt mit braunen Schuppen und glühenden Hörnern gesehen?”, fragte er und sah sie mit erhobener Augenbraue an.  Ihr verwirrtes Blinzeln reichte ihm jedoch als Antwort.

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#3 Am 29.08.2021 um 18.04 Uhr

Garde Shadow
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>> Chapter 1: Valkyon
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Part II: Keine Zeit für Cliffhanger


„Leb wohl“, sagte Valkyon mit Blick auf die Wand und machte sich dann daran den Felsen hinaufzuklettern. Weiter oben fand er neben Klauen-Spuren auch ein Büschel silberner Haare, die sich in der Felsspalte verfangen hatten. Er hatte bereits die Hälfte der Felswand erklommen, als er unter sich das Mädchen entdeckte, das ihrerseits an der Wand emporzuklettern versuchte. Zu mehr als einem Versuch kam es jedoch nicht. Als sie ein drittes Mal abstürzte, hielt er inne und sah sie unschlüssig an. Er überlegte kurz, ob er ihr einfach sagen sollte, dass sie weiter westwärts am Strand auf eine Treppe stoßen würde, die sie hinauf brächte. Doch was war, wenn die Bestie noch in der Nähe war?
Mit einem genervten Seufzen hangelte sich Valkyon wieder abwärts.
„Du solltest nach Hause zurückkehren”, erklärte er ihr, als sie unsanft neben ihm in den Sand plumpste.
„Das würde ich, wenn ich wüsste, wo ich bin. Ich suche mir eine Straße und wenn ein Auto vorbeikommt, bin ich weg”, erwiderte sie und hievte sich wieder hoch.
Aus Angst, sie könnte wieder hysterisch zu schreien beginnen, sagte Valkyon nichts, was ihre Hoffnung im Keim ersticken könnte. Anscheinend wusste sie selbst, nicht, wie sie nach Eldarya gekommen war.
Dennoch konnte er sie nicht einfach hier lassen. „Ich bringe dich hoch, aber nur wenn du leise bist.”
Ihre Augen verengten sich, aber sie nickte. Daraufhin drückte er ihr seine Axt in die Hand, die sie mit zittrigen Händen umklammert hielt, und hob sie mit einer schnellen Bewegung auf den Rücken.
„Warum hast du eine Waffe bei dir?”, fragte sie und pustete sich seine Haare aus dem Gesicht.
„Du musst dich richtig festhalten, sonst fällst du runter”, erklärte er stattdessen und zog ihre Beine fester um seinen Bauch. „Wenn du fällst, fange ich dich nicht auf.”
Da sie mit einer Hand die Axt halten musste, blieb ihr nur die andere, um sich an ihn zu klammern. Er spürte, wie sie sich an seiner Weste entlang tastete, ehe sie seinen Oberkörper umfasst und eine Stelle zum Festhalten gefunden hatte.
Dann hievte Valkyon sich hinauf.
Er war halbwegs erstaunt, dass sie den Aufstieg ohne Panikattacke meisterte.
Als sie die Hälfte der Höhe erreicht hatten, rutschte ihr Arm jedoch so weit hoch, dass sie ihm mit der Armbeuge die Luft abklemmte.
„Schau nicht nach unten, sondern nach oben”, befahl er.
Sie lockerte ihren Griff etwas, blies aber angsterfüllt die Luft aus, sodass ihr warmer Atem konstant an seinem Ohr kitzelte. Valkyon verzog die Lippen und fixierte seinen Blick auf die Felswand vor ihm. Er griff nach einem hervorspringenden Stein, um sich daran hochzuziehen, doch kaum hatte er sein Gewicht verlagert, bröckelte dieser plötzlich heraus und streifte knapp sein Gesicht.
Bevor sie abrutschen konnten, erhaschte er eine Felskante und hielt sich gerade so am Hang.
Die Erleichterung blieb ihm jedoch im Hals stecken, als er hörte, wie etwas unter ihm auf den Boden aufschlug und an den Felsen zerschellte. Er traute seinen Augen kaum, als er die Überreste seiner Axt zwischen den Felsspalten funkeln sah.
„Es tut mir leid”, säuselte die Stimme kleinlaut auf seinem Rücken.
Anstelle einer Antwort zählte Valkyon mental bis 20. Bei 10 hatte er immer noch den Drang verspürt, sie kopfüber die Klippe herunter baumeln zu lassen, daher zählte er weiter, bis er den Klippen-Vorsprung erreicht und sie beide wieder Boden unter den Füßen hatten.
Schweigend setzte er sie ins Gras und suchte nach weiteren Hinweisen in der Gegend. Er würde eine neue Waffe brauchen, aber um das Versteck der Bestie ausfindig zu machen und sich gegebenenfalls zu verteidigen reichte auch sein Messer.
„Ich besorge dir eine neue Axt”, sagte das Mädchen leise, ohne ihm in die Augen zu sehen.
„Besorge dir lieber selbst eine Waffe”, erwiderte er und tastete die Erde unter seinen Füßen ab. Die Krallenspuren endeten hier. Genau wie an der Küste auch, gab es auf flachen Gebieten kaum Anzeichen einer gigantischen Bestie. Als ob sie sich zwischenzeitlich in Luft auflöste oder weite Strecken springen konnte. Es waren Fußspuren im Sand, aber die schienen eher von einem humanoiden Wesen zu stammen. Ein Dorfbewohner vielleicht. Hier an der Küste gab es kleinere Siedlungen.
„Ich hasse Waffen”, unterbrach das Mädchen seine Überlegungen. „Ganz sicher werde ich keine benutzen.”
Valkyon sah keinen Sinn darin, sie zu belehren, denn schon bald würde sie wissen, was es hieß in Eldarya überleben zu wollen.
Gerade jetzt, wo die Gefahr sich auszubreiten schien.
Ein rußiger Wind blies ihnen ins Gesicht.
Valykon wendete sofort seinen Kopf in die Richtung und hechtete Schlimmes ahnend den Weg weiter, bis die glühenden Ruinen eines Dorfes vor ihnen freilagen.
Weit und breit war kein Lebenszeichen zu sehen. Nur einzelne Glutherde simmerten noch in den Ritzen der Mauern.
Die Bewohner mussten geflüchtet sein aus Angst, die Bestie könnte zurückkehren.
Mist. Valkyon ärgerte sich über sich selbst.
Er war zu langsam gewesen, hatte sich aufhalten lassen und stand nun erneut vor Trümmern. Da diese noch heiß waren, hieß das aber auch, dass der Übeltäter nicht weit sein konnte.
Valkyon entdeckte neben Krallenspuren auch Schuppen.
Kein Zweifel, das war das Werk der Bestie.
„Was ist denn hier passiert?“, fragte das Mädchen und zog scharf die Luft ein.
Der Anblick der Dorf-Ruinen schien sie zu verunsichern, aber...
„Das übersteigt noch deinen Horizont“, sagte er nur. Sie schien zu protestieren, doch Valkyon zuckte nur unmerklich mit den Schultern. Es war keine Beleidigung, mehr eine Tatsache.
Ebenso, dass den Spuren zufolge, die Bestie das Dorf gen Norden verlassen hatte und damit immer noch Richtung Eel unterwegs war. Die Siedlungsdichte würde steigen und das hieß, dass der bevorstehende Schaden wachsen wird.
Valkyon merkte erst, dass er eine Weile gelaufen war, als die ersten Bäume des Waldes vor ihm aufragten. Entgegen seiner sonst sehr aufmerksamen Art hatte er auch nicht registriert, dass das Mädchen immer noch an seinen Fersen klebte.

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#4 Am 01.09.2021 um 22.12 Uhr

Garde Shadow
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>> Chapter 1: Valkyon
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Part III: Wer rastet, der rostet



„Hier trennen sich unsere Wege“, erklärte Valkyon mit Blick auf den Waldrand.
Hier ist aber immer noch keine Straße“, erwiderte das Mädchen trotzig und hielt ihn an der Weste fest. Er hörte, wie sie hinter ihm vor Erschöpfung schnaufte und fühlte sich deutlich daran erinnert, was für einen Klotz er sich da ans Bein gebunden hatte.
Da er nicht reagierte, stellte sie sich ihm in den Weg.
„Wie weit ist es denn noch, bis wir auf eine Straße treffen?“, fragte sie. Zunehmend ungeduldig.
Er wollte sie erst unwirsch abwürgen, bis ihm plötzlich etwas auffiel.
Über ihrem linken Auge zeichnete sich eine dunkle Wölbung ab. Eine Verletzung, die sie noch nicht hatte, als er sie aus dem Wasser gezogen hatte. Die Erkenntnis traf ihn so hart, wie die Ursache hinter der Schramme. Der Stein, bei dem er sich an der Felswand vergriffen hatte, … er musste ihr ins Gesicht gefallen sein. Valkyon brummte, als sie zögerlich zu ihm aufschaute, denn ihm wurde bewusst, dass die verlorene Axt nicht allein ihre Schuld war.
Da ihr Anblick ihn aber auch ein wenig an ein Sabali-Junges erinnerte, über dessen großen Augen kleine, blaue Höcker thronten, konnte er sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. Eine Reaktion, die sie erst zu verwirren und dann zu verärgern schien.
Obwohl sie protestierte, zog Valkyon sie zu einer Wasserstelle.
„Gib mir deinen Lappen”, forderte er und hielt das mit Meersalz versiffte Ding unter den kühlen Wasserstrahl. Ohne eine weitere Erklärung klatschte er ihr den kalten Stoff auf die Beule.
Sie verzog das Gesicht.
„Das ist eine Mütze“, korrigierte sie und presste diesen dann selbst dagegen.
„Wie auch immer. Du solltest etwas trinken. Wenn du vorankommen willst, brauchst du Kraft“, erklärte er wobei ihr dies wirklich niemand zweimal sagen musste.
Sie trank als hätte sie schon kurz vor dem Verdursten gestanden.
Irgendwie ironisch, wenn man bedenkt, dass er sie vor kurzer Zeit aus dem Wasser gefischt hatte.
„Weiter geht's“, forderte er, kaum dass sie wieder Luft holte und wandte sich zum Gehen.
„Können wir nicht ein wenig hierbleiben? Ich könnte wirklich eine Pause gebrauchen“, widersprach das Mädchen und hielt sich die Seite. Anscheinend hatte sie Schmerzen.
Diese Erdlinge haben einfach keine Kondition, erkannte Valkyon.
Da sie allerdings nicht in der Position war, irgendwelche Entscheidungen für ihn zu treffen, beugte er sich zu ihr herunter und sah ihr ernst in die Augen.
„Dann bleib hier. Ich gehe auf jeden Fall weiter.“
Sie stemmte die Hände gegen die Hüften und biss sich auf die Lippen. Scheinbar lag ihr eine Menge auf der Zunge, das sie gesagt haben wollte, aber ihr Gesicht verriet ihm schon genug.
Er war gerade im Begriff, sich von ihr abzuwenden, als ihre Hand seinen kleinen Finger umschloss.
„Etwas stimmt hier nicht“, murmelte sie dabei.
Er sah über die Schulter, wie sie eine blaue Blume betrachtete. „Da, wo ich herkomme, gibt es solche Pflanzen nicht. Und überhaupt: Ich weiß nicht einmal, wie ich von einem Fluss einer Großstadt an einen Strand am Meer getrieben werden konnte. Hier gibt es keine Straßen…“, sie richtete den Blick kurz zu Valkyon, „nur einen seltsamen Kerl in Rüstung. Wie komme ich bloß wieder nachhause?“
Verzweifelt vergrub sie ihren Kopf zwischen die Knie und begann zu zittern. Da war er. Der obligatorische Nervenzusammenbruch.
Valkyon sah sich hilfesuchend um, aber sie waren immer noch auf sich allein gestellt.
Natürlich traute sich keiner so nahe an die südliche Küste. Die Dörfer, die hier standen, sind bis auf die Grundmauern niedergebrannt.
Deswegen hatte seine Mission auch oberste Priorität. Er musste unbedingt verhindern, dass sich die Bestie weitere Dörfer krallte.
Rötliche Streifen am Himmel kündigten jedoch das Ende des Tages an und Valkyon kam zu dem Entschluss, dass es für ihn ohnehin besser war die Nacht vor dem Wald zu verbringen, als sich im Dunkeln den Gestalten im Innern des Waldes auszusetzen. Solange würde er das Mädchen wohl dulden können, dachte er sich, bevor er sie morgen zu einem der Walddörfer schickte.
Kurz entschlossen entfernte er sich von dem am Boden kauernden Mädchen, nur um einige Minuten später mit einer Handvoll Ästen und Laub wiederzukommen. Als er wiederkam, sah sie erleichtert zu ihm auf und ihr Zittern verebbte schlagartig.
Und kaum hatte er die Materialen auf den Boden geworfen, war sie auch schon eingeschlafen.
Sie musste wirklich erschöpft gewesen sein.
Mit der nassen Kleidung, die ihr immer noch am Körper klebte, wäre sie vermutlich bis zum Morgen erfroren, daher bedeckte er sie mit Laub und untersuchte ihren Kopf auf äußerliche Verletzungen. Die roten Flecken in ihrem Gesicht und ihren Haaren rührten jedoch von Tomaten, ansonsten schien sie - abgesehen von der Beule - unversehrt.
Da Valkyons Rüstung voller Sand war, zog er die dicken Platten von seinen Beinen und legte sie ins Gras, um sie einzeln zu säubern.
Die Abenddämmerung wich der Nacht und Valkyon genoss die Stille, die nur durch das knisternde Feuer unterbrochen wurde, das er als Nachtlager aufgestellt hatte und um sich eine kleine Mahlzeit zuzubereiten.
Mit einem wehmütigen Blick hielt er sein letztes Stück Fleisch über die Flamme.
Er musste morgen in einem der Dörfer dringend nach einer neuen Lebensmittelration fragen, ansonsten würde die Bestie schon von seinem knurrenden Magen auf ihn aufmerksam werden.
Die Leute in den Dörfern würden ohne Frage mit einem Garden-Führer das Brot teilen.
Bei dem Mädchen sah es schon anders aus, aber wenn sie sich nicht allzu dumm anstellte, könnte sie Arbeit finden und sich ihr Essen verdienen. Alles andere wäre dann ihrem Schicksal überlassen.
Valkyon wusste um die Schwäche der menschlichen Spezies, umso schleierhafter erschien ihm ihre Anwesenheit hier in Eldarya. Er würde Miiko davon Bericht erstatten, aber zunächst musste er sich um Wichtigeres kümmern.
Raschelndes Laub unterbrach jedoch seinen Gedankengang.

Letzte Änderung durch Ama (Am 11.09.2021 um 21.24 Uhr)

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#5 Am 05.09.2021 um 19.47 Uhr

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>> Chapter 1: Valkyon
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Part IV: Geteiltes Leib ist doppeltes Brot…


Valkyon musste nicht aufsehen, um zu wissen, was sich da an ihn heranschlich, denn so laut bewegte sich kein Eldaryaner vorwärts.
„Du hast nicht zufällig vor, mich hier draußen zu töten?”, fragte das Mädchen, setzte sich aber ohne ein Zögern direkt neben ihn ans Feuer.
Anstelle einer Antwort tat er schnaubend einen weiteren Bissen und ließ sich auch nicht stören, als sie ihn ungeniert anstarrte. Irgendwann neigte er den Kopf ein Stück in ihre Richtung. „Hast du Hunger?“
„Ein wenig“, gab sie zu, obwohl ihr Magen schon seit Minuten vor sich hin knurrte.
Er löste eine Schnur von seiner Hose und hielt ihr dann ein Stoffbündel hin.
Der freudige Ausdruck auf ihrem Gesicht wich jedoch ärgster Enttäuschung als sie einen Blick in das Bündel warf.
Argwöhnisch beäugte sie den alten Kanten Brot.
„Das ist ja total trocken“, beschwerte sie sich leise.
Jetzt sah er sie doch an. „Du hast genug Zeug in den Haaren und auf deiner Kleidung kleben - damit könnte man einen ganzen Laib belegen. Ist das etwa deine Dankbarkeit?“
Und außerdem muss man sich Fleisch erstmal verdienen, fügte er in Gedanken hinzu.
Das Mädchen sah auf ihre dreckige Kleidung herab und der Ausdruck auf ihrem Gesicht wurde noch finsterer.
„Wenn du das Brot nicht haben willst, gib es mir wieder her“, erklärte er auf ihren beleidigten Blick hin und griff nach dem Kanten.
Sie schien inzwischen an dem Punkt angelangt, wo sie wohl einen Stiefel gegessen hätte, um die Leere in ihrem Magen zu füllen und hielt eisern das Brot umklammert.
Valkyon wollte sich nicht mit ihr um ein alten Kanten streiten und seine Finger zurückziehen, wobei er ihr Handgelenk streifte. Es war nur für einen Bruchteil einer Sekunde, dennoch erschreckte sie die plötzliche Berührung so sehr, dass sie das Brot auf den Boden fallen ließ.
Bevor sie etwas sagen konnte, bedachte Valkyon sie mit einem so düsteren Blick, dass sie einige Zentimeter von ihm wegrutschte.
„Dir ist schon klar, dass das meine letzte Ration war?“, fragte er und wendete sich dann von ihr ab. „…Was für eine Verschwendung.“
Wenn Valkyon eines mehr hasste als unnütze Personen, dann waren es verschwenderische, unnütze Personen. Und sie war obendrein noch laut und undankbar.
Genervt biss er ein Stück von seinem Fleisch ab.
Er hatte erwartet, dass sie quengeln oder ihn um ein Teil seiner Ration anflehen würde, aber sie verharrte ruhig auf ihrem Platz.
War sie jetzt etwa eingeschnappt?
Valkyon beschloss, dass es ihm egal sein konnte. Immerhin stand es ihr frei zu gehen.
Nach einer Weile griff sie nach dem dreckigen Brot und erhob sich seufzend.
Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie sie von einem Stock die Rinde entfernte, das Brotstück mit Quellwasser wusch und dann auf den geputzten Stock spießte. Mit diesem kehrte sie zurück und hielt das triefende Teigstück in die Glut. Valkyon konnte sich nicht vorstellen, was das Mädchen damit bezwecken wollte, aber er kam nicht umhin immer wieder in die Richtung des Brotes zu schauen, das allmählich einen herrlichen Duft verströmte.
„Ich habe als Kind oft Stockbrot gemacht“, erklärte sie, ohne dass er fragen brauchte. „Gut, das hier ist ein bisschen was anderes, aber vom Prinzip dasselbe. Hartes Brot in Wasser zu tunken und dann zu erhitzen, kenne ich von einem Bäcker, der auf diese Weise alte Brötchen wiederverwertete. Ich hielt ihn immer für einen Gauner. Jetzt muss ich aber sagen, dass es doch ein cleverer Weg ist, sparsam mit Essen umzugehen.“
Valkyon traute seinen Augen kaum, als sie die Kruste prüfte. Es klang verdammt knusprig.
Dann riss das Mädchen ein Stück ab – wobei sie sich natürlich ordentlich die Finger verbrannte - und hielt es ihm unter die Nase.
Argwöhnisch betrachtete er das Brotstück und roch daran.
Er sah sie kurz prüfend an, da er aber eine mögliche Vergiftung ausschließen konnte, nahm er ihr das Stück aus der Hand und steckte es sich in den Mund.
Das saftige und knusprige Brot schmolz auf seiner Zunge förmlich dahin und der kalte Ausdruck auf seinem Gesicht formte sich zu einer anerkennenden Miene.
„Kann man essen“, erklärte er schließlich.
Sie setzte sich grinsend neben ihn und biss in den Rest des Kantens.
Dann sah sie ihn mit großen Augen an. „Das Brot hat einen seltsamen Geschmack“, erklärte sie. „Was sind denn da für Gewürze drin?“
Valkyon wusste nicht, was er darauf antworten sollte und wie er gleichzeitig der Diskussion um ihren Aufenthaltsort entgehen konnte. Er hatte keine Lust auf den nächsten Nervenzusammenbruch, der unweigerlich folgen würde, wenn ihr klar wurde, dass sie hier in einer anderen Welt gelandet war. Da sie nicht aufhörte nachzufragen, steckte er ihr ein Stück von seinem gegrillten Fleisch in den Mund. Vergnügt kaute sie darauf herum und er genoss die zwei Minuten Stille, die er sich damit erkauft hatte.
Es war beinahe eine friedliche Stille, zumindest bis sie sich nach dem Essen seufzend ins Gras fallen ließ und in den Himmel starrte.
„Glaubst du, ich bin in einem Traum gefangen?“, fragte sie schließlich.
Was konnte er da schon sagen? Er wäre nach der Logik Teil des Traumes und damit nicht gerade die verlässlichste Quelle.
„Ich hatte einen Unfall“, sagte sie ohne auf eine Antwort zu warten, „und weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin oder wie ich wieder zurückkehren kann.“
„Ich habe dich untersucht, dir geht es gut“, erklärte er und stocherte in dem Feuer herum.
Sie nickte erst abwesend und starrte ihn dann entsetzt an.
„Du hast was?!“, kreischte sie und zog empört ihr Hemd bis zum Kinn hoch.
Mit einer geübten Bewegung schloss Valkyon ihren Mund mit seiner Hand und zog sie soweit zu sich heran, dass sie ihn ansehen musste. „Du bist nicht allein auf der Welt“, erklärte er, „also schrei nicht so rum. Außerdem habe ich nur deinen Kopf genauer untersucht.“
Sie schluckte. „Du hättest mich auch in ein Krankenhaus bringen können oder die Polizei rufen oder sonst was. Stattdessen sind wir hier im Freien… Irgendwo im Nirgendwo.“
„Du bist nicht im Nirgendwo, sondern in Eel.“
Sie biss sich auf die Lippen, aber der Unglaube stand ihr auf die Stirn geschrieben und sie versuchte sich aus seinem Griff zu befreien, was in etwa den gleichen Effekt hatte wie gegen eine Steinmauer zu pusten, um sie umzuwerfen.
„Am besten, du vergisst deine Welt, Menschlein“, sagte er schließlich und ließ von ihr ab.

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Part V: Das Mädchen im Mondlicht


„Hast du vielleicht ein Hemd, das ich vorübergehend anziehen kann?“, fragte das Mädchen und hob ihren Kopf zwischen den Knien hervor.
Valkyon hatte erwartet, dass sie nach dem Essen gleich weiterschlafen würde, aber sie hatte es sich wohl in den Kopf gesetzt, ihn solange mit Fragen zu löchern, bis der Teufel sich seiner Seele erbarmt hatte.
„Klar, hinten in der Kiste. Da sind auch Kleider und Schmuck drin“, sagte er ohne seinen Blick von den Flammen abzuwenden.
Sie schaute sich um, doch da war keine Kiste.
Valkyon zog spöttisch einen Mundwinkel nach oben, was sie mit einem genervten Stöhnen quittierte.
Dass das mit der Kiste ein schlechter Scherz war, hätte ihr aber gleich klar sein müssen, schließlich hatte sie das einzige, was er außer seinem Rationsbündel bei sich getragen hatte, in die Schlucht fallen lassen.
„Also gut, dann finde ich selbst was“, erklärte das Mädchen mit einer seltsamen Entschlossenheit in der Stimme und stromerte auf der Suche nach verwertbaren Materialien durch die Gegend.
Valkyon nutzte die Gelegenheit sein Messer zu schleifen. Die Klinge war mit der seiner Axt nicht zu vergleichen, aber wenn es ganz übel für ihn ausgehen sollte, konnte die Bestie das Messer immerhin als Zahnstocher benutzen, nachdem es die Göre und ihn verspeist hatte.
Da es jedoch weit und breit keine neuen Spuren auf den Verbleib eines haushohen Monsters gab, musste er sich etwas Neues einfallen lassen, um die Fährte aufzunehmen. Am besten wäre, er würde im nächsten Dorf nach Hinweisen fragen. Dann konnte er auch das Mädchen absetzen. Vielleicht könnte ihr dort jemand möglichst schonungslos klar machen, dass ihre Chancen auf eine Rückkehr schwindend gering waren.
In dem Moment fiel Valkyon auf, dass sich um ihn herum eine angenehme Stille gelegt hatte. Er atmete tief ein, spürte aber nach kurzer Zeit ein nagendes Gefühl in seinem Inneren.
Verdammt. Wo war das Menschlein denn nun wieder abgeblieben?
Er sah sich nach ihr um, aber die Schatten des Waldes hatten alles Licht verschlungen.
Sie musste sich weiter vom Lager entfernt haben, als gut für sie war.
Auch wenn Valkyon keinerlei Verantwortung für sie hatte, hielt er es für das beste nach dem Rechten zu sehen und löschte die Flammen.
Er konnte zwar nicht genau sagen, in welche Richtung sie verschwunden war, aber es war auch so kein Kunststück ihrer Fährte zu folgen. Sie verlor immer noch einzelne Laubblätter, mit denen er sie zuvor zugedeckt hatte. Schade, dass die Bestie nicht so unaufmerksam war wie sie, sonst hätte er sie schon längst eingeholt. Aber es konnte ja nicht für jedes Unglück ein Mensch verantwortlich sein.
Als Valkyon vor dem Wald stand, lauschte er einen Augenblick in den seichten Klang des Windes und vernahm schließlich ein allzu vertrautes Fluchen.
Er entspannte sich etwas, was ihn aber fast genauso ärgerte wie ihr Fluchen selbst, denn es war nicht klug zu dieser Zeit den gesamten Wald zu unterhalten.
Als er tiefer in den Wald vorgedrungen war, entdeckte er das Mädchen, wie es an den großen Blättern eines Ookim-Baumes zerrte. Er wollte ihr gerade mit seinem Messer zu Hilfe eilen, als er ihre nasse Kleidung auf einem Baumstumpf liegen sah, die sie gewaschen und dann zum Trocknen dorthin gelegt haben musste.
Moment, dachte sich Valkyon und verharrte mitten in der Bewegung - wenn ihre Kleidung auf dem Baumstumpf liegt, dann…
Im selben Augenblick kam sie mit einem leisen Jubelruf aus dem Dickicht hervor.
Da sie mit dem Blatt noch nicht ihren Körper verhüllt hatte, wendete Valkyon sich schnell ab, bevor sie ihn bemerkte.
Nicht, dass es viel zu sehen gab, aber wie ein Spanner wollte er jetzt nicht in den Büschen stehen. Auf das Geschrei konnte er wirklich verzichten.
Er lugte einmal kurz über die Schulter, während sie sich das Blatt um den Körper schlang, aber sie schien alles im Griff zu haben, was für ihn bedeutete, dass er zurückgehen sollte.
Ja, Sollte.
Er entdeckte auf ihrem Knöchel ein Tattoo mit einem verschlungenen Symbol eines gehörntes Wesens, das ihm seltsam vertraut vorkam. Doch es war nicht nur ihr Knöchel, der seine Aufmerksamkeit fesselte.
Ein bisschen Mondlicht schummelte sich durch die Baumkronen und bewegte sich im Rhythmus der Blätter im Wind. Wie kleine Glühwürmchen tanzten die Strahlen auf der Haut des Mädchens, was der wohl schönste Anblick war, den Valkyon in den letzten Tagen zu Gesicht bekommen hatte.
Allerdings war es auch nicht sein Auftrag die Schönheit der Natur zu bewundern, sondern sie zu bewahren.
Daher schüttelte er mit seinem Kopf auch die Gedanken beiseite, und folgte dem Weg zurück zum Lager.
Er hatte jedoch noch nicht einmal die Feuerstelle erreicht, als der Boden unter seinen Füßen zu beben begann. Das Rütteln war so stark, dass es selbst seine Schulterplatten zum Klappern brachte.
Da Eldarya kein Gebiet großer Erdbebenvorkommnisse war, gab es dafür nur eine Erklärung.
Er biss die Zähne zusammen.
Das schlimmste ahnend, eilte er zurück.
Das Beben wurde stärker, je weiter er auf den Wald zu rannte, aber ihre Stimme war völlig verstummt. Valkyon hatte erwartet, dass sie sich die Seele aus dem Leib schreien würde, aber das einzige Geräusch war ein dumpfes, unmenschliches Gebrüll, was den ganzen Wald zu durchschallen schien. Wenn das die Bestie war, dann hatte das Mädchen nicht die geringste Chance und war vielleicht schon tot.

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Part VI: Asche auf mein Haupt


Als Valkyon die kleine Lichtung erreichte, sah er ein Wesen, das jaulend eine durchtrennte Liane in den Händen hielt. Es war nicht die Bestie, die mehrere Dörfer zerstört hatte.
Nein, es war ein ausgewachsenes Grookhan - vielleicht die Mutter des Kleinen, das sie am Strand gesehen hatten. Im Gegensatz zu dem kleinen Stein war dieses hier jedoch eine Ansammlung von großen Felsen, die von mehreren Lianen-Gewächsen zu einem gigantischen Stein-Koloss gehalten wurden.
Eines dieser Lianen hatte sich um das Mädchen gewickelt. Sie baumelte ein paar Meter über dem Boden und sah wie ebenfalls versteinert auf das Grookhan, das seinen Arm nach ihr ausstreckte.
Doch vermutlich nicht, um ihre Wange zu streicheln - so wie es brüllte.
Noch nie hatte Valkyon ein so großes Exemplar dieser Spezies gesehen.
Und er musste schnell handeln, denn das Grookhan sah ziemlich wütend aus.
Um es abzulenken, warf Valkyon das einzige, was er noch bei sich trug; sein Messer.
Mit einem Klirren schlug die Klinge neben dem Mädchen in den Stein. Die Steinhand erstarrte direkt vor ihrer Nase.
„Hey!“, rief Valkyon. „Was zum Henker treibst du da überhaupt?“
Das Mädchen löste ihren Blick von dem Grookhan und sah nun vorsichtig zu Valkyon herab.
Ihre Augen wurden nass und Tränen perlten an ihren Wangen herunter.
Das Grookhan sah ebenfalls auf Valkyon herab und zog sich das Messer wie einen Stachel aus der Schulter.
Von einer Verletzung konnte man nicht reden, aber es trug definitiv nicht zur Besserung seiner Laune bei.
Brüllend rammte das Grookhan die Klinge neben Valkyon in den Boden - doch dieser blieb gelassen.
Mit einer geschmeidigen Bewegung kniete Valkyon sich auf die Erde und griff nach dem Messer. Dann hielt er es kurz ins Mondlicht, bis er eine Stelle am Griff ausfindig gemacht hatte, aus der er einen kleinen Splitter herauslöste.
Es handelte sich um einen steinernen Splitter einer Statuette, den er mit einer sehr unterwürfigen Geste dem Grookhan vor die Füße legte. Als das Wesen den winzigen Splitter aus dem Staub hob, änderte sich seine griesgrämige Miene zu einem Ausdruck des Verzückens.
Unter anderen Umständen hätte Valkyon sich damit die Zuneigung des Gefährten sichern können, doch in dieser Situation reichte der wertvolle Splitter gerade einmal, um das Wesen zu besänftigen, damit es das Leben des Mädchens verschonte.
Die Lianen, die sich um ihren Körper gewickelt hatten, lösten sich. Was einerseits gut war, doch da sie nun in die Tiefe, begann sie wieder zu quietschen.
Erst als lange Grashalme gegen ihre Nase stupsten, verebbte ihr Geschrei. Sie begriff, dass sie wenige Zentimeter über der Erde abgebremst war.
Valkyon hatte sie so knapp aus der Luft gefangen, dass er nur ihr Bein erwischt hatte, und sie nun wie einen Sandsack auf seine Schulter hob. Der Schreck saß ihr immer noch tief in den Knochen, denn sie bewegte keinen Muskel. Selbst das Atmen schien sie vergessen zu haben.
Valkyon hingegen nickte dem Grookhan mit entschuldigender Miene zu und trug das Mädchen dann mit schnellen Schritten durch die Büsche, bis sie den Waldrand erreicht hatten.
Dort ließ er sie eher unsanft ins Gras fallen und holte kurz Luft.
Zwei Grookhan-Begegnungen an einem Tag. Die Wesen sind normalerweise extrem scheu. Also entweder hatte sie unglaubliches Glück oder ziemliches Pech.
Zumindest aber kam sie langsam wieder zu sich.
Sie hielt immer noch das große Blatt um ihren Körper geschlungen und sah so aus, als hätte sie es vorgezogen, sich für die nächste Zeit darunter zu verstecken. Das wäre Valkyon fürs erste auch recht gewesen. Sie musste das Grookhan ganz schön verärgert haben, so wütend wie es war.
„Ich brauchte einen Gürtel“, erklärte das Mädchen und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
Valkyon fasste sich an die Schläfe.
Also hatte sie deswegen die Liane des schlafenden Grookhan durchtrennt.
Müde ließ er sich ins Gras sinken.
Sie gehörte definitiv nicht zur aufmerksamen Sorte. Hatte sie denn gar kein Gespür für ihre Umwelt?
„Wird uns das Monster verfolgen?“, fragte sie und lugte verängstigt über den Blattrand hinweg in Richtung Wald.
„Das war kein Monster“, herrschte er sie an. „Du wärst auch sauer, wenn dich jemand im Schlaf anpackt.”
Empört schluckte sie die Tränen runter. „Woher sollte ich denn wissen, dass diese… diese Bestie plötzlich zum Leben erwacht?”
Bestie?!
Valkyon zog ein stechender Schmerz durch die Brust. Erinnerungen an die letzte Schlacht flackerten in seinen Gedanken auf. Er sah zum wiederholten Male die Szene vor seinem inneren Auge, in der das Untier über die Bewohner herfiel, während seine Kameraden von einem einfallenden, brennenden Haus begraben wurden.
Das Mädchen hatte überhaupt keine Ahnung, was sie da alles in einen Topf warf.
„Hier in Eldarya treiben ganz andere Gestalten ihr Unwesen”, wies er sie zurecht. „Die hätten dein Leben genauso wenig verschont, wie die Bewohner des zerstörten Dorfes, das du gesehen hast.“ Mit diesen Worten stand er auf und ging.
Menschen waren so unglaublich eingebildet.
Ohne Gnade rotteten sie alle Lebewesen aus, nur weil diese größer waren oder spitzere Zähne hatten. Als ob die Welt nur den Menschen allein gehören würde. Das ist kein Zeugnis von Stärke, sondern von Schwäche und Angst.
Als Valkyon Schritte hinter sich hörte, drehte er sich so abrupt um, dass das Mädchen direkt gegen seine Brust stolperte. Nur mit Mühe konnte sie das Blatt festhalten, das sie sich um den Körper geschlungen hielt. Sie sah so unglaublich zerbrechlich und erschöpft aus - würde sie der Bestie gegenüberstehen, hätte sie vermutlich nicht einmal die Kraft wegzulaufen.
Selbst allein war sie besser dran, als an der Seite eines Kriegers, der der Gefahr direkt in die Arme lief.
Valkyon blickte zögernd auf sie herab.
Es war nicht einfach jemanden wegzuschicken, der seinen Schutz brauchte, aber die Dörfer verließen sich darauf, dass er die Bestie ausfindig machte und dabei konnte er sie nicht in seiner Nähe gebrauchen. Bevor er jedoch die Worte sagen konnte, die ihm auf der Zunge brannten, legte sie den Kopf schief und sah verlegen zu ihm auf.
Valkyon dachte zunächst, es wäre die Scham in Anbetracht ihrer knappen Bekleidung, aber dann verzogen sich ihre Lippen zu der Andeutung eines Lächelns.
„Vielen Dank“, sagte sie. Ihre Stimme klang etwas zittrig aber aufrichtig. „Du hast mir das Leben gerettet. Zum zweiten Mal schon. Tut mir leid, dass ich das jetzt erst sage.“
Sie stieß scharf die Luft aus und ein fast heiterer Laut entwich ihrer Kehle. „Ich weiß, dass ich ein bisschen tollpatschig bin. Habe mich bitte nicht noch undankbar in Erinnerung.“
Valkyon wusste nicht, warum sie ihre Unsicherheit überspielte, aber mit diesen Worten hatte er tatsächlich nicht gerechnet.
„Du schuldest mir nichts“, erwiderte er, nicht minder unbeholfen. „Ich will nur, dass…“
„… ich gehe“, beendete sie seinen Satz und sah zu Boden. „Ich werde nicht versuchen, dir das auszureden. Ich weiß wie das ist, immer hinter anderen aufzuräumen, die ständig Mist bauen. Du solltest dich wieder um das kümmern,... was auch immer du da tust. Ich komme schon zurecht.“
Sie dachte wohl immer noch, dass hinter der nächsten Ecke eine Straße in Richtung irdischer Zivilisation führte. Das Mädchen war wirklich hoffnungslos naiv.
Der Wind wurde stärker und wehte ihr um die blanke Haut.
Valkyon stand einen Moment unschlüssig vor ihr.
Dann löste er eine seiner Bandagen, die er um das Handgelenk gewickelt hatte. Er kniete sich auf den Boden und zog das Mädchen an der Hüfte zu sich heran.
„Hey!“, rief sie und versuchte ihn von sich zu schieben.
„Halte still“, befahl er. „Du wolltest doch einen Gürtel.” Dabei band er die Bandage um ihre Taille und presste damit das Blatt fest an ihren Körper.
„Das ist nicht nötig…“, murmelte sie kleinlaut.
„Sagen wir so”, erklärte er, „das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, falls du wieder nach einem Gürtel suchen solltest.“
Als er zu ihr aufsah, lag ein Schatten auf ihren geröteten Augen, aber ihr Mundwinkel verzog sich zu einem schiefen Lächeln. Das Mondlicht blitzte auf ihren Zähnen, was ihn irgendwie doch an die Szene im Wald erinnerte. Er senkte schnell den Kopf, als könne sie die Erinnerung sonst in seinen Augen sehen. Mit einem letzten Knoten fixierte er schließlich die Schleife und trat dann ein paar Schritte von ihr weg.
„Schon morgen wirst du auf Leute treffen, die dir einen Teil deiner Fragen beantworten werden“, sagte er. „Du solltest dich jetzt schlafen legen. Ich werde deine Sachen holen.“
Da sie sich unschlüssig in der Gegend umsah, zeigte er zu der Stelle, wo noch die Glut des Feuers zu sehen war. „Du kannst dich für diese Nacht ans Lager legen. Morgen läufst du einfach gerade aus, bis du auf ein Dorf namens Balenvia triffst.” Er wies in Richtung Norden, am Wald vorbei.
„Und du?“
Valkyons Blick richtete sich auf den Wald zu ihrer rechten. „Ich habe etwas zu erledigen - wie du bereits gut erkannt hast. Keine Sorge, ich bin weg, bevor du morgen erwachst.”
Sie nickte etwas abwesend und wandte sich dann zum Lager.
Er selbst nahm den Umweg über den Wald.
Als er die Lichtung erreichte, war das Grookhan bereits verschwunden. Die Kleidung lag immer noch unangetastet auf einem Baumstumpf. Valkyon sammelte alles zusammen und nahm auch ein paar Stöcker mit, um den nassen Stoff neben der Lagerstelle aufzuhängen.
Als er zurückkehrte, lag das Mädchen bereits zusammengerollt auf dem Boden. Da sie das meiste Laub in der Gegend verstreut hatte, hatte sie etwas von der warmen Asche genommen und sich daraus eine Unterlage zusammengeschoben, die sie für die Nacht wärmte.
Vielleicht würde sie doch etwas länger hier überleben, dachte er sich. Seine Mühe konnte ja nicht komplett umsonst gewesen sein.
Auch Valkyon war so müde, dass er bereits im Stehen schlafen konnte. Dennoch wollte er die Vorbereitung vor dem Schlafengehen abschließen. Er bereitete daher auf der anderen Seite des Lagers seinen Schlafplatz vor, damit er das Mädchen nicht weckte, wenn er früh aufbrach.
Doch der Frieden währte nicht lange.
Kaum hatte er die Glut am Lager geschürt, um genug Wärme zum Trocknen der Kleidung zu erzeugen, blies der Wind Asche in sein Gesicht. Und diese Asche kam nicht von der Feuerstelle.
Valkyon neigte seinen Kopf zur Seite und erblickte einen orange-roten Schimmer am Rande des Waldes. Da er einen Sonnenaufgang ausschließen konnte, stieg eine fürchterliche Vorahnung in ihm auf.

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#8 Am 15.09.2021 um 21.04 Uhr

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>> Chapter 1: Valkyon
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Part VII: Auge um Auge


Während sich der gesamte Himmel verfärbte, als stünde die baldige Apokalypse bevor, spannte sich in Valkyon jeder Muskel, jedes Haar und jeder Nerv an.
Für ihn bestand nicht der geringste Zweifel daran: Die Bestie hatte erneut zugeschlagen.
Und jede Sekunde, die verstrich, konnte einem der Bewohner das Leben kosten.
Auch wenn Valkyon weder Trupp noch ordentliche Waffen hatte, vergeudete er keine Zeit mit Zweifeln.
Um schneller laufen zu können, legte er nur den oberen Teil seiner Rüstung an und ließ die schweren Beinplatten am Lager.
Trotzdem dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis er das Dorf erreichte.
Eigentlich war es der Gardist gewöhnt, lange Strecken in diesem Tempo zu laufen, doch er hatte schon seit einer Weile nicht mehr gut geschlafen, weswegen sich nun die Erschöpfung einen erbitterten Wettkampf mit dem Adrenalin lieferte, das durch seine Venen strömte. Ein Geruch von Schwefel und verbrannter Erde stieg ihm in die Nase.
Je weiter er sich der Hitze näherte, desto lauter dröhnten die Schreie in seinem Ohr und am Ende konnte Valkyon den Boden unter den Füßen nicht mehr spüren, so schnell eilte er durch die Büsche. Kaum hatte er das Waldeck durchbrochen, spiegelten sich schon die Flammen in seinen Augen wider. Funken sprangen in die Luft und tanzten über dem Dorf, als würden sie die erschreckende Szene verhöhnen. All diese Eindrücke weckten so viele Erinnerungen, dass Valkyon einen Moment brauchte, um sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
Mehrere Personen und Gefährten verließen derweil flucht-schwallartig ihre Häuser und suchten Schutz im Dickicht des Waldes.
Erst auf den zweiten Blick erkannte Valkyon eine Frau mit Hörnern, die am Rande des Dorfes stand und entsetzt in das Meer aus Flammen starrte. Valkyon erkannte sie sofort.
Es war Merys Tante, Mercedes, die vor Jahren das Refugium verlassen hatte, um ein ruhigeres Leben in einem der abgelegenen Dörfer zu führen.
Mit sowas hatte sie sicher nicht gerechnet. Niemand hatte das.
Ihre weißen Haare waren um Kieferrollen gewickelt und sie trug ein blassgrünes Nachthemd - der Angriff musste sie direkt aus dem Schlaf geholt haben.
Es ließ Valkyon erschaudern die Frau, die ihm früher heimlich Kekse zugesteckt hatte, so außer sich zu sehen.
Als Mercedes ihn bemerkte, eilte sie direkt auf ihn zu.
Keuchend hielt sie sich an seinen Armen fest und deutete auf ein Haus, dessen Fassade völlig von den Flammen verschlungen wurde. „Valkyon, den Sylphen sei Dank. Meine Tochter ist noch da drin. Lass nicht zu, dass das Monster sich mein Mädchen schnappt.“
Valkyon gab Mercedes Halt, ehe es bei ihm Klick machte.
„Es ist noch in eurem Dorf?“, fragte er erstaunt.
Bisher war die Bestie so flink und heimlich verschwunden, wie sie erschienen war. Kaum einer wusste, wie sie das ganze Dorf in so kurzer Zeit in Flammen stecken konnte, was es unmöglich gemacht hatte, ihr eine taktische Falle zu stellen.
Bevor Mercedes zu einer Antwort ansetzen konnte, sah Valkyon schon die Konturen eines gigantischen Wesens aufragen, welches langsam an den Häusern entlang kroch.
Aus dem geschuppten Kopf, der sich über den Dächern erhob, drangen zwei lange Hörner heraus, die wie ein ins Feuer gelegtes Eisenrohr glühten. Die Größe des Körpers war kaum zu erfassen, da Hals, Rumpf und Schwanz nahtlos ineinander übergingen und es sich wie eine Echse durch die Gassen windete. Es schien nicht aufrecht auf zwei Beinen gehen zu können, sondern stützte sich mit der Linken Vorderklaue an den Hauswänden ab.
In den Klauen seiner Rechten hielt es ein Mädchen gepackt, das sich mit aller Kraft zur Wehr setzten.
Vergeblich.
Die Nägel umschlossen sie wie die Gitter eines Käfigs.
Valkyon zückte sein Messer.
Er wusste, dass er damit keine echte Chance hatte, aber vielleicht konnte er die Bestie wenigstens ablenken und von dem Dorf weglocken.
Er wies Mercedes an, sich ebenfalls im Wald zu verstecken und schlich dann an der Häuserwand entlang.
Vorsichtig näherte er sich dem Haus, auf das Mercedes gezeigt hatte, um einen Überraschungsangriff zu starten.
Gerade als die Klauen der Bestie in das flammende Haus griffen und nach Merys Cousine zu langen schienen, stach Valkyon mit voller Kraft zu.
Die Klinge sauste in einen der Zehen, mitten ins Fleisch.
Ein ohrenbetäubender, gellender Schrei brach über Valkyon herein und der Blick der Bestie senkte sich auf ihn herab. Valkyon erinnerte sich an diese blutroten Augen, die ihn wie giftige Pfeile zu durchbohren schienen.
Schon bei ihrer ersten Begegnung war ihm das im Gedächtnis geblieben, während alles andere zu einer Erinnerung des Grauens verschwamm.
Ein heißer Atem blies ihm entgegen, und Valkyon hatte das Gefühl, dass auch die Bestie ihn zu erkennen schien, da sie ihn einen Moment zögernd taxierte.
Ohne den Blick von den stechenden Augen abzuwenden, griffen Valkyons Finger nach dem Schaft des Messers, um zu einem erneuten Schlag anzusetzen.
Die Bestie war jedoch nicht zum Kämpfen aufgelegt, sondern stieß Valkyon wie eine lästige Fliege mit dem Fuß davon, ehe dieser sein Messer überhaupt zu greifen bekam.
Die Wucht schleuderte es ihn mehrere Meter weit, geradezu gegen eine Hauswand, wo ein Teil der Fassade auf ihn niederprasselte.
Ein verdächtiges Knacken war die Folge – und das kam leider nicht von seiner Rüstung.
Als Valkyon versuchte sich wieder aufzurichten, spürte er einen stechenden Schmerz in seiner Schulter.
Mit aller Kraft versuchte er sich aufzurichten, aber sein Arm knickte einfach weg und er sackte vornüber in den Staub. Von dort war es ihm unmöglich sich schnell genug zu erheben, um das zu verhindern, was sich nun vor seinen Augen abspielte.
So zerrte die Bestie ein blondes Mädchen aus dem Haus, als wäre sie eine schlüpfrige Sardine aus dem Glas. Valkyon erkannte jedoch an den blonden Haaren und den Hörnern, dass es sich um Merys Cousine und Mercedes Tochter handelte, die sich nach Leibeskräften wehrte und auf die Klaue einhämmerte. Ungerührt wurde das Mädchen in das Krallengefängnis der anderen Hand überführt, wo sie gemeinsam mit der anderen – ebenfalls ein kleines, blondes Mädchen - vergeblich nach Hilfe schrie. Es war jedoch nicht mehr als ein Flüstern im Angesicht des Sturmes.
Mit aller Kraft schob Valkyon die Steine von sich und wälzte sich auf die Seite.
Doch es war zu spät.
Er konnte nichts anderes tun, als mit verbissener Miene zusehen, wie das Monster schließlich mit seiner Beute im Wald verschwand und bis auf Zerstörung in diesem Feuerkessel nichts zurücklies.
Im ersten Impuls wollte Valkyon der Bestie sofort hinterher.
Ihm war klar, dass er dazu kaum in der Lage war, aber das Risiko hätte er in Kauf genommen. Doch worüber er nicht hinwegsehen konnte, war, dass er hier viel mehr gebraucht wurde.
Schon aus den Augenwinkeln hatte er einen Jungen bemerkt, der sich unter einem Schuppen in der Gasse versteckt hielt. Die Bretter hatten schon Feuer gefangen und die Ziegel drohten über ihm zusammenzubrechen.
„Du musst da raus!“, rief er dem Jungen zu.
Doch dieser hielt nur seinen Gefährten fest umklammert; ein Becola-Baby, das wie am Spieß quiekte.
Bei näherem Hinsehen erkannte Valkyon, dass sich dessen Schwanz unter einem der Bretter verfangen hatte, und von allein nicht aus dem selbstersuchten Grab fliehen konnte.
Mühsam hievte sich Valkyon auf die Beine.
Seine Schulter brannte wie Hölle.
Dennoch stolperte er irgendwie auf den Jungen zu, der sich jedoch nicht überreden ließ, ohne seinen Gefährten aus dem Schuppen zu klettern.
Der Schuppen war klein und schmal und kaum dass Valkyon sich daran gemacht hatte, den Schwanz des Becolas aus dem Holz zu befreien, gaben die Bretter auch schon über ihnen nach.

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#9 Am 19.09.2021 um 18.28 Uhr

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Part VIII: Um Haaresbreite


Obwohl die Bestie längst verschwunden war, traute sich keiner der Dorfbewohner aus ihren Verstecken. Anstelle mit den Löscharbeiten zu beginnen oder in den Trümmern nach Verschütteten zu suchen, hatten sie in alle Himmelsrichtungen Reißaus genommen. Die Angst vor der Rückkehr der Bestie war so groß, dass nur jene im Dorf zurückblieben, die sich zuerst in ihren Kellern versteckt hatten, nun aber vor dem ausbreitenden Feuer fliehen mussten.
Während immer mehr Gebäude einstürzten, nahm das Geschrei auf den Straßen zu. Da jedoch niemand die Ausbreitung des Feuers verhinderte, wurden weitere Rettungsversuche schnell unmöglich und die Zahl der Fluchtwege immer kleiner.
Eben jene Kurzsichtigkeit hatte bereits im vorherigen Dorf dazu geführt, dass Valkyon seine Kameraden im Feuer verloren hatte und sie führte auch jetzt dazu, dass ihm und dem Jungen keiner zur Hilfe kam.
Doch der Anführer der Obsidian-Garde gab so schnell nicht auf.
Mit aller Kraft stemmte sich Valkyon gegen die tragenden Pfeiler und hielt so die glühenden Bruchstücke davon ab, auf den Jungen und seinen Gefährten herabzufallen.
Allerdings kam er so nicht an das Brett heran, unter welchem der Schwanz des Becolas gequetscht war.
Die Dachziegel bröckelten weiter in sich zusammen, während er versuchte den kompletten Zusammensturz des Schuppens zu verhindern.
Der Junge ging von einem Schluchzen zu einem panischen Heulen über, doch der Schwanz ließ sich nicht herausziehen, ohne dass das Becola vor Schmerzen aufquiekte und in dessen Hand biss.
„Du musst noch ein bisschen durchhalten“, presste Valkyon hervor und löschte mit der freien Hand die Flammen, die auf seiner Kleidung entlang züngelten. Seine Schulter brannte so sehr, dass er nicht wusste, ob es die Verletzung oder das Feuer war, was ihm mehr zusetzte.
Valkyon hatte keine Ahnung, wie er sie alle drei aus dieser hoffnungslosen Lage befreien konnte und spielte mit dem Gedanken, den Jungen gegen seinen Willen von seinem Gefährten wegzuziehen, um wenigstens ihm das Leben zu retten.
Das war in dieser Situation das einzig richtige, auch wenn es hieß, ein Lebewesen zum Sterben zurückzulassen. Valkyon wusste das, aber in seinem Kopf war pures Chaos, denn das Geschrei um ihn herum zerrte so stark an seinen Nerven, dass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.
Wie ein Strudel drohte ihn die Situation zu verschlingen, bis wie aus dem Nichts ein Schatten auftauchte. Etwas, nein… jemand huschte an Valkyon vorbei und zwang sich in den Schuppen hinein.
Braune Haare wirbelten durch sein Blickfeld und zwei schmale Hände griffen in den Spalt unter dem Brett, welches das Becola gefangen hielt.
Verwirrt blinzelte Valkyon gegen das grelle Licht der Flammen, da er sich nicht sicher war, ob er halluzinierte.
Er war so erstaunt, sie hier zusehen, dass ihm beinahe die Bretter aus der Hand glitten.
Das Mädchen war noch immer bis auf das große Blatt völlig unbekleidet, welches nur dank seiner Bandage überhaupt als Verhüllung durchging.
Doch dieser Umstand hielt sie nicht davon ab, sich mitten in die Flammen zu stellen, ihre Finger unter das Brett zu quetschen und es dann mit all ihrer beschränkten Kraft nach oben zu ziehen.
Ihre Zähne blitzten im Schein des Feuers, ihre Arme zitterten unter der Anstrengung, das Holz knarzte und doch… bewegte sich das Brett keinen Millimeter.
Sie ist nicht stark genug, erkannte Valkyon bitter.
Er stemmte sich weit gegen die Pfeiler, sodass fast das gesamte Gewicht des Schuppendaches auf seinen Schultern lastete.
Die Balken klapperten und starker Rauch zog auf. Die Finger des Mädchens pressten sich immer tiefer in den Spalt, bis das Brett sich schließlich aus seiner Verkeilung lösen ließ. Kaum hatte sie das Gewicht des Holzes in den Händen, lag der Schwanz des Becolas frei.
„Jetzt!“ rief sie dem Jungen zu.
Dieser fackelte nicht lange, packte seinen Gefährten am Nacken und schlüpfte mit ihm unter Valkyons Beinen hindurch.
Valkyon spürte, wie die Last von seinen Schultern wich. Wortwörtlich.
Oh, oh.
In dem Moment brach das Dach in sich zusammen.
Glühende Ziegel polterten herab und sausten an ihnen vorbei.
Valkyon ließ von den Brettern ab und griff nach dem Mädchen. Mit einer schnellen Drehung zog er sie in seine Arme und sich mit ihr aus dem Schuppen heraus.
Der gesamte Schuppen fiel in sich zusammen, während sie sich an die Hausfassade pressten und beteten, dass wenigstens diese stehen blieb.
Die Steine trafen seine Schulter, aber die war so taub, dass er den Schmerz kaum spürte.
Das einzige, was er wahrnahm, waren ihre Hände, die sie um seinen Hals und seinen Kopf geschlungen hatte.
Wie ein Panzer schloss sie ihn immer fester in ihre Arme und schirmte seinen Kopf mit ihren Händen vor allem ab, was von oben in die Gasse nachrutschte. Obwohl Valkyon hörte, wie die Steine auf ihre Hände krachten und sich eine Druckwelle auf ihren Armen ausbreitete, dachte das Mädchen gar nicht daran, ihn loszulassen.
Erst als das Beben neben ihnen nachließ, glitten ihre Finger von ihm herab wie eine kaputte Rüstung. Auch Valkyon löste seinen Griff von ihr und ließ ihr etwas Raum zum Atmen.
Doch seinen Blick vermochte er nicht von ihr zu wenden.
Er konnte immer noch nicht glauben, dass sie wirklich hier war und keine Truggestalt, die er sich einbildete oder einfach ein Mädchen, das ihr unglaublich ähnlich sah.
Aber das war eindeutig sie.
Derselbe schüchterne Blick, mit dem sie es kaum wagte zu ihm aufzuschauen, während gleichzeitig leise Flüche ihre Lippen verließen, immer dann wenn neben ihnen ein weiterer Teil der Fassade herunter krachte.
Es waren dieselben Hände, bei denen Valkyon nie wusste, ob sie ihn auf Abstand wahren oder festzuhalten versuchten.
Und derselbe Körper, der immer noch so stark unter der Anspannung zitterte, als hätte sie die Herzschlagrate eines Kolibris.


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#10 Am 22.09.2021 um 21.29 Uhr

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Part IX: Morgentau auf Lotusklee


Neben ihnen ertönten grelle Rufe von Shaukobows, die aus den zerstörten Ställen drangen und ihrerseits einen Weg aus der sengenden Hitze suchten.
Valkyon rissen die Laute aus seinen Gedanken.
Zum Glück.
Denn hier wurde es langsam richtig ungemütlich.
Er hielt das Handgelenk des Mädchens fest, während sie über den ehemaligen Marktplatz eilten.
Das Feuer hatte sich inzwischen so weit ausgebreitet, dass die meisten Fluchtwege nicht mehr zu passieren waren und sie den Weg über die Eingangspforte gehen mussten. Neben der steigenden Hitze lag das Hauptproblem vor allem im aufziehenden Rauch. Daher war Schnelligkeit das höchste Gebot, weil sich sonst die giftigen Gase in ihren Lungen abzusetzen drohten.
Das Mädchen begann zu röcheln und Valkyon ahnte, dass sie nicht lange würde mit ihm Schritt halten können.
Bevor sie schlapp machte, hob er sie auf seinen Rücken und trug sie durch das Eingangstor.
Keine Sekunde zu früh, denn schon im nächsten Moment stürzten die Pfeiler in sich zusammen und blockierten hinter ihnen den Weg.
Obwohl sie sich längst außerhalb der Gefahrenzone befanden, rannte Valkyon immer weiter, bis sie die Häuser weit hinter sich gelassen hatten und frische Luft ihnen entgegen blies.
Dann sank er auf die Knie.
Das Mädchen keuchte und rutschte von seinem Rücken hinunter.
Er hörte, wie sie hinter ihm in den Staub fiel.
„Ich will augenblicklich wissen, was hier los ist“, sagte sie. Hustete.
„Bin froh, dass wir noch leben“, erklärte Valkyon so ehrlich wie ausweichend.
Sie stöhnte.
Nicht genervt, wie er erwartet hatte, sondern schmerzverzerrt.
Valkyon drehte sich zu ihr um und sah, wie sie sich auf dem Boden krümmte.
Da sie auf ihn nicht reagierte, schob er sie auf den Rücken und fand die Quelle ihres Schmerzes.
Ihre Arme sahen aus, als hätte sie jemand in glühende Kohlen gesteckt.
Sie waren aufgeschürft, blau, teils verbrannt und rot. Das volle Programm.
Und die Hände sahen noch schlimmer aus.
Valkyon sah keine andere Option.
Er lief noch einmal zurück, in die Nähe des Dorfes, wo er sich etwas Feuer holte, was er zurück zu dem Mädchen trug.
Als er dort seine Klinge in die Glut hielt, um die Schneide abzubrennen, sah sie ihn mit großen Augen an.
„Keine Sorge, ich will dir nicht die Arme abtrennen, sondern nur die Splitter herausholen“, erklärte Valkyon. „Dazu muss das Messer halbwegs keimfrei sein, sonst entzünden sich die Wunden.“
Die Aussicht, dass er mit einem Messer in ihrem Fleisch herumbohrte, ob keimfrei oder nicht - beruhigte sie keinesfalls, aber sie war zu erschöpft, um sich groß zur Wehr zu setzen und ließ es über sich ergehen, als Valkyon die Messerspitze in ihre Finger senkte, um die Splitter komplett herauszulösen. Mit einer Nadel wäre es einfacher gegangen, aber im Umgang mit Waffen war Valkyon geschickt genug.
Dass sie sich nicht stark wehren konnte, kam ihm dabei zugute, denn sein brennender Arm war kaum imstande die Klinge zu führen, geschweige denn das Mädchen am Boden zu halten.
Als er fertig war, rührte er mithilfe einiger großer Steine eine rustikale Mixtur von entzündungshemmenden Pflanzen zusammen, die er auf ihren Fingern verteilen konnte.
Nicht zu vergleichen, mit dem, was Ewelein oder Ezarel zusammenmischen konnten, aber fürs erste würde es die Heilung beschleunigen und ihre Leiden lindern.
„Du hättest beim Lager bleiben sollen”, tadelte Valkyon. „Es war ganz schön hirnrissig, mir in ein brennendes Dorf zu folgen“
Schon während er die kühle Paste auf ihre Arme strich, begann sie sich zu entspannen.
Sie seufzte. „Als ob ich je etwas Vernünftiges getan hätte, seitdem ich hier bin.“
Valkyon nahm sich ihren anderen Arm vor. „Das ist kein Witz. Du hättest dabei draufgehen können.“
„Tut mir leid“, murmelte sie. „Mir ist klar, dass ich das nur überlebt habe, weil du mich schon wieder gerettet hast. Ohne dich hätte ich nicht einmal das blöde Brett bewegen können.“
„Entschuldigungen ändern auch nichts“, erwiderte Valkyon schroff. „Ich will, dass du deinen Verstand benutzt.“
Das war eigentlich nicht das, was er sagen wollte.
Ihm war schließlich bewusst, dass sie die Verletzungen an den Armen nur davongetragen hatte, weil sie damit seinen Kopf vor den herabfallenden Ziegeln abgeschirmt hatte.
Er wusste, warum er sich so ärgerte.
Und das ärgerte ihn noch viel mehr.
Denn ohne sie hätte er den Jungen und seinen Gefährten nicht zu retten vermocht.
Sie, die nicht weniger tollpatschig war als ein Grookhan im Porzellanladen, hatte ihr Leben für einen Gefährten riskiert.
Und sie glaubte allen Ernstes, dass sie sich entschuldigen müsse.
Erst jetzt merkte Valkyon, dass er die Paste länger auf ihre Finger verteilte, als nötig war und ließ ihre Hand los. „Du solltest jetzt schlafen. Wirklich.“
Das Mädchen drehte ihren Kopf in seine Richtung. Sie sah gequält aus, was angesichts ihrer Verletzungen nicht ungewöhnlich war. Doch sie begann erst bei seinen letzten Worten zu zittern.
Er rückte sie näher zum Feuer, aber es war auch nicht die Kälte, die sie so erschaudern ließ.
„Was ist mit dir?”
Sie sah zu ihm auf, aber irgendwie doch an ihm vorbei. „Ich kann nicht schlafen”, erwiderte sie.
Valkyon verstand ihr Problem nicht.
Sie sah so fertig aus, als ob sie jeden Moment zusammenbrechen würde und die Ringe unter ihren Augen waren so breit und dunkel, dass sie einem ausgehungerten Vampir Konkurrenz machte.
Sie schien sein Unverständnis zu bemerken und schluckte.
„Ich habe Angst“, gestand sie schließlich. Auch wenn ihr zaghaftes Flüstern fast im Knistern des Feuers unterging. Diese Worte auszusprechen schien ihr unendlich viel Überwindung zu kosten.
„Die Bestie kommt so schnell nicht wieder“, versuchte Valkyon sie zu beruhigen. Er konnte das nicht mit Bestimmtheit sagen, aber er hielt es aus mehreren Gründen nicht für wahrscheinlich. Zum einen passte das nicht in das Muster und zum anderen würde man ein Monster von der Größe schnell bemerken, wenn man so nah am Boden schlief. Valkyon könnte sie also auf jeden Fall rechtzeitig in Sicherheit bringen.
„Das ist es nicht“, widersprach das Mädchen und richtete ihren Blick ins Leere, als würde sie sich für die folgenden Worte schämen. „Ich habe Angst vor dem Morgen. Ich habe Angst, dass wenn ich morgen aufwache, ich immer noch hier bin. Ich habe Angst, dass es kein Traum ist und ich wirklich an diesem verfluchten Ort feststecke. Wenn ich aufwache, dann ist alle Hoffnung weg und ich bin ganz allein. Deswegen kann… nein, deswegen will ich nicht schlafen.“ Mit diesen Worten schluckte sie ihre aufkeimende Trauer herunter.
Valkyon sah sie nur unschlüssig an.
Eine seltsame Denkweise, dachte er sich.
Allerdings war alles an ihr seltsam und widersprüchlich.
Sie hatte doch heute schon geschlafen, als er das Lager aufgebaut und später als er ihre Kleidung zum Trocknen aufgehängt hatte.
Wobei, hatte er es denn je überprüft?
„Du hast gar nicht geschlafen, als ich das Lager verlassen habe, oder?”
Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe es versucht, aber ich konnte nicht. Was glaubst du, warum ich dir gefolgt bin?”
„Das heißt, du hast nur so getan, als ob du schläfst”, korrigierte er und presste beleidigt die Lippen zusammen. Auch wenn er sich mehr über sich selbst ärgerte, dass ihm das nicht aufgefallen war.
„Ich hatte den Eindruck, du hattest alles gesagt und wolltest mit mir nichts mehr zu tun haben.”
Womit sie wohl recht hatte. Daraus hatte er kein Geheimnis gemacht.
Selbst jetzt fiel es ihm schwer, eine Unterhaltung mit ihr zu führen. Zumal er einfach nicht sagen konnte, was er dachte. Als weigere sich seine Zunge mit seinem Gedanken zu kooperieren.
Er hätte ihr gerne erklärt, dass die Welt so oder so morgen schon ganz anders aussehen wird - dass eh nichts Bestand hatte und Veränderungen nicht immer schlecht wären.
Er wusste jedoch auch, dass sie das nicht beruhigen würde.
Zwar schien ein Teil von ihr langsam zu begreifen, dass das hier sehr real war und kein Traum, aber sie wehrte sich noch dagegen. Sie wehrte sich zu stark, um ihr zu erklären, wie diese Welt funktionierte und dass es kein Zurück gab.
Solange sie das jedoch nicht akzeptierte, würde alles andere an ihr abperlen wie Morgentau auf Lotusklee.

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#11 Am 25.09.2021 um 21.42 Uhr

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>> Chapter 1: Valkyon
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Part X: Das Versprechen



Valkyon hatte keine Kraft, sich die Rüstung vom Oberkörper zu streifen. Seine Schulter würde er morgen untersuchen müssen. Jetzt war er zu erschöpft.
Die Verletzung schien ernst, aber nicht lebensbedrohlich und er wusste, dass ihm die Schmerzen nicht am Schlaf hindern würden.
Obwohl er durch seine Arbeit als Schmied an Hitze gewöhnt war, legte er sich zum Schlafen nicht auf die andere Seite direkt ans warme Lagerfeuer, sondern hinter das Mädchen auf die trockene Erde. Auf diese Weise war sie gegen den peitschenden Wind, der immer wieder Asche und Staub aufwirbelte, von zwei Seiten geschützt und Valkyon lag soweit in ihrer Nähe, dass er sie schnell genug erreichte, falls sich ihnen nachts doch die Bestie nähern sollte.
Inzwischen war es weit nach Mitternacht, aber der Atem des Mädchens hatte sich immer noch nicht beruhigt. Es waren nicht die Schmerzen, da war er sich sicher.
Es war die Angst, die immer noch in ihrem Kopf herum geisterte und dafür kannte Valkyon keine Medizin.
Keine Medizin, aber...
Er ließ sich ihre Worte noch einmal durch den Kopf gehen.
[...] Wenn ich aufwache, dann ist alle Hoffnung weg und ich bin ganz allein.
Valkyon traf die Erkenntnis wie ein erbarmungsloser Peitschenhieb.
Und er sah glasklar, was für ein Trampel er doch manchmal war.
Er drehte sich auf die Seite, stützte sich auf seinen gesunden Arm und sah auf sie herab.
Dann nahm er all seinen Mut zusammen.
„Du bist nicht allein“, sagte er in die Stille.
Sie lugte vorsichtig durch ihre langen Wimpern, tat so als würde sie schlafen, obwohl sie es offensichtlich immer noch nicht konnte.
Valkyon sprach unbeirrt weiter. „Auch wenn sich morgen nichts geändert haben sollte, wirst du in ein bekanntes Gesicht sehen, wenn du aufwachst. Selbst wenn all deine Hoffnung zerbricht: Ich bin da.“ Seine Worte hallten im Wind wie ein mystischer Schwur.
Das Mädchen riss die Augen auf, sah zu ihm hoch und schien etwas zu suchen.
Irgendeinen Anhaltspunkt darauf, dass er sie nur belächelte oder sie verhöhnte.
„Ich dachte, du bist weg, bevor ich aufwache”, murmelte sie ungläubig.
Valkyon wusste, dass er das gesagt hatte. Schließlich wollte er so wenig wie möglich mit ihr zu tun haben, aber verletzen wollte er sie nicht. Zudem hatten sich seine Pläne geändert. In seiner derzeitigen Verfassung würde er ohnehin nicht weit kommen und vielleicht brauchte er ihre Hilfe beim Einrenken seiner Schulter.
„Ich werde nicht gehen, bevor du erwacht bist, versprochen.“
Ihr Blick verharrte auf seinem Gesicht, doch die Sorgenfalte auf ihrer Stirn verschwand.
Sie sah ihn einen Moment lang an und nickte dann, als hätte sie gewusst, dass er auf eine Bestätigung wartete. Auch wenn er ihr bisher keinen Anlass geliefert hatte, ihm zu misstrauen, war er froh, dass sie seinen Worten so viel Vertrauen schenkte.
Bei der Erinnerung an all jene, die er enttäuscht hatte, war es gut, jemanden an seiner Seite zu wissen, der an ihn glaubte.
Moment… Valkyon ruderte gedanklich zwei Schritte zurück.
Es änderte nichts daran, dass er das Mädchen morgen zu einem Dorf schicken musste.
Jeder Ort erschien ihm sicherer als der Platz an seiner Seite.
Das würde sie ohne Zweifel selbst einsehen, wenn sie ihre Lage erst einmal realisiert hatte. Doch für diese Nacht spielte der Morgen keine Geige.
Auf ihren Lippen lag die Andeutung eines Lächelns, als sie den Kopf wieder senkte.
Aber vielleicht bildete Valkyon sich das auch nur ein.
„Ich würde es wieder tun”, sagte sie und schloss die Lider. „Dem Jungen und seinem Haustier zur Hilfe eilen, meine ich. Das hat sich gut angefühlt. Richtig.”
Valkyon schmunzelte, denn er wusste genau, was sie meinte.
Manchmal zweifelte man an dem großen Ganzen. Dass es irgendeine höhere Macht gab, die all das Elend gutheißen konnte, das geschah. Man zweifelte daran, dass man der Welt etwas bedeutete.
Deswegen musste man einander etwas bedeuten.
Wir durften uns nicht egal sein. Wir alle, die diesen Planeten… diese Welten bevölkerten.
Er war froh, dass sie das auch so zu sehen schien.
Vielleicht war die menschliche Spezies doch nicht so hoffnungslos wie er immer geglaubt hatte.
„Wir nennen sie Gefährten, nicht Haustiere”, sagte er. „Das Becola-Baby des Jungen und auch das Grookhan, auf das du im Wald... getroffen bist.”
„Sie Gefährten zu nennen macht sie in meinen Augen nicht weniger… gefährlich.” Sie seufzte, doch ihre Augen blieben geschlossen. „Hast du auch so einen Gefährten?“
Valkyons Blick trübte sich schlagartig, was sie zum Glück nicht sehen konnte. Eigentlich hätte er mit der Frage rechnen müssen, aber irgendwie hatte sie ihn doch kalt erwischt.
Es fiel ihm nicht leicht über seinen Gefährten zu sprechen, denn leider war Valkyon vor ein paar Tagen gezwungen gewesen, seine Musarose zurück zum H.Q. zu schicken. Zum einen mussten die Angehörigen der gefallenen Gardenmitglieder verständigt werden, die unter seiner Leitung bei der letzten kriegerischen Auseinandersetzung gefallen waren, und zum anderen hatte sie sich die letzten Wochen schwer verausgabt und brauchte eine Pause, bevor sie sich noch verletzte. Dass er seinen Gefährten weggeschickt hatte, hielt Valkyon immer noch für die richtige Entscheidung, dennoch vermisste er Floppy sehr.
„Vielleicht triffst du irgendwann auf sie“, murmelte Valkyon mehr zu sich selbst.
„Das wäre schön“, sagte das Mädchen und rückte mit dem Kopf ein Stück zu ihm heran, „Haustiere verraten einem viel über ihr Herrchen. Gefährten sind da sicher keine Ausnahme.“
Valkyon war sich nicht ganz sicher, was sie damit sagen wollte, und als er nachfragte, atmete das Mädchen nur stoisch gegen seine Weste.
Zwar kaufte er ihr nicht ab, dass sie schlief, aber er beließ es dennoch dabei.
Vorerst. Morgen war schließlich auch noch ein Tag. Es gab so vieles, das das Mädchen noch lernen musste und Valkyon könnte sich mit dem Gedanken anfreunden, ihr das nötigste beizubringen, bis sie sich allein in dieser Welt zurecht fand. Sie war vielleicht ein bisschen schwer von Begriff, aber im Grunde ihres Herzens recht anständig. Und in den umliegenden Dörfern wurden Leute wie sie gebraucht. Es gab so viel wieder aufzubauen und so viele, die Trost brauchten.
Sie war nicht die einzige, die Angst vor dem Morgen hatte.
Valkyon sah sie noch eine Weile an, bis ihre Atemzüge so weit auseinanderlagen, dass er sicher sein konnte, dass sie wirklich eingeschlafen war.
Ihm fiel in dem Moment auf, dass er ihren Namen gar nicht wusste.
So was Banales und doch hatte er völlig vergessen, sie danach zu fragen.
Das würde er morgen als erstes tun, nahm er sich vor und schloss dann seinerseits die Lider.
Gleich als erstes…

Es raschelte.
Valkyon öffnete die Augen.
Er stellte jedoch fest, dass es kaum einen Unterschied machte.
Es war immer noch stockdunkel und das magere Licht der Glut war kaum heller als die Sterne.
Dann raschelte es erneut.
Nun, ein Rascheln konnte alles bedeuten.
Allerdings sollte man nicht alles ignorieren. Daher beschloss Valkyon nachzusehen.
Diesmal brauchte er etwas länger, um sich zu erheben, denn er war noch müder als vor dem Schlafengehen.
Ihm war schwindelig vor Schmerzen, doch das Geräusch zu seiner Linken konnte er schlecht ignorieren, da es lauter zu werden schien.
Das musste vom Waldrand kommen.
Er versuchte die Größe des Wesens abzuschätzen, das sich durch die Büsche bewegte.
Es schien nicht schwer, und damit auf jeden Fall nicht größer als er zu sein.
Vielleicht einer der Dörfler, der auf der Suche war, nach irgendwas oder irgendjemanden.
Für Valkyon war der Fall fast erledigt, denn offenbar drohte keine Gefahr und das war in seinem jetzigen Zustand das einzige, was ihn interessierte. Denn auch wenn er in keiner guten Verfassung war, würde sich kein Räuber wagen, den Anführer der Obsidian-Garde zu überfallen. Und als solcher war er trotz halber Rüstung zweifelsfrei zu erkennen.
Er wandte sich zum Gehen, doch er kam nicht weit.
Ein Knacks direkt hinter ihm.
Ein Fuß in seiner Kniekehle.
Valkyon knickte ein, spürte, wie ihm jemand eine Hand auf den Mund presste und roch die Flüssigkeit, die ihm die Person einflößte.
Nicht so bitter, wie das Gefühl, das sich auf seiner Haut ausbreitete.
Er wusste, dass er tief in der Patsche steckte, als die Tinktur begann seinen Verstand zu benebeln.
Er kam nicht dazu, sich zur Wehr zu setzen, denn er hatte keine Kontrolle über seinen Körper. Oder seinen Geist.
Er sah die winzige Glutstelle, an der nur eine schemenhafte Silhouette an das Mädchen erinnerte, das unbeirrt weiterschlief. Zusammengerollt, als wäre die Welt unter dem großen Blatt noch völlig in Ordnung.
Valkyon hatte keine Chance, sie zu wecken, ihr klarzumachen, dass sie fliehen musste.
Doch scheinbar interessierte sich der Angreifer nicht für sie oder er hatte sie nicht einmal bemerkt.
Ein Seil wickelte sich um Valkyons Brust und er spürte, wie ihn jemand über die Erde schleifte.
Ja, jemand.
Valkyon konnte eindeutig die Schritte hören. Dumpf, matt, und doch seltsam leicht.
Sie zogen ihn weg von dem Licht.
Tiefer in den Wald.
Entfernten ihn immer weiter von seinem Versprechen.

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#12 Am 29.09.2021 um 20.08 Uhr

Garde Shadow
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>> Chapter 2: Nevra
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Part I: Prioritäten


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Vielleicht war es der Duft, den sie verströmten oder die warme Haut, mit denen sie sich für gewöhnlich an ihn schmiegten oder vielleicht waren es auch einfach nur die Worte, die sie in sein Ohr säuselten.
Auf jeden Fall wäre ein Leben ohne Frauen ziemlich trostlos, dachte sich Nevra und strich der Dame vor sich eine Strähne hinter ihre braunen Rehohren.
Es kratzte nur ein bisschen an seinem Gewissen, dass er tief in den Wald gehen musste, um sich dort mit ihnen zu treffen. Schließlich hatte ihm Miiko solche Treffen während einer Mission untersagt.
Ihre Worte lagen immer noch in seinen Ohren.
Besonders bei einer gefährlichen Mission wie dieser wären derartige Ablenkungen tödlich.
Doch Miiko konnte ihm erzählen, was sie wollte. Es war definitiv Absicht, dass sich in seiner Lagersektion keine weiblichen Gardemitglieder befanden und irgendwie musste er seinen Durst als Vampir schließlich stillen.
„Wie lange seid ihr noch hier?“, fragte die Rehdame und lehnte sich gegen seine Hand. Sie war eine Dörflerin aus den südlichen Wiesengebieten, die sich bereiterklärt hatte, ihm in den Wald zu folgen. Sie wusste, was das für sie bedeutete. Nevras Ruf eilte ihm da weit voraus.
„Solange bis Valkyon uns sagt, wo wir die Bestie finden können“, sagte er und fuhr mit einem Finger über ihren Hals. „Dann werden wir es töten und ihr seid wieder in Sicherheit.“
Was so einfach klang war in Wahrheit eine Mission, die sie jetzt schon seit über zwei Wochen im Süden Eels festhielt. Die Größe des kleinen Missions-Lagers hatte sich sogar verdoppelt und Miiko war eifrig dabei, weitere Bewohner zu rekrutieren, die sie bei der Verteidigung unterstützen konnten. Die Jagd nach der Bestie hatte inzwischen überregionale Ausmaße angenommen, aber solange sie nicht gefasst wurde, waren die umliegenden Dörfer in großer Gefahr.
„Ihr solltet euch für diesen Kampf stärken“, schlug die Frau vor und reckte ihren Hals näher zu seinen Lippen. Nevra sah, wie sich die Schlagader unter ihrer hellen Haut wölbte. Die humanoiden Frauen in diesem Wald kamen nicht oft an die Sonne und so glänzte ihre Haut meist silbrig.
Sein Mund öffnete sich bei dem Duft und er drückte sie ein Stück gegen einen Baum, was ihr ein kehliges Stöhnen entlockte.
Nevra war ein Genießer, durch und durch.
Für das Blut, das ihm die Frauen gaben, bezahlte er. Auf seine Art.
Aber dieses Mal wollte er es schnell hinter sich bringen, bevor Miiko sein Fehlen bemerkte.
Deswegen würde die Rehdame von ihm heute nicht so viel bekommen, wie sie sich wohl erhofft hatte. Er wollte sich auch nur ein bisschen Blut genehmigen, damit niemand Verdacht schöpfte. Schließlich stieg die Körperkraft eines Vampirs mit der Menge an Blut, die er verzehrte.
Seine scharfen Eckzähne hatten schon fast ihre Haut durchbrochen, da vernahmen seine Ohren jedoch ein ungewöhnliches Geräusch.
Wenige Millimeter über ihr hielt Nevra inne und lauschte.
Unter all dem Rascheln, Trampeln, Kratzen und Scharren, die die natürliche Klangwelt des Waldes ausmachten, hörte der Vampir ein leises Wimmern heraus.
Auf jeden Fall war es keine 500 Meter von ihm entfernt.
Vielleicht ein verletzter Überlebender aus einem der angegriffenen Dörfer, schieß es ihm durch den Kopf.
Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf die Quelle des Geräusches, das aus den dunklen Tiefen des Waldes zu kommen schien, und er ließ von der Rehdame ab.
Sie sackte etwas verwundert in sich zusammen und rief vor lauter Empörung mehrmals seinen Namen, doch Nevra eilte nur mit einem knappen Wort der Entschuldigung davon.
Entgegen Miikos Befürchtungen war er durchaus in der Lage Prioritäten zu setzen, auch wenn er seinen Blutdurst zuletzt vor einem Monat im Hauptquartiert gestillt hatte. Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, wann er das letzte Mal so lange gefastet hatte.
Wer auch immer da wimmerte und damit sein Blutmahl verdorben hatte, war ihm definitiv etwas schuldig. Zum Glück war es für den Leiter der Schattengarde ein leichtes sich geschwind durch das Dickicht der Büsche zu schlagen, sodass er nach wenigen Minuten einen halben Kilometer zurückgelegt hatte. Schließlich gelangte er an eine Lichtung, in dessen Mitte eine Wasserquelle aus einem toten Baum entsprang - ein Beweis dafür, wie der Kreislauf des Lebens in Eldarya zusammenwirken konnte.
Doch Nevra war nicht wegen des Plätscherns hier.
Hinter einem Stein erblickten seine scharfen Augen zwei Beine.
Inzwischen konnte Nevra das Geräusch einer jüngeren oder weiblichen Stimme zuordnen.
Ihr Stöhnen glich mehr einem erstickenden Laut. Der klägliche Rest eines qualvollen Schreiens.
Als Nevra um den Stein herum ging, erkannte er schon, wo das Problem lag. Das Mädchen lehnte erschöpft am Stamm eines Baumes, umringt von den Überresten unzähliger Honigfrüchte.
„Wie viele von denen hast du gegessen?“, fragte Nevra und hörte nach dreißig Fruchthülsen auf zu zählen.
Sie reagierte kaum, als er sich ihr näherte. Stattdessen krümmte sie sich vor Schmerzen und hielt ihren Bauch starr umklammert.
Nevra beugte sich zu ihr herunter und ließ ihr frisches Quellwasser ins Gesicht laufen. Sie sah gar nicht gut aus. „Wann hast du das letzte Mal etwas Richtiges gegessen?“, fragte er weiter und half ihr hoch.
Sie roch ganz anders, stellte Nevra fest, als sie sich gegen ihn lehnte. Vielleicht kam sie aus einem Dorf noch weiter im Süden.
Ohne aufzusehen, deutete das Mädchen auf eine Stelle am Baum. Dort waren acht Kerben in die Rinde geritzt. Nevra blinzelte irritiert, ehe er verstand.
„Bist du seit acht Tagen hier?“, fragte er. „Warum bist du nicht in ein anderes Dorf gegangen?“
Anstelle einer Antwort ließ sie den Kopf nach hinten fallen.
Er musste sie auffangen, damit sie nicht in sich zusammenbrach.
Wenn sie wirklich schon so lange hier lag, dann brauchte sie dringend Nahrung. Und zwar welche, die sie wieder zu Kräften kommen ließ.
Nevra hob sie daher zunächst komplett in seine Arme. Sie hatte ein bisschen was von einem gefallenen Engel in dieser Pose, aber der Anführer der Schattengarde wollte ihr Leben nicht so schnell dem Himmel überlassen. Mit langen Schritten trug er sie durch die unberührte Natur.
Und auch wenn der Vampir nicht unbedingt schwach war, stellte es selbst für ihn eine Herausforderung dar, eine Person den ganzen Weg zu den Zelten zu tragen. Vor allem jetzt, wo er so ausgehungert war. Etwas, das er mit dem Mädchen wohl oder übel gemeinsam hatte.
Verschwitzt und leicht außer Atem erreichte Nevra endlich den Teil des Lagers, in dem die Schlafzelte untergebracht waren. Aus Sorge Miiko könnte hier herumlungern und auf falsche Gedanken kommen, verbarg er die langen Haare des Mädchens unter ihrer Mütze und stützte sie unauffällig an den Zelten und Waschbottichen vorbei, bis endlich das Küchenzelt vor ihm aufragte. Als er jedoch sah, wer es gerade bewachte, konnte Nevra sein Glück kaum fassen.

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#13 Am 03.10.2021 um 19.03 Uhr

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>> Chapter 2: Nevra
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Part II: Reine (Gast)freundschaft?



„Chrome!“, rief er erfreut. „Ich brauche dringend etwas zu essen.“
Der Wolfsjunge lehnte an einem Pfeiler und stemmte beleidigt die Hände in die Hüften, als er Nevras Stimme hinter sich erkannte. „Du hattest heute schon deine Ration, Nev.“
Der Vampir schob Chrome jedoch unbeirrt das Mädchen wie ein paar Einkaufstüten in die Arme. „Ist ja nicht für mich, sondern für die Kleine. Die hat schon seit Tagen nichts Anständiges gegessen. Scheinbar hatte sie so einen Hunger, dass sie sich den Bauch mit Honigfrüchten vollgestopft hat.“ Während Nevra sprach, suchte er die Küche nach irgendeinem herumliegenden Stück Brot ab, aber Karuto war sehr sorgfältig im Aufräumen. Nevra stieß einen leisen Fluch aus, als selbst die Krümel in dem Brotkasten weggefegt worden waren.
Chrome versuchte indes die Gliedmaßen des Mädchens beisammen zu halten, damit sie ihm nicht durch die Finger glitt. „Das ist ein Mädchen?“, fragte er. In dem Moment fiel ihre Mütze vom Kopf und die langen Haare fielen um seine Arme wie ein Wasserfall.
„Tatsache“, erkannte Chrome und sah dann argwöhnisch zu Nevra auf.
Der Vampir verstand die wortlose Anklage und hob sofort abwehrend beide Arme. Zwar fielen die Frauen bei ihm reihenweise in Ohnmacht, aber an ihrem Zustand trug er ausnahmsweise mal keine Schuld.
„Sag Miiko nicht, dass ich sie hergebracht habe”, befahl er, um unangenehme Fragen im Keim zu ersticken. Es war besser, wenn Miiko nicht erfuhr, dass er im Wald gewesen war. Dann müsste er nämlich auch erklären, was ihn überhaupt dahin geführt hatte. „Wir müssen zuerst herausfinden, wo das Mädchen herkommt und was sie allein im Wald gemacht hat. In dem Zustand ist sie ja leider nicht sehr gesprächig…“ Er durchsuchte eine Kiste, doch auch hier waren keine offenen Lebensmittel. „Ich fürchte, wir müssen dafür unsere Essensrationen angehen.“
„Sie kann von mir was haben“, sagte Chrome sofort. „Auf dem Tisch steht mein Mittagessen.“
Nevra warf einen Blick zur Seite. Nicht zum Tisch, sondern zu dem Jungen.
Chrome schien das Mädchen zu schwer zum Halten, daher hatte er sie auf den Boden gelegt und ihren Kopf auf seinem Schoß gebettet. Wie ein Herrchen, das seinem Gefährten durch das Fell strich, glitten Chromes Finger durch ihre Haare, um den Dreck herauszulösen. Es war aber vor allem die Art, wie Chrome sie anstarrte, die Nevra etwas Sorgen bereitete.
„Schlag sie dir lieber aus dem Kopf, Kind“, befahl er. „Wenn sie was gegessen hat, muss sie verschwinden. Miiko wird ausflippen, wenn sie einen ungebetenen Gast vorfindet.“
Erschrocken sah Chrome in seine Richtung und schüttelte seinen Kopf, als hätte man ihn eines Mordes beschuldigt. „Du verstehst das völlig falsch, Nev. Das Mädchen erinnert mich einfach an jemanden…“
Der Vampir presste die Lippen zusammen, als ihm klar wurde, dass er definitiv nicht die richtige Person war, um über solche Dinge zu urteilen und lächelte gekünstelt. „Am Ende erinnern sie uns doch immer an irgendjemanden.“ Mit diesen Worten nahm Nevra etwas Brei aus dem Bündel vom Tisch und füllte es in eine neue Schale. „Hilf mir, sie aufzurichten, sonst verschluckt sie sich.“
„Du willst sie hier füttern?“, fragte Chrome schockiert, griff ihr aber sogleich unter die Arme, um sie aufzurichten.
Nevra setzte sich vor sie und tippte ihr gegen die Wange, bis sie müde die Augenlider hob.
„Wir könnten sie auch in die Krankenstation bringen“, gab Nevra zu, „aber seit dem letzten Angriff hat Ewelein dort schon genug um die Ohren.“
„Außerdem liegt die Krankenstation in der ersten Sektion“, fügte Chrome grinsend hinzu „und es wird schwer, sie ungesehen dorthin zu bringen, was?“
Nevra schmunzelte. Manchmal war der Bursche nicht so dumm wie er einen gern glauben ließ.
Er nahm den Löffel und schob dem Mädchen ein bisschen Brei in den Mund. Zuerst verzog sie das Gesicht, dann schluckte sie langsam den Rest herunter.
„Dir wird’s gleich besser gehen“, sagte Chrome und tätschelte ihren Kopf.
Nevra hingegen musterte sie mit einer gewissen Besorgnis. „Sie hatte über eine Woche keine richtige Nahrung. Es wird ein bisschen dauern, bis sie wieder zu Kräften kommt. Außerdem hat sie eine ganz schöne Schramme auf der Stirn. Die muss gereinigt werden. Und sie dir mal ihre Arme an. Aye. Sieht aus, als hätte sie Rosen im Feuer gepflückt.“
Nevras Blick wanderte ihren Körper herab.
Ihre Kleidung war dreckig und angerissen, aber sonst schien sie nicht ernsthaft verletzt zu sein. Die Brandnarben auf ihren Fingern waren vergleichsweise gut geheilt. Falls sie wirklich aus einem der angegriffenen Dörfer kam, musste sie großes Glück gehabt haben.
„Versammlung!“, schrie eine Stimme durch das Lager und riss Nevra aus seinen Gedanken. Sie war so schrill, dass es dem Vampir in den Ohren dröhnte.
Wie im Affekt schob er das Mädchen und Chrome an die Zeltwand, damit man sie nicht entdeckte. Er hatte die Stimme nicht sofort erkannt, aber an Chromes verbissener Miene schlussfolgerte er, dass es sich nur um Alajea handeln konnte.
„Du bleibst hier und passt auf das Mädchen auf“, befahl Nevra seinem jungen Untergebenen.
„Okay, Nev… aber...“, Chrome hielt ihn am Hemd fest, als jener gerade das Zelt verlassen wollte. „Was mache ich, wenn sie aufwacht?“
Nevra sah erst zu dem Mädchen und dann zu Chrome, dessen Blick immer noch an ihr klebte wie der eines Kindes an einem Erdazienkuchen. „Sorge auf jeden Fall dafür, dass sie hierbleibt. Ich habe einige Fragen an sie.“
Chrome nickte ihm zwar entschlossen zu, aber Nevra verließ trotzdem mit einem mulmigen Gefühl das Küchenzelt. Er konnte noch nicht sagen, woran das wirklich lag. Vielleicht eine intuitive Vorahnung. Vielleicht lag auch etwas in der Luft.

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#14 Am 06.10.2021 um 21.19 Uhr

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Part III: Das trojanische Pferd




Der Versammlungsort des Lagers befand sich auf einem Hügel, von dem aus man auf die Schlafzelte der drei rangniederen Garden, den Trainingsplatz und das Speiseareal herabschauen konnte. Die Schlafzelte der Mitglieder der Lichtgarde und die Krankenstation waren weit oben auf dem Hügel direkt neben dem Versammlungsplatz aufgestellt, wodurch es für Miiko wohl jederzeit ein Leichtes war, alles im Auge zu behalten.
Ursprünglich war es geplant die anderen Zelte am Fuße des Hügels auch nach Garden aufzuteilen, aber spätestens als neue Rekruten eintrafen, hatte Miiko aus Zeitnot per Zufall entschieden, wer in welcher Sektion unterkommen sollte. Natürlich hatte der Zufall entschieden, dass keine einzige Frau in Nevras Sektion eingeteilt wurde. Im Grunde spielte die Zuordnung keine überragende Rolle. Es ging auch nicht darum, neue Mitglieder für die Garden anzuwerben, sondern für die Verteidigung gegen die Bestie freiwillige Helfer zu organisieren. Dabei hatte der Kampf inzwischen so viele Opfer auf Seiten der Gardisten gefordert, dass man mit den Neulingen schon leise Absprachen für mögliche Übernahmen in die Garde traf. Irgendwo im Gewirr machte Nevra das blaue Fuchsfeuer seiner Anführerin aus und kam ihr entgegen.
„Wo ist deine bessere Hälfte?“, begrüßte Nevra sie und warf ihr ein zweideutiges Lächeln zu.
Miiko sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. „Leiftan trifft Vorkehrungen“, erwiderte sie und hatte dabei nicht einen Funken guter Laune im Gesicht.
Überhaupt schien sie ziemlich angespannt zu sein. Vor allem aber war es die kleine Sorgenfalte auf ihrer Stirn, die Nevra beunruhigte. Er konnte sich denken, dass jetzt kein gutes Timing war, um auf sein Blutdurst-Problem zu sprechen zu kommen und begleitete Miiko daher mit dem üblichen Smalltalk zu einer kleinen Bühne. Im Gegensatz zu ihrem Versammlungsort im Hauptquartier blieben die Zuhörer stehen und stellten ihre Gespräche ein, als Miiko das kleine Podest bestieg.
„Wir haben von einem weiteren Angriff erfahren“, ihre Stimme wurde lauter, als ein Gemurmel durch die Reihen ging. „Bereits vor acht Tagen wurde ein Walddorf ganz im Süden angegriffen. Wir haben erst so spät davon erfahren, weil die dort beheimateten Wesen sehr scheu und tiefer in die Wälder geflüchtet sind. Unsere ehemalige Köchin Mercedes war bei dem Angriff dabei und hat Kero im Hauptquartier besucht, um uns wichtige Informationen zu übermitteln.“
Mehr brauchte es nicht, um sich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden zu sichern, dennoch zögerte Miiko etwas, bevor sie weitersprach. „Wie es aussieht, hatte das Feuer sie mitten in der Nacht erwischt. Wie immer sind die meisten Opfer aufgrund des spontanen Feuerausbruchs verletzt oder ums Leben gekommen. Wieder werden Frauen vermisst. Eine von ihnen ist wohl Mercedes’ Tochter. Inzwischen können wir aber mit Bestimmtheit sagen, dass sie von der Bestie entführt worden sind. Mercedes hat uns mitgeteilt, dass Valkyon versuchte, die Bestie aufzuhalten, aber scheiterte.“
Nevra sah erschrocken zu Miiko, die seinen Blick sofort zu deuten wusste.
„Valkyon war der Bestie bis dorthin gefolgt. Allein. Wir haben ja bereits über seinen Gefährten die Nachricht erhalten, dass seine Einsatz-Truppe schon beim letzten Angriff gefallen war. Anscheinend hatte er die Bestie ohne Trupp weiterverfolgt. Wie es aktuell um ihn selbst steht, wissen wir leider nicht.“
Ein nervöses Getuschel ging durch die Reihen. Nevra wusste, was es für einen Anführer bedeutete seine ihm anvertrauten Untergebenen sterben zu sehen und als einziger Überlebender den Hinterbliebenen darüber Bericht zu erstatten. Er konnte verstehen, dass Valkyon Zeit brauchte, ehe er den Angehörigen nähere Auskünfte über den Verlauf des Kampfes geben wollte. Aber allein nach der Bestie zu suchen, war eine ziemlich hirnrissige Idee, um den Kopf von emotionalem Balast zu befreien. Allerdings war Nevra ein hirnrissiger Freund lieber als ein toter.
Er beschloss daher nicht daran zu glauben, dass Valkyon etwas Schlimmes zugestoßen sei, sondern dass er immer noch nach der Bestie suchte. Sowas wie „aufgeben“ gehörte schließlich nicht zu Valkyons Wortschatz.
Miiko schien das ebenfalls so zu sehen, denn trotz einer weiteren kleinen Andacht für die Gefallenen, beauftragte sie keinen aus der Obsidian-Garde mit der vorläufigen Leitung.
„Leiftan sammelt gerade ein paar Freiwillige zusammen, die die Lage vorort überprüfen und weiteren Spuren zum Auffinden der Bestie oder Valkyon nachgehen“, erklärte sie. Es fiel ihr merklich schwerer, ihre Stimme zu erheben, um ihre Mitteilung fortzuführen. Ob es an der zeremoniellen Stille lag, die sich nach der Andacht um die Versammelten gelegt hatte oder aber mit ihrer Blässe im Gesicht zusammenhing, konnte Nevra nicht sagen. „Wer sich der Aufgabe gewachsen sieht, kann sich dem Team anschließen. Wir wissen immer noch nicht, mit was wir es genau zu tun haben, aber die Bestie arbeitet sich ihren zerstörerischen Weg nordwärts vor und wird wohl auch vor den übrigen Siedlungen Eels nicht haltmachen. Wir feilen derzeit noch an einem Strategieplan, aber Tatsache ist, dass wir bisher nicht einmal vorhersagen konnten, welches Dorf das nächste Ziel sein wird.“
Nevra sah zu den übrigen Umstehenden. Es lag kein besonders entschlossener Ausdruck auf ihren Gesichtern. Bislang haben auch immer nur einzelne Groß-Teams den Wald durchkämmt oder sich zum Schutz der Dörfer gemeldet. Aber solange sie nicht wussten, wo das Ungeheuer als nächstes zuschlagen wird, war es zu gefährlich sich in mehrere Kleingruppen aufzuteilen.
Um seinen Dienst zu tun und Valkyon zu finden, hätte sich Nevra ohne zu zögern selbst für diese Mission gemeldet, aber er war außer Miiko der einzige Gardenführer, der im Augenblick in diesem Lager noch für Ordnung sorgte. Valkyon war auf einem Selbstmordtrip und Ezarel Blümchen sammeln. Also lag es an Nevra die Leute hier wieder aufzumuntern. Es musste doch endlich mal eine gute Nachricht geben, damit sie etwas Hoffnung schöpfen konnten.
Wie auf Stichwort kam ein Mann zu Miiko auf das Podium, der die Kitsune sowohl in der Länge wie der Breite um das Doppelte überragte. Er hielt ein absurd kleines Puppenspielzeug in der Hand und hatte eine frisch geflickte Narbe auf der Schulter.
„Das ist Barthil“, erklärte Miiko. „Früher war er ein Gardist, der sich nach dem Tod meines Vorgängers auf das Land abgesetzt hatte. Er ist weit aus dem Süden zu uns gereist, um eine wichtige Information zu überbringen.“
Sie deutete ihm mit einem kurzen Nicken zu sprechen und trat dann einen Schritt in den Hintergrund.
Barthil umklammerte die Puppe. „Einst war ich ein Krieger, doch wie viele andere habe ich meine Familie bei den Angriffen verloren. So auch meine Enkelin, die von diesem Monster entführt wurde, das über unser Dorf herfiel. Mein Dorf lag an der Küste und es war das zweite Angriffsziel gewesen. Meine Tochter hatte die Überlebenden des ersten Angriffs bei sich aufgenommen und sich um sie gekümmert. Unser Heim stand ihnen quasi völlig offen. Es war unser Haus gewesen, wo das Feuer in jener Nacht ausbrach. Das Feuer, was meine Familie letztlich auch tötete…“ Er schluckte die Tränen hinab und eine tiefe Falte zog sich über seiner Nase zusammen. Der Schmerz hatte ihn stark gezeichnet, aber es lag auch ein tiefer Groll in seinem Gesicht. „Als ich in das nächstliegende Dorf floh, kam nach ein paar Tagen wieder ein kleiner Reisetrupp an. Sie quartierten sich in einen Schuppen ein. Das erste, was in Flammen stand, war eben dieser Schuppen gewesen. Wenige Tage später erfuhr ich, dass im dritten Dorf nach Ankunft neuer Gäste, das Gasthaus als Brandherd identifiziert worden ist.“
„Was Barthil damit sagen will“, unterbrach Miiko und legte ihm dankend eine Hand auf die Schulter. „Es gibt Gründe zur Annahme, dass die Bestie eine humanoide Gestalt hat und sich so Zugang zu den Dörfern verschafft.“
„Die Bestie gibt sich als Reisender oder hilfsbedürftiges Opfer aus“, spezifizierte Barthil seinen Gedankengang, „bevor sie das Feuer legt und in Gestalt der Bestie die Mädchen entführt. Wir müssen herausfinden, wohin die Frauen gebracht werden und ob sie noch am Leben sind. Wir müssen meine Enkelin finden!” Barthils Worte klangen nicht flehend, sondern beinahe wie eine Drohung. „Ich hatte meine Bedenken auch an das letzte Dorf herangetragen, aber sie hatten mich ignoriert“, fügte Barthil hinzu. „Es war die Notunterkunft für die geflüchteten Dörfler, in denen das Feuer ausgebrochen war.“
Miiko schien mit dieser Anmerkung mehr als überfordert und drückte Barthil vorsichtig zur Seite. „Dass die Bestie den Notstand der Bedürftigen ausnutzt, müssen wir dennoch behutsam angehen. Wir dürfen die Dörfer nicht verschrecken, auch weil wir auf ihre Mithilfe zur Versorgung der Überlebenden angewiesen sind“, sagte sie, „aber der Schutz der Dorfbewohner muss gewährleistet sein.“
Nevra dämmerte es bei diesen Worten langsam, warum das Mädchen allein im Wald gelegen hatte. Wenn Barthil diese Informationen allen nahegelegenen Dörfern zugetragen hatte, dann würde sie keiner aufnehmen, der sie nicht kannte und für sie bürgte. Zu groß war die Angst, der Bestie den Eintritt ins Dorf zu erleichtern, wo sie sich in aller Ruhe Überblick über die Verteidigungsanlagen machen konnte. Eine vertrackte Situation. Das war sicher nicht der Lichtblick, den er sich erhofft hatte. Zumindest aber gab es einen Anhaltspunkt. Die Bestie konnte sich also in ein Wesen mit halbmenschlicher Gestalt verwandeln. Das würde erklären, warum ein Monster in der Größe wie aus dem Nichts auftauchen konnte und warum es so schwer war, die Fährte aufzunehmen.
„Wir sollten auch vorsichtig sein, wen wir rekrutieren“, sagte Barthil und schob sich an Miiko vorbei. „Nicht, dass die Bestie uns auch hier nachts überrascht.“ Nevra war sich nicht ganz sicher, was Barthil mit „wir“ meinte und das war längst nicht das einzige Problem.
Miikos Brustkorb hob sich nur unmerklich, doch Nevra sah die kleinen Anzeichen der Anspannung. Miiko war nicht glücklich mit der Schlussfolgerung, die Barthil da zog. Bestimmt drückte sie den Mann vom Podium und wiederholte ihre letzten Worte. Wenn sie eine Chance gegen die Bestie haben wollten, mussten sie zusammenarbeiten.
Nevra konnte nur hilflos zusehen, wie Miiko gegen das Gemurmel der Menge ihre erschöpfte Stimme erhob. Er verstand ihre Besorgnis nur allzu gut.
Misstrauen zu streuen könnte ihre ganze Gemeinschaft spalten und das käme im Augenblick mehr als ungelegen. Selbst nach Barthils Worten blieb die Unruhe bestehen, obwohl Miiko noch weitere Punkte auf ihrer Liste zur Sprache bringen wollte. So schien sie schon nach wenigen weiteren Sätzen zu begreifen, dass die Leute zu aufgebracht waren und erklärte daher ihre Ansprache vorzeitig für beendet. Trotzdem kam Nevra nicht dazu mit ihr zu sprechen, da sie schneller in der Masse verschwand als Alajea beim Schlussverkauf in Purrirys Mode-Boutique.
Frustriert wandte sich Nevra ab und fand sich schon im nächsten Augenblick von ein paar Frauen aus dem nahegelegenen Wald-Dorf umringt. Sie hatten auch an der Versammlung teilgenommen, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Es war allerdings nun mehr Trost, den sie bei ihm suchten. Nevra sah dies als Gelegenheit ein paar Worte des guten Zuspruchs zu entrichten, um das allgemeine Wohlbefinden zu steigern. Sowas konnte er gut. Ablenkung war eine seiner Spezialitäten. Während er Komplimente verteilte, und die Garden unter Miikos Führung für allerlei herausragende Talente lobte, sah er aus den Augenwinkeln wie Karuto eilig ein paar Kisten durch die Gegend trug. Anscheinend gab es Rations-Nachschub für die neuen Rekruten.
Es vergingen ein paar Sekunden, in denen Nevra sich in seinem Charme sonnte, bevor er sich an Chrome und das Mädchen im Küchenzelt erinnerte. Wie von einem Chead gestochen eilte er Karuto hinterher, bevor dieser dem geheimen Gast auf die Schliche kommen konnte.

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#15 Am 10.10.2021 um 18.05 Uhr

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>> Chapter 2: Nevra
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Part IV: Der Plan


Es war gar nicht so einfach Karuto von seinem Vorhaben abzuhalten, sofort zum Küchenzelt zu laufen, denn dieser nahm seine Pflichten sehr ernst. Ihm die Kisten abzunehmen, war daher die beste Idee, mit der Nevra spontan aufwarten konnte, auch wenn ihn das Gewicht überraschte.
So viel Kraft hatte er dem löffelschwingenden Wonneproppen gar nicht zugetraut.
Der Koch bedankte sich für die nicht ganz uneigennützige Hilfe und kehrte um, um die nächste Fuhre zu holen.
Für Nevra hieß das, mit den schweren Kisten weiter zum Küchenzelt zu eilen.
„Chrome! Wir müssen sie wegbringen. Karuto kommt gleich mit der zweiten Ladung Kisten her“, rief er und riss die Zeltwand auf.
Alajea stand ihm gegenüber und sah ihn irritiert. „Wen musst du wegbringen?“
Vor Schreck ließ Nevra die Kisten fallen und verkniff sich jedwede Gefühlsregung, als diese direkt auf seinen Fuß krachten. „Die Vorräte... Verstauen meinte ich.“ Er stöhnte kurz und fing sich dann wieder. „Wir müssen die neuen Vorräte verstauen, damit sich keiner ungefragt darüber hermacht.“
Die Meerjungfrau blinzelte verwirrt. „Wie auch immer. Ich habe völlig vergessen, was ich hier wollte, aber wo ich dich gerade sehe, Nevi…“ Ihre Mundwinkel zogen sich nach unten. „Kannst du mal aufhören, überall zu verbreiten, es gäbe in unserer Lagersektion keine Frauen. Ich fühle mich da immer voll übergangen. Solange Ezarel nicht da ist, bin ich bei euch und das könntet ihr ruhig mal honori… honiro… wertschätzen.“
Anstelle einer Antwort schob Nevra Alajea aus dem Zelt. „Nichts für ungut, aber ich habe hier zutun. Weißt du, wo Chrome ist?“
Alajea hob bockig ihre Fäustchen. „Übergangen!“, wiederholte sie. Dann schüttelte sie den Kopf. „Chrome hängt sicher irgendwo in den Bäumen. Ich habe ihn vorhin auch nicht auf der Versammlung gesehen. Das wird sicher Ärger geben.“ Sie grinste etwas verschlagen und trabte dann fröhlich davon.
Nevra war sich nie ganz sicher, ob Alajea nur so tat oder ob ihre Gedanken wirklich so chaotisch in ihrem Kopf herumgeisterten, wie die Worte aus ihrem Mund purzelten.
Allerdings gab es im Augenblick wichtigere Fragen.
Nevra sah sich in der Küche und dem restlichen Speise-Areal genau um, doch es gab keine einzige Spur. Keine Nachricht, kein Hinweis. Er war ganz allein mit seinem Ärger.
Auch seine Ohren konnten in all dem Stimmengewirr nichts ausmachen.
Da er das Mädchen jedoch selbst hierhergebracht hatte, sah er sich wohl oder übel in der Verpflichtung, sie zu suchen. Nachdem er geschlagene vier Stunden relativ erfolglos die Gegend durchgekämmt hatte, und weder die Spur des Mädchens noch die von Chrome aufnehmen konnte, begann er sich langsam Sorgen zu machen. Was, wenn das Mädchen doch etwas mit der Bestie zu tun hatte? Was, wenn Chrome in Gefahr war?
Und noch viel schlimmer: Was, wenn Miiko das herausfindet?
Verärgert, durchgeschwitzt und von einem schmerzenden Zeh gequält, lief Nevra zu seinem Zelt zurück.
Ihm blieb keine andere Möglichkeit; er würde sich schnell umziehen gehen und musste dann Miiko die ganze Sache gestehen, damit alle nach Chrome und dem Mädchen suchen konnten.
Doch schon als Nevra den Stoff seiner Zeltwand beiseite zog, stellte er mit verbitterter Erleichterung fest, dass er sich zumindest vorläufig den Ärger mit Miiko sparen konnte.
„Sag mal Chrome. Wie kommst du eigentlich auf die zündende Idee, sie in mein Zelt zu bringen?“
Bei dem Anblick, der sich Nevra da bot, blieb ihm allerdings sein Ärger im Hals stecken.
Chrome saß auf dem Boden, direkt davor hockte das Mädchen und zupfte an seinen Ohren, als bestünde auch nur der Hauch eines Zweifels daran, dass sie festgewachsen waren.
„Du hast dich aber schnell erholt“, sagte Nevra erstaunt.
Das Mädchen sah in seine Richtung und legte dann den Kopf schief. „Ah, du musst Nevra sein“, sagte sie. „Chrome hat mir von dir erzählt.“
Bitter, dachte sich Nevra. Die erste Frau, die in seinen Armen versunken war und sich nicht daran zu erinnern schien.
„Ich habe ihre Wunden gereinigt“, erklärte Chrome, als erwarte er sich ein Leckerli, „dabei ist sie langsam zu sich gekommen und hat sich dann noch schnell gewaschen.“
Nevras Mundwinkel zuckte.
Dann sprang er auf Chrome zu und nahm ihn in den Schwitzkasten. „Dir ist schon klar, dass sie keiner sehen darf.“
„Wir waren allein im Wald“, rechtfertigte sich der Wolfsjunge und windete sich unter Nevras Griff, aber dieser hielt ihn fest am Nacken gepackt.
„Das macht es echt nicht besser!“, erwiderte Nevra und schnippte ihm gegen die Nase.
Chrome japste vor Schmerz und sah dann hilfesuchend zu dem Mädchen.
„Chrome hat sich ganz anständig verhalten und die Lage bewacht“, beteuerte sie. Um ihre Lippen spielte ein Lächeln, aber über ihren Augen hing ein trostloser Schleier. „Ich habe schon gehört, dass ich wieder gehen muss. Ich danke euch dennoch für alles.“
Nevra ließ von Chrome ab und sah das Mädchen nachdenklich an. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Miiko sie einfach wegschicken würde, aber im Augenblick war die Lage angespannt.
Ein unbekanntes Mädchen aus dem Süden. Es könnte der Anstoß sein, der zu einem Aufruhr in ihrem Lager führt. Vor allem nach der Ansprache gerade.
„So viel Druck für eine Entscheidung“, murrte Nevra und zog dann Chrome an einem Ohr aus dem Zelt. Dort gab er dem Wolfsjungen ein kurzes Briefing der Versammlung, tätschelte einmal tröstend seine Schultern, weil die Lage wirklich beschissen war, und forderte dann seinen scharfen Verstand. „Was machen wir jetzt mit ihr?“ Sein Finger deutete auf das Zelt.
Chrome blinzelte verwundert. Scheinbar hatte er nicht damit gerechnet, dass der Leiter der Schattengarde ihn nach seiner Meinung fragen würde. Dann überlegte er kurz. Auch wenn Nevra später nicht mehr zu sagen vermochte, ob Chrome die Vor- und Nachteile abwog oder einfach nur nach einer passenden Begründung suchte für eine Entscheidung, die er schon lange gefällt hatte:
„Wir müssen sie hierbehalten“, forderte Chrome schließlich. „Wenn wir sie fortschicken und sich keiner der Dörfer um sie kümmert, ist das ihr Ende. Falls sie jedoch tatsächlich die gefährliche Bestie sein sollte, dürfen wir sie auch nicht laufen lassen. Wenn wir sie hier im Auge behalten, dann ist das am sichersten für alle.“
Nevra sah zu seinen jungen Rekruten herunter und strich ihm dann zufrieden durch die Haare.
„Ganz meine Meinung“, stimmte Nevra zu. „Ich hätte auch eine Idee, wie wir sie hierbehalten können, ohne dass jemand unangenehme Fragen stellt.“

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#16 Am 13.10.2021 um 18.43 Uhr

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>> Chapter 2: Nevra
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Part V: Ein neuer Rekrut



Als Nevra mit Chrome ins Zelt zurückkehrte, saß das Mädchen noch genauso auf dem Boden wie vorher. Sie schien ganz ruhig, aber sie konnte nicht verhindern, dass ihre Halsschlagader unter ihrer inneren Anspannung pulsierte. Dieser Anblick und die Tatsache, dass sich ihr Duft im gesamten Zelt verteilt hatte, erschwerten es Nevra sich auf das Gespräch zu konzentrieren, aber egal wie nervig die Sache mit dem Blutdurst wurde, er musste einen kühlen Kopf bewahren.
Daher setzte er sich ihr gegenüber und vermied es all zu tief einzuatmen.
„Wer bist du?“, fragte er und zwang seinen Blick von ihrem Hals zu ihren Augen.
Das Mädchen biss sich auf die Lippe, ehe sie antwortete. „Eine Reisende.”
Eine Antwort, die Nevra aufhorchen ließ.
„Das heißt, deine Heimat wurde zerstört?”, hakte er nach.
„Die Zerstörung der Dörfer führte dazu, dass ich mich nach einer neuen Heimat umsehen musste.”
Nevra spürte, dass sie nicht log, aber ihre Antwort war so ausweichend formuliert, als versuche sie die Wahrheit umschiffen zu wollen.
„Hast du nie überlegt zurückzukehren?”, brach Chrome dazwischen. „Es muss doch schrecklich sein, seine Heimat zu verlieren.”
Ihre Augen schmälerten sich unmerklich, ehe sie etwas unbeholfen an einer Haarsträhne zupfte. „Mir wurde unmissverständlich erklärt, dass das nicht geht.”
„Wie hieß denn das Dorf, aus dem du stammst?”
Auf Nevras Frage reagierte sie mit einem Räuspern, bevor sie sprach. „Ich bin aus dem Süden E… Eels hierhergekommen. Von der Küste.”
Dann sah sie zur Seite. Nicht zu Chrome, sondern gegen die Zeltwand. Was auch immer sie da zu sehen glaubte. Vermutlich nichts, was ihre Geschichte glaubwürdiger machte.
Nevra beugte sich ein Stück zu ihr hervor und zwang sie, ihm tief in die Augen zu blicken, indem er sie am Kinn wieder zu sich drehte. Obwohl er sie eindringlich musterte, wehrte sie sich nicht, dennoch offenbarte ihr funkelnder Blick einen gewissen Trotz.
„Kommst du aus einem der Dörfer, die dem Feuer der Bestie zum Opfer gefallen waren?”, spezifizierte Nevra seine Frage.
„Ich habe das Dorf rechtzeitig verlassen können”, sagte sie nur, was weder ein echtes Ja, noch ein echtes Nein war. „Chrome hat mir gesagt, dass ihr hier ein Lager aufgestellt habt, um die umliegenden Dörfer zu schützen. Ich habe diese Bestie nicht gesehen, aber vielleicht kann ich euch trotzdem helfen, sie zu finden.”
Nevra spürte, dass sie trotz ihres aufrichtigen Angebots etwas Wichtiges verheimlichte, daher verkürzte er das Verhör auf eine Frage. Die wichtigste. „Bist du die Bestie, die fünf Dörfer angegriffen und zerstört hat?“
„Nein!“, sagte sie sofort und sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. „Ich bringe doch niemanden um.“
Aus ihren grünblauen Augen sprach eine Mischung aus Trauer und Empörung.
Sie war sicher nicht die Bestie, aber etwas an ihr war merkwürdig. Solange jedoch keine direkte Gefahr von ihr ausging, war das zweitrangig. Geheimnisse hatte wohl jeder und ihres würde er noch aus ihr herauskitzeln, schwor sich Nevra. Notfalls im wörtlichen Sinne.
„Gut”, sagte er und löste langsam seine Finger von ihrem Gesicht. „Es gibt eine Möglichkeit, wie du vielleicht hierbleiben könntest.” Mit diesen Worten wandte er sich an Chrome.
Dieser holte eine Liste hervor und verströmte ein Gefühl von unsagbarer Wichtigkeit.
Nevra verdrehte die Augen.
Chrome ließ sich jedoch nicht beirren und erklärte in verschwörerischer Manier: „Vor ein paar Wochen hatten sich zwei Jungen aus Balenvia freiwillig gemeldet, um uns hier zu unterstützen. Sie wurden von Miiko bereits in diese Sektion gewiesen, aber… sie kamen nie hier an.”
Nevra vermutete, dass die Jungen einfach eine Ausrede brauchten, um auf Abenteuerreise zu gehen. Er würde auch gerne Mal blaumachen, aber einer wilden Bestie nachzujagen, war zumindest ein guter Aufhänger, um Frauen anzusprechen.
Nachdem Chrome mit seiner dramatischen Kunstpause unnötig viel Spannung erzeugt hatte, sprach er weiter. „Da sie auf dem Papier existieren, sie aber niemand bisher gesehen hat, wäre das eine Tarnung für dich. Du müsstest dich nur als einer der Jungen aus Balenvia ausgeben.“ Chrome wies mit dem Kinn auf Nevra. „Meinem Anführer kam die Idee, weil ich dich doch anfangs auch nicht gleich als Mädchen erkannt hatte. Auf jeden Fall darfst du das niemanden verraten und dich nicht erwischen lassen. Das schaffst du doch, nicht wahr?“
Als sich Nevra zu ihr umdrehte, in der Hoffnung ihr dankbares Gesicht auf sich wirken zu lassen, spürte er nur, wie flinke Finger etwas aus seiner Gürtel-Tasche zogen.
Echt jetzt?
Nevra konnte es selbst nicht fassen. Hatte sie ihm gerade wirklich den Dolch geklaut?
Da sie aber selbst mit der Waffe keine Chance gegen ihn hatte, starrte er nur irritiert zu ihr hoch.
Chrome glitt vor Unglauben das Papier aus der Hand.
Bevor es jedoch zu einem Kampf kommen konnte, legte das Mädchen die Klinge an ihrem Haar an und - ohne auch nur mit der Wimper zu zucken - schnitt sie es einfach ab.
Ihre Strähnen rieselten wie Schnee auf den Boden und erst als sie die Haare auf ein Viertel ihrer ursprünglichen Länge gekürzt hatte, hielt sie Nevra mit entschlossener Miene den Dolch unter die Nase.
„Scheinbar ist sie einverstanden“, schlussfolgerte dieser und sah dann, wie Chrome auf sie zusprang. Allerdings nicht, um ihr an die Gurgel zu gehen, wie man es erwarten würde, wenn man so einen Schrecken versetzt bekommt.
Chrome legte stattdessen mit einer Selbstverständlichkeit seinen Arm um sie und verkündete: „Wie cool. Du bist jetzt also in unserem Team!”

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#17 Am 17.10.2021 um 20.36 Uhr

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>> Chapter 2: Nevra
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Part VI: Männersache



Das Mädchen schien die körperliche Nähe mit dem Halbwüchsigen nicht im Geringsten zu stören. Sie ließ sich von ihm sogar den Kopf tätscheln, als hätte er sie bereits adoptiert.
„Wie heißt du eigentlich?“, unterbrach Nevra diesen zweifelhaft einträchtigen Moment.
Das Mädchen sah erst zu Chrome und dann zu seinem Anführer. „...Emilia.”
Nevra war sich trotz ihres Zögerns sicher, dass dies ihr echter Name war.
„Dann nennen wir dich ab jetzt Emil“, beschloss er und schob den Wolfsjungen zum Ausgang. „Chrome, du musst Miiko und Jamon Bescheid geben, damit es amtlich wird, dass Emil hier im Lager angekommen ist.“
„Was soll ich denen denn sagen?“, fragte Chrome und hielt beleidigt Emilias Hand fest. „Die wollen doch sicher wissen, was ihn so lange aufgehalten hat.“
So anhänglich hatte Nevra den Jungen noch nie gesehen. Bevor er jedoch den Boss raushängen lassen konnte, legte Emilia mütterlich lächelnd eine Hand auf Chromes Schulter. „Ich bin mir sicher, dir fällt eine gute Erklärung ein. Ich zähl auf dich.“
Chromes Augen glühten bei der hohen Erwartung, die sie an ihn stellte und er verließ fröhlich pfeifend das Zelt.
Kopfschüttelnd sah Nevra ihm hinterher. Der Junge war doch komplett übergeschnappt.
Was auch immer den gefahren war, irgendjemand musste ihm dringend den Kopf zurechtrücken.
Vielleicht ein paar Extra-Trainingsstunden. Nichts holte einen schneller auf den Boden der Tatsachen zurück, als wenn man sein Gesicht aus dem Dreck zog.
Zunächst war es jedoch wichtiger, Emilia ordentliche Kleidung zu besorgen, bevor sie durch ihren ungewöhnlichen Stil auffiel.
Nevra verstand ja einiges von Damenmode - ein Nebeneffekt seiner… nächtlichen Aktivitäten - jedoch hatte er solche Kleidungsstücke, wie sie sie am Leib trug, noch nie gesehen. Egal, wie weit im Süden Eels er bisher unterwegs war. Allerdings war ihre wahre Herkunft zunächst einmal zweitrangig, denn offiziell kam Emil aus Balenvia und dass man sowas nicht in Balenvia trug, würde wahrscheinlich selbst Jamon auffallen.
Daher beschloss Nevra sie vorerst mit etwas Dezentem aus seiner Garderobe einzudecken. Auch wenn unauffällig nicht gerade sein Markenzeichen war.
Er zog die Zeltwand wieder zu und musterte sie von Kopf bis Fuß, um ihre Größe abzuschätzen. Dann wandte er sich mehreren hölzernen Kisten in der Ecke zu.
Neben zu langen Hosen und Westen entdeckte Nevra auch einen Mini-Rock, bei dem er echt nicht mehr wusste, wem das Teil überhaupt gehörte und wieso das bei seinen Sachen gelandet war.
Unerwartet nahe spürte er Emilia, die sich neugierig über ihn gebeugt hatte. Als ihre Blicke sich trafen, verkniff sie sich ein Grinsen.
„Ich denke, wir haben alle unsere Geheimnisse”, sagte sie nur.
Nevra, der sich für keine seiner Affären schämte, hielt ihr ungerührt ein Hemd vor die Brust, was von der Größe zu passen schien, allerdings war der Ausschnitt zu tief.
„Und was ist dein Geheimnis?”, fragte er. Davon schien sie reichlich zu haben.
„Ich bin eher der Hosentyp”, erwiderte sie und verzog spöttisch die Lippen, „aber jedem das seine.“
„Dann wirst du die Rolle als Junge ja lieben… Moment. Das ist nicht mein Rock! Der...”
Ihr Lachen schnitt ihm das Wort ab.
Dass der Witz auf seine Kosten ging, missfiel ihm gewaltig, aber das war ihm lieber, als wenn sie ihm eine Szene gemacht hätte.
Als sie sich beruhigt hatte, entwich ein tiefer Seufzer ihrer Seele. „Das war seit Langem der beste Tag. Ich hatte nicht gedacht, dass ich je wieder würde lachen können. Ich verdanke dir und Chrome wirklich sehr viel.“
„Ja, das tust du“, stimmte Nevra zu und zerrte an einem Hosenbein. „Und was Chrome betrifft, solltest du vorsichtig sein. Nicht, dass sein Verhalten dich noch verrät.“
Emilia sah ihn irritiert an. „Verhält sich Chrome denn merkwürdig?“
Nevra war klar, dass ihr der Vergleich fehlte, aber... „Er ist noch ein Kind und braucht eigentlich lange, ehe er sich jemandem öffnet. Wenn er so an dir klebt, könnte das Fragen aufwerfen. Es wäre besser, die Leute würden nicht zu sehr auf dich achten.“ Nevra wusste nicht wirklich, ob das Sinn machte, was er da von sich gab, aber klarer wollte er das jetzt nicht formulieren. Es war ja offensichtlich, dass Chrome einen Narren an ihr gefressen hatte. Und wenn er jetzt um sie herumschwänzelte wie so ein verliebtes Hündchen war das sicher alles andere als unauffällig.
„Verstehe“, sagte Emilia. „Ich hatte auch mal einen Bruder, deswegen habe ich mich in der Rolle wahrscheinlich zu wohl gefühlt.“
Endlich hatte Nevra ein Hemd in der richtigen Größe gefunden. Dann drehte er sich irritiert zu ihr um.
„Bruder?“, hakte er nach.
Emilias Wangen begannen rot zu leuchten und dass Nevra das selbst in dem vage beleuchteten Zelt auffiel, bedeutete, dass das Mädchen wirklich daran arbeiten musste, wenn sie die Rolle als Junge überzeugend spielen wollte.
„Hat Chrome nicht erzählt, dass ich ihn an seine Schwester erinnere?“ Sie lächelte verzerrt. „Ich weiß, wie das ist, wenn man von seiner Familie getrennt wird. Da klammert man sich an jeden Strohhalm oder an Personen, die der Familie ähnlich sind.“
Ihre Hand suchte nach einer Strähne, mit der sie wohl sonst immer gespielt hatte, da ihre Haare nun jedoch wesentlich kürzer waren, griffen ihre Finger ins Leere.
„Ach, so ist das.“ Nevra grinste schief, als ihm klar wurde, dass Chrome gar nicht in sie verknallt war, sondern wohl einfach seine Schwester vermisste. Schräg, er wusste gar nicht, dass Chrome überhaupt eine Schwester hatte… Ob die auch so heiß war?
Nevra räusperte sich und drückte Emilia dann die Kleidung in die Arme. „Zieh das an und wir sehen mal, ob wir dich wirklich als Jungen ausgeben können.“
Sie nahm die Sachen dankend entgegen und sah wartend zu Nevra hoch.
Nevra starrte geduldig zurück.
Sie räusperte sich.
„Hast du was im Hals?“, fragte er mit einem breiten Lächeln.
Sie blinzelte. „Ich würde mich jetzt umziehen.“
„Klingt nach einem Plan“, erwiderte er und beugte sich ein Stück zu ihr herunter.
Jetzt hatte er sie verwirrt, was das Grinsen auf seinen Lippen noch breiter werden ließ.
„Wenn du die Güte hättest, mich jetzt allein zu lassen“, sagte sie bestimmt und ging ein Schritt zurück.
„Warum sollte ich das tun?” Nevra schürzte gespielt die Lippen. „Sind wir nicht beide Männer?“
Während er sprach, trat er einen Schritt auf sie zu. Da hinter ihr die Zeltwand war, stand sie unentschlossen auf dem Fleck. Ihre Wangen färbten sich puterrot, wobei Nevra nicht klar sagen konnte, ob Wut oder Scham für diese Färbung verantwortlich war.
Ihre Augen verengten sich, als sie begriff, dass er mit ihr spielte. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, dann schloss sie ihn wieder und biss die Zähne zusammen.
Nevra beugte sich soweit zu ihr vor, dass er ihren schnellen Herzschlag in der Luft vibrieren hörte.
„Du weißt, dass es das eine ist, wenn ich deine weiblichen Vorzüge hier im Zelt zu Gesicht bekomme“, flüsterte er ihr ins Ohr, „aber wenn du da draußen in so einer Lage bist, musst du dir was einfallen lassen, sonst wissen die anderen gleich, dass du ein Mädchen bist... Oder brauchst du vielleicht jemanden, der auf dich aufpasst? Über die Bezahlung könnten wir sicher verhandeln.“ Mit diesen Worten griff er nach ihrem Arm und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken.
Sie senkte den Kopf, was es Nevra erschwerte, ihre Gefühle zu lesen.
Doch als sie ihn bestimmt von sich wegstieß, verstand er auch so, was in ihr vorging: Sein Scherz ging ihr eindeutig zu weit.
Ihr Blick war starr auf den Boden geheftet, doch sie blieb ruhig. Daher ging Nevra davon aus, dass sie seine Warnung verstanden hatte. Von heut auf morgen das Geschlecht zu wechseln, ändert schließlich mehr als man meinen mag, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie in so eine Situation gerät, war recht hoch. Immerhin gab es hier im Lager so gut wie keine Privatsphäre.
Da Nevra seine Bedenken deutlich genug geäußert hatte, machte er ein paar Schritte rückwärts und ließ sie dann im Zelt allein. Natürlich hätte er Emilia auch einfach sagen können, in welchen Situationen sie besonders vorsichtig sein musste, aber er konnte nicht leugnen, dass es ihm Spaß machte, sie zu ärgern und zu sehen wie das Blut in ihr kochte.
Immerhin hatte sie ihm sein Date mit der Rehdame versaut.
Draußen angekommen, inhalierte Nevra erst einmal die frische Luft. Er würde dringend lüften müssen, sobald das Mädchen sein Zelt verlassen hatte, sonst bekam er noch einen Rappel.
Ob die hübsche Rehdame ihm noch einmal in den Wald folgen würde?
Nun, zuerst musste er eh dafür sorgen, dass Emilia einen Schlafplatz zugeteilt bekam, denn bei ihm konnte sie auf keinen Fall bleiben. Sein Schlafplatz roch jetzt schon nach einem Barbecue.
Glücklicherweise dauerte es nicht lange und sie kam vorsichtig aus dem Zelt heraus. Die Kleidung war ein Stück zu lang, wodurch sie wesentlich jünger aussah, als sie vermutlich war.
Ansonsten war ihre erste Erscheinung relativ unscheinbar und damit genau der Eindruck, den Nevra vermitteln wollte.
Als er ihren Oberkörper betrachtete, staunte er nicht schlecht. War sie schon immer so flach?
Kaum hatte sie seinen Blick bemerkt, räusperte sie sich nervös und verbarg ihr rotes Gesicht mit einer Hand.
„Die habe ich mit einer Bandage abgebunden“, sagte sie. „Keine Sorge, ich habe dafür keine von deinen genommen. Zufällig hatte ich eine bei mir.” Als sie zu ihm aufsah, vermochte sie es jedoch nicht ihm direkt in die Augen zu sehen.
Nevra hatte sie wohl ganz schön aus der Fassung gebracht. Aber besser jetzt er, als später ein anderer, der dadurch ihrem Geheimnis auf die Schliche kam.
Mit einem zufriedenen Grinsen strich er Emilia durch die Haare, um ein bisschen Unordnung in ihre Gesamterscheinung zu bringen.
„Ich finde dich total unsexy, also wird es schon passen“, sagte er.
Der trübsinnige Ausdruck auf ihren Augen wich einem trotzigen Lächeln, aber Nevra fand eh, dass ihr das besser stand.

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#18 Am 17.10.2021 um 20.54 Uhr

Garde Obsidian
Meria
Vanquished the Dahu
Meria
...
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Hallo Ama ^^/

Ich wollte mich endlich mal melden... ich bin nicht verschollen oder so. :D Hab aber auch kaum Zeit zum lesen und so. ._.
Ich warte einfach mal auf die Fortsetzung, damit ich weiß was mit Val und vor allem Nevra ..oh, und unserem Hauptcharakter alles noch passiert bzw. passiert ist. ^^7

Beim durchgucken habe ich bei Chapter 2 Nevra Part I ein Bild gesehen, an das ich mich gar nicht erinnere...war das da schon beim ersten Mal? °^°
Das sieht so cool aus mit den Blumen. Du hast so einen tollen Zeichenstil. :3

Ich konnte mich gar nicht mehr für deinen letzten Kommi von meiner FF bedanken, weil dann El abgefackelt war. ;_;
Ich weiß auch nicht mehr was alles drinnen stand, also sage ich einfach mal danke. ^^7

Muss Shirin nur noch weit genug kommen, um endlich kommentieren zu können. XD

Ich komme auch bald wieder mit neuer Geschichte (keine FF). Dann bist du nicht mehr so alleine hier. ^^7

Gruß Meria ^^



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#19 Am 20.10.2021 um 20.32 Uhr

Garde Shadow
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Young Recrute
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>> Chapter 2: Nevra
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Part VII: Miss, Madame, Boss



Da nun alle Vorkehrungen getroffen waren, wurde es schließlich Zeit, Emil offiziell vorzustellen.
Sie hielt zwar etwas Abstand zu Nevra, als sie den Hügel hinaufstiegen, aber er hatte dennoch den Eindruck, als würde sie sich hinter ihm verstecken.
„Verhalte dich einfach ganz natürlich”, befahl er und zog sie an seine Seite. Trotz seiner Worte hielt sie den Kopf gesenkt, als wäre sie von Monstern umzingelt.
Das Verhalten des Mädchens wurde immer sonderbarer, doch jetzt gab es kein Zurück mehr. Chromes Ankündigung hatte sicher schon alle wichtigen Personen erreicht.
Wie auf Stichwort tauchte Jamons Kopf zwischen den Zeltwänden auf. Es schien, als hätte er bereits auf die Ankunft des neuen Rekruten gewartet, denn er baute sich sofort vor Nevras Begleitung auf.
„Chrome gesagt, Junge aus Balenvia da. Du Emil?”
Der Blick des Mädchens wanderte von Jamons Bauchmitte, die etwa auf ihrer Kopfhöhe lag, mit steigendem Entsetzen dessen Oberkörper hinauf. Immer weiter. Bis sie die 2 Meter-Grenze überschritten hatte und ihr Kopf in ihrem Nacken lag. Erst da erkannte sie Jamons Gesicht und ihre Augen wurden so groß wie die eines Globoluosaurus.
Jamon zog argwöhnisch eine Augenbraue in die Höhe und schnaubte durch seine Hauer, was sie weiter in sich zusammenschrumpfen ließ. Nevra war über ihre plötzliche Sprachlosigkeit nicht minder überrascht. Beiläufig räusperte er sich und gab Emilia damit zu verstehen, dass sie sich gefälligst zusammenreißen sollte, doch sie schluckte nur überfordert.
Wenn Jamons imposante Erscheinung schon so einen Einfluss auf sie hatte, wie würde sie dann im Training mit ihm klarkommen? Oder wie sehr würde sie erst Miikos ruppige Art verunsichern?
Nevra beschloss das Wort für sie zu ergreifen, bevor Jamon noch ungeduldig wurde.
„Ja, das ist Emil. Der Junge ist noch etwas müde von der langen Reise und daher ein bisschen durch den Wind.”
„Für Ausruhen später Zeit” Jamon grunzte, schien die Ausrede für ihr Verhalten jedoch zu akzeptieren. „Emil müssen erst bei Miiko melden.”
Das Mädchen nickte, was einer halben Verbeugung gleichkam und wendete sich dann so schnell von Jamon ab, als müsse sie sich kurz übergeben.
„Ja…”, bekräftigte Nevra gedehnt und deutete dann etwas überfordert mit seinen Zeigefingern an, dass er ihr folgen werde, was echt nicht einfach war, denn sie war wirklich flott, wenn sie es darauf anlegte.
„Was war das denn für eine Performance?”, fragte er, als er Emilia eingeholt hatte. „Spielst du jetzt den Stummen? Der Posten ist schon belegt. Da wirst du dich erst mit Valkyon duellieren müssen.“
Emilia blieb stehen und sah Nevra einen Moment lang an, unschlüssig wie sie das, was ihr durch den Kopf ging in Worte fassen sollte. Schließlich schien sie es auf eine Frage reduziert zu haben:  „Was… Wer war das?”
„Das ist Jamon… Sag bloß, du hast noch nie einen Oger gesehen.” Nevra sah sie spöttisch an, bis er zu der Erkenntnis kam, dass sie ernsthaft überrascht war.
„Er sieht Shrek nicht gerade ähnlich…”, murmelte sie gedankenverloren.
„Was?”
„Vergiss es.” Sie kniff sich in die Wange und schüttelte dann ihre Gedanken ab. „Also jetzt zu Mika.”
„Miiko”, korrigierte Nevra und seine Augen schmälerten sich. „Wenn du das hier nicht kannst, finden wir etwas anderes.”
Emilia sah zu ihm auf, schnaubte und wirkte mit einem Mal entschlossener und vielleicht sogar drei Zentimeter größer. „Ich kann das.”
Nevra grinste. „Das wollte ich hören, aber...  zu Miikos Zelt geht es da lang.” Dabei wies er auf die entgegengesetzte Richtung.

Nevra wusste nicht genau, was Emilia erwartet hatte. Vielleicht hielt sie die Anführerin dieses Lagers für ein fettes Spinnenwesen, einen mordenen Sukkubus oder einen schleimigen Giftpilz, doch die ganze Anspannung löste sich fast schon in Enttäuschung auf, als sie der Frau gegenüberstand, die sich nur durch ein paar Fuchsschwänze und dazugehörige Ohren von ihr zu unterscheiden schien.
Na warte, dachte sich Nevra, denn Emilia hatte keine Ahnung, was für ein herrisches Wesen in der Kitsune steckte. Wenn sie wütend war, rannten sogar die Blackdogs vor ihr davon.
Und das war keine sprachliche Übertreibung.
So hatte es wochenlanges gutes Zureden gebraucht, ehe sich Shaitan wieder in die Nähe des Kristallsaals getraut hatte, als Miiko den Gallytrot wegen einer falschen Fährte zur Schnecke gemacht hatte. Hach, Nevra seufzte bei der Erinnerung. Miiko war schon besonders.
Im Augenblick war Miiko jedoch hauptsächlich eins: müde. Und das war auf eine ganz andere Art grauenerregend.
Sie hockte in ihrem Zelt über einer Karte, auf der bereits so viele Markierungen und Anmerkungen geschrieben waren, dass Nevra zwei Mal hinsehen musste, bevor er die Grenzgebiete um Eel erkannte.
„Wir wollen nicht lange stören“, unterbrach Nevra die Stille und riss Miiko damit aus ihrer mehreren-Meditationsebenen-tiefen-Gedankenwelt.
In einer für ihren Zustand bewundernswerten Leichtfüßigkeit erhob sich Miiko vom Boden und sah dann auf Emilia herab. „Ach, der verspätete Neuankömmling. Chrome hat mir bereits berichtet, dass du auf deinem Weg hierher an ein zerstörtes Dorf gelangt bist und dort bei der Versorgung der Überlebenden ausgeholfen hast. Wir können hilfsbereite Leute gebrauchen, auch wenn sie auf sich warten lassen,... aber wenn ich dich so ansehe…“ Miiko tigerte um Emilia herum wie eine Jägerin, die ihre Beute beschnupperte. „Die sollen aufhören mir Kinder zu schicken. Wie alt bist du überhaupt? 16?“
„20“, antwortete Emilia mit fester Stimme.
Miiko schnaubte ungläubig. „Nev?“
Jener fuhr sich verlegen durchs Haar. „Wir haben keine Angaben darüber erhalten, wie alt Emil ist. Allerdings sollte er nach ein paar Wochen Training fähig sein, unser Team zu unterstützen.“
„Das bezweifle ich.” Miiko verschränkte dabei die Arme. „Es werden sich ohnehin ein paar Dinge ändern. Wir können es uns im Augenblick nicht leisten, neue Rekruten aufzunehmen.“
Sie warf Nevra einen Blick zu, der dem auf der Versammlung ähnelte. Bestimmt hatte es schon Beschwerden gegeben, dass sie zu viele Rekruten aufnahmen, bei denen nicht klar war, woher sie kamen. Barthils Worte schienen also bereits die Angst geschürt zu haben, der Bestie durch die ganzen Rekrutierungen unfreiwillig die Pforten zu öffnen. Da Miiko unter enormen Druck stand, hatte sie nicht viel Spielraum. Innere Aufstände zu riskieren und Misstrauen zu säen war ein ernstes Problem. Ob Barthil immer noch im Lager war?
Es sah jedenfalls nicht gut für Emilia aus. Nevra wusste, dass er nicht viel für sie tun konnte.
Es tat ihm leid - vor allem, da sie noch keine Gelegenheit hatte, ihre Schuld bei ihm zu begleichen.
Vorsichtig versuchte Nevra, das Mädchen an der Schulter aus dem Zelt zu schieben, doch sie schien an Ort und Stelle festgewachsen zu sein.
„Bei allem Respekt“, sagte Emilia und baute sich mutig vor Miiko auf. „Ich bin vielleicht kein Muskelprotz wie der Oger vor Ihrer Tür, aber ich habe meinen Kopf, und in diesem befindet sich Wissen, auf das sie nicht verzichten wollen. Ich habe schon viel mit den Dorfbewohnern zu tun gehabt, die unter den Verwüstungen der Bestie gelitten haben und weiß, was sie bewegt. Deswegen geben Sie mir bitte eine Chance, Miss… Madam...“
Miiko hob eine Augenbraue in die Höhe.
„...Boss?“, versuchte Emilia unbeholfen.
Miiko fasste sich nachdenklich an die Stirn. Mit Widerworten hatte sie wohl nicht gerechnet.
Nevra auch nicht. Verdutzt sah er auf Emilia herab. Und diese schien mit ihrer Ansprache noch nicht fertig zu sein.
„Da draußen gibt es Leute, die ihr Leben riskieren, um die Welt ein bisschen sicherer zu machen. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen und das hat mich sehr berührt.” Sie griff sich an die Brust. „Ich will doch nur meinen Teil dazu beitragen, und ich glaube, dass mich das Schicksal nicht umsonst hierher geführt…” Plötzlich brach Emilia ab und sah dann etwas irritiert auf ihren Körper herab.
Nevra warf ihr einen auffordernden Blick zu, denn sie war gerade wirklich gut in Fahrt. Wenn sie so weiter machte, ließe sich Miiko vielleicht doch erweichen.
„Ich…”, begann Emilia wieder, doch dann unterbrach ein Kichern ihren Satz. Erschrocken sah sie zu Nevra auf, doch bereits im nächsten Moment krümmte sie sich vor Lachen.
Nevra hatte nicht den blassesten Schimmer, was in sie gefahren war.
Auch Miiko sah alles andere als erheitert aus.



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