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#26 Am 14.11.2021 um 18.21 Uhr

Shadowgarde
Ama
The Answer to Everything
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>> Chapter 2: Nevra
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Part XIV: Emilias Geschichte



Die Blätter rauschten an Nevra vorbei und leckten über sein Gesicht.
Zweige brachen unter seinen Füßen wie Klanghölzer.
Das dünne Licht, was noch durch den Wald drang war kaum hell genug den schlammigen Weg zu erleuchten, geschweige denn die vielen Hindernisse zu bestrahlen, die die Flut an Regen auf den schmalen Pfad zwischen den Bäumen angeschwemmt hatte.
Doch Nevras Augen funktionierten auch bei diesen Lichtverhältnissen phänomenal.
Tatsächlich war die Dämmerung für den Leiter der Schattengarde so etwas wie der Wind für die Mühlen. Und diesen Wald kannte er inzwischen besser als die Körper der Frauen, mit denen er sich zuletzt vergnügt hatte.
Eigentlich wollte er bis nach dem Abendessen warten, um mit ihr zu reden.
Sich heimlich zu ihrem Zelt stehlen, ihr dort auflauern, sie in den Wald zerren und dort…
zur Rede stellen, natürlich.
Doch sie kam nicht zum Abendessen.
Sie war auch nicht bei der Quelle, ihrem Zelt oder sonst irgendwo in diesem Lager. Und das wusste Nevra genau, denn er hatte jeden verfluchten Winkel nach ihr abgesucht.
Zuerst befürchtete er, dass sie sich im Wald verlaufen hatte.
Doch je weiter er sich seinen Weg durch das Gestrüpp bahnte, desto sicherer war er, dass es nur einen Ort geben konnte, zu dem sie gegangen war.
Ein seichtes Plätschern verriet ihm, dass er sein Ziel fast erreicht hatte.
Und da war noch ein anderes Geräusch.
Wie vor wenigen Tagen, als sie vor Schmerzen gestöhnt hatte, vernahmen seine Ohren wieder den Klang ihrer Stimme. Doch dieses Mal summte sie.
Nevras Füße wurden langsamer, als er auf die Lichtung einbog. Die Abendsonne hatte sich dort wie ein güldener Schleier über die Büsche gelegt.
Wie erwartet lehnte Emilia an dem Baumstamm mit den eingeritzten Kerben.
Sie hatte die Augen geschlossen und die Arme hinter ihrem Kopf verschränkt.
In ihren Ohren steckten violette Stöpsel und ihr Fuß wippte zu einem für Nevra unbekannten Takt.
Als er ein paar Schritte auf sie zu trat, bedeckte er ihr Gesicht mit seinem Schatten.
Langsam blinzelte sie durch ihre Wimpern und verzog das Lächeln, das bis eben noch um ihre Mundwinkel spielte, zu einem Ausdruck der Empörung.
Da sie aufhörte zu summen, vernahm Nevras feines Gehör ein leises, rhythmisches Getrommel, dass durch die kleinen Stöpsel dröhnte, die sich Emilia nun aus den Ohren zog.
„Ich habe doch gesagt, dass ich etwas Zeit brauche“, brummte sie und ließ sowohl die Stöpsel als auch einen kleinen, violetten Apparat hinter ihrem Rücken verschwinden. Sie gab sich alle Mühe, die Sachen zu verstecken, doch Nevra hatte sie ohnehin längst durchschaut.
Um ihr aufzuhelfen, bot er ihr eine Hand an, die sie jedoch mit einem stoischen Blick zur Seite ablehnte.
Seufzend ließ er sich zu ihr auf die Erde nieder, woraufhin sie ein paar Zentimeter von ihm weg rutschte und an einem Grashalm zupfte.
Nevra runzelte die Stirn. Wieso war sie nur so schrecklich abweisend?
Da er jedoch nicht wusste, wie viel Zeit ihm blieb, ehe sie wieder vor ihm davonlief, konzentrierte er sich auf die wichtigen Dinge.
Auf das, was ihm Ykhar erzählt hatte.
Auf das, was Emilia nun nicht länger geheim halten konnte.
„Eine Ballerina ist keine Gestalt aus einer Sage”, sagte er. Seine Worte vibrierten in der Luft, „Sie ist eine Tänzerin aus deiner Welt, stimmt’s?“
Der Halm brach in Emilias Fingern in Zwei.
„Wieso hast du das verheimlicht?“, fragte Nevra weiter. „Wieso hast du niemandem gesagt, dass du… ein Mensch bist?“
Die eigentliche Frage war, wie sie das überhaupt verheimlichen konnte. Bisher war Nevra noch keinem Menschen begegnet, aber er hätte schon viel früher stutzig werden müssen.
Anstelle einer Antwort zog Emilia ihre Beine eng an ihren Körper und schlang ihre Arme darum. „Schickst du mich jetzt weg?”
Nevra zog die Augenbrauen zusammen. „Du meinst, weil du noch weniger über Eldarya weißt, als ich befürchtet habe? Glaub mir, es ist beruhigend zu wissen, dass dein Unvermögen in deiner Unwissenheit begründet ist.”
Sein Versuch die Situation zu erheitern, scheiterte, denn Emilia verstärkte den Griff um ihre Beine nur.
Obwohl Nevra sie mit der Wahrheit konfrontiert hatte, wirkte sie verschlossener als zuvor. Dabei brannte er darauf zu erfahren, wie sie hierhergekommen war, wieso sie ihre menschliche Natur verheimlicht hatte und wieso sie nicht alles daran setzte, wieder in ihre Welt zurück zu gelangen.
Um sie nicht zu verschrecken, lehnte er sich wie sie an die Rinde. „Wo warst du, bevor ich dich vor ein paar Tagen hier gefunden habe?”
Es vergingen mehrere Minuten, in denen er geduldig schweigend neben ihr sitzen blieb, während sie unschlüssig den gerissenen Halm in ihrer Hand betrachtete. Noch immer gab dieser ein pfeifendes Geräusch von sich. Und wie alles in dieser Welt betrachtete Emilia es mit einer Mischung aus Argwohn und Faszination.
„Ich bin von einer Brücke gestürzt und an einer Küste im Süden dieser Welt gelandet”, gestand sie schließlich. Ihre Stimme klang so dünn, als kämpfte sie um jedes einzelne Wort. Sie sah nicht zu Nevra auf, sondern sprach gegen ihre Knie. „Erst nach zwei Tagen gelangte ich endlich zu einem Dorf, das noch nicht der Bestie zum Opfer gefallen war. Nach all den Ruinen, all dem Feuer… ich war so froh. Ich wollte dort um Hilfe bitten, einfach mit irgendjemanden sprechen. Ich wollte endlich meine Fragen stellen. Das kostete mich viel Mut, denn ich wusste nicht, ob ich bereit für die Antworten war.”
Sie schluckte. „Aber soweit kam es gar nicht. Bevor ich auch nur die Gelegenheit hatte, nach Antworten zu fragen, schickte man mich weg. Sie wollten niemanden in ihr Dorf lassen, den sie nicht kannten. Dass ich ein gestrandeter Mensch war, glaubten sie mir nicht. Sie hielten es für einen Trick der Bestie und wiesen mich fort. Ich könnte von Glück reden, dass sie mich nicht hinrichten, haben sie gesagt. Also ging ich zum nächsten Dorf,... und zum übernächsten.
Von einem Wanderer, den sie ebenso vor die Tür setzten wie mich, erfuhr ich, dass es keinen Weg zurück in meine Heimat gab. Doch ich fand auch keine neue. Niemand wollte mir helfen. Auch andere Wanderer nicht. Daher suchte ich weiter. Immer weiter. Aber es war überall dasselbe.
Alles dasselbe…
Bis auf das letzte Dorf, das ich aufzusuchen wagte. Es lag weiter im Norden, tief im Wald. Ich ging es behutsam an, trug Beweise vor und beschwor meine Ehrlichkeit. Ich wollte meine Hilfe anbieten und dafür nur ein bisschen Essen.
Und tatsächlich...
In diesem Dorf war alles anders. Die Bewohner dort glaubten mir, dass ich ein Mensch war.
Ohja, sie hatten nicht die Spur eines Zweifels daran.”
Sie holte tief Luft und rieb sich dann über die Arme, als würde plötzlich die Temperatur um mehrere Grad abfallen. „Und das war noch viel schlimmer...
Mit faulen Früchten haben sie mich aus der Stadt gejagt, verflucht und verwünscht. An dem Tag habe ich gelernt, dass Menschen hier verachtet werden. Scheinbar war in der Geschichte etwas vorgefallen, was ihre Wut auf die Menschheit bis heute schürte. Ich wusste nur eines; es machte keinen Unterschied, ob sie mir glaubten, dass ich ein einfacher Mensch war oder ob sie mir vorwerfen zu lügen. Sie halten mich für ein Monster.
Sie hassen mich.”
Emilia wusch sich mit dem Handrücken über die Augen und schniefte. „Warum hat er mich auch einfach allein gelassen? Wie konnte er mir nur das Leben retten und mich dann dort im Nichts zurücklassen? Wieso? Er hatte mir doch versprochen, mich nicht allein zu lassen… Er hat es versprochen… und ich dumme Nuss habe ihm doch vertraut.”
Er? Nevra verstand nicht, von wem sie sprach, aber er wollte auch nicht nachhaken. Sie war ohnehin schon völlig aufgelöst.
Die im Wind reibenden Blätter waren das einzige, was ihr Schluchzen übertönte.
Nevra brauchte einen Moment, um seine Gedanken zu sammeln. Etwas in der Art hatte er schon befürchtet, denn die Lage in den Dörfern war ziemlich angespannt. Er wusste auch, dass die Geschichte der Menschen und Fairys sich nicht gerade durch eine lange wohlwollende Freundschaft, sondern durch Hetze und Verbannung auszeichnete, was letzten Endes in die Gründung dieser Welt, Eldarya, resultierte. Er selbst verstand die Gefühle der Fairys, aber nicht das, was sie einem verängstigten Mädchen angetan haben.
„In dieses Lager zu kommen war das größte Glück”, sagte sie schließlich und schluckte ihre Trauer herunter. „Ich wollte noch einmal von vorn beginnen… Nicht mehr diesen hasserfüllten Blicken ausgeliefert sein. Aber ich habe das Gefühl, es ist völlig umsonst. Ich passe nirgendwo rein. Etwas in mir weigert sich zu kämpfen. Ich bin wohl nicht so stark wie ich immer gedacht habe.”
Mit diesen Worten verstummte sie wieder, schien keine Antwort zu erwarten und lehnte sich mit geschlossenen Augen gegen den Baumstamm.
Nevra wusste nicht, was die anderen davon halten würden, dass sie ein Mensch war. Er wusste ja selbst nicht, was er davon halten sollte. Doch jetzt lag es an ihm, erst einmal etwas wichtiges klarzustellen.
„Spielt doch keine Rolle, ob du in Wahrheit ein Mädchen bist oder ein schwaches Menschlein”, sagte er und legte ihr vorsichtig den Arm um die Schulter. „Im Augenblick bist du ein Rekrut der Schattengarde und unterstehst damit meiner Aufsicht. Das ist das einzige, was zählt.”
Sie erstarrte und schielte vorsichtig zu ihm hoch. Ihre Augen waren rot unterlaufen und ganz glasig. Doch bei seinen Worten begann ihr Herz schneller zu schlagen und der Duft ihres süßen Blutes wehte ihm um die Nase. Es erinnerte ihn schmerzlich daran, dass nicht nur sie kraftlos war.
„Das heißt, du hasst mich nicht?”, fragte sie. „Du wirst mich nicht wegschicken?”
„Na hör Mal“, Nevra rieb ihr über den Kopf wie einem unartigen Kind, bis ihr die Haare nach allen Seiten abstanden. „Hast du eine Ahnung, wieviel Zeit ich in dich investiert habe? Du schuldest mir was und außerdem...”
Ein Stich zog durch Nevras Brust. Scheinbar war sein Schmerz realer, als er es sich hatte eingestehen wollen. Wie kleine Nadelstiche fuhr es ihm durch den Oberkörper, doch er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. „... So leicht kommst du mir nicht davon, Em…”
Unschlüssig sah er zu Emilia herab, bevor ihm schwarz vor Augen wurde und er vornüber in ihren Schoß sackte.

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#27 Am 17.11.2021 um 19.42 Uhr

Shadowgarde
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>> Chapter 2: Nevra
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Part XV: Auch nur ein Vampir



Eine Welle an Schmerz durchflutete Nevras Körper, als er wieder zu sich kam.
Seine Brust fühlte sich an, als klemme sie zwischen den Händen eines Grookhan.
Dann spürte er ein rhythmisches Klopfen, das sich darüber ausbreitete. Fingerknöchel bohrten sich zwischen seine Rippen und er hörte eine Stimme, die mehrmals seinen Namen rief.
Er spürte, wie Luft seine Lungen flutete und sein Puls begann zu rasen.
Erst langsam nahm er den Rest seiner Umgebung war, spürte die Erde unter seinen Händen, den Wind auf seinen Wangen und Emilias Herzschlag, der durch ihre Hände direkt auf seiner Haut pulsierte.
Bei Odin! Was hatte er nur für einen entsetzlichen Hunger.
„Nevra! Verdammt”, schrie Emilia ihn an. „Wenn du mich hören kannst, dann bitte sag irgendwas.”
Er konnte sie hören, viel zu gut. War sie schon immer so laut?
Doch sagen konnte er nichts.
Selbst Schlucken fiel ihm schwer.
Er spürte, wie sie ihn hochhob, sich auf die Schultern lud. Seine Beine schleiften immer noch im Dreck, als sie ihn durch die Büsche zog.
„Em…”, Nevra hustete.
Sie ließ ihn wieder auf den Boden fallen, beugte sich über ihn und klatschte ihm ihre Hand mehrmals ins Gesicht. „Nevra, bitte komme zu dir.”
Der Wald drehte sich immer noch um ihn.
Doch der Regen, der auf sein Gesicht trommelte, trieb seinen Kreislauf an, bis er endlich einen Gedanken fassen konnte.
„Was ist passiert?”, fragte Nevra, mehr zu sich selbst.
Als er vorsichtig die Lider öffnete, erkannte er vage die Umrisse von Emilias Gesicht. Klar erkennen konnte er nur den Mondschein, der in ihren Augen blitzte.
Wie lange hatte sie denn versucht, ihn zurückzuholen?
„Du hattest einen verdammten Herzstillstand oder so”, sagte Emilia und zeigte ihm mehrere Finger,
„16?” -, die er aber scheinbar nicht so akkurat zu zählen wusste.
„Zum Henker, Nevra”, fluchte Emilia, „wie soll ich dir mehr als 10 Finger zeigen können?”
Er lachte, was eher nach einem halb erstickten Hüsteln klang.
„Ich glaube, es geht wieder”, murmelte er und versuchte sich aufzurichten.
Emilia befahl ihm sich helfen zu lassen, was er ohne einen weiteren Konter akzeptierte, als er beim ersten Eigenversuch im Matsch landete.
Ihre Arme schoben ihn soweit aufrecht, dass sie ihn gegen einen großen Stein lehnen konnte.
Seine Brust brannte noch immer, aber der Druck war weg und er konnte auch wieder halbwegs normal atmen. Also fast.
„Sag mal, Em, wie hast du es geschafft mir eine Rippe zu brechen?“
Anstelle einer Antwort nahm Emilia seinen Dolch an sich.
Aufmerksam beobachtete er sie, doch sie schnitt damit nur ein großes Blatt durch, um Regenwasser darin sammelte.
„Du kannst deinem Boss nicht ständig die Waffe klauen“, entgegnete er und trank dann aus dem provisorischen Blatt-Behälter, den Emilia an seine Lippen ansetzte.
Es half.
Vorerst.
„Kann es sein, dass du krank bist“, fragte Emilia zögerlich. „Du siehst viel blasser aus als bei unserer ersten Begegnung. Und das gerade war doch auch nicht normal, oder?“
„Eine Erkältung.”
„Das kann doch nicht nur eine Erkältung gewesen sein“, entgegnete sie und begann ihn am Kopf zu untersuchen.
„Ich bin nicht bescheuert“, beteuerte Nevra. „Wir nennen es wegen der ersten Symptome Erkältung, aber eigentlich ist es mehr ein Durst…“
Emilia füllte das Blatt gleich nochmal, aber Nevra schüttelte den Kopf, als sie ihm weiteres Wasser einzuflößen versuchte.
„Nicht so ein Durst”, sagte er und blickte dann in ihr verwirrtes Gesicht. „Kann es sein… Du weißt nicht, was ich bin, oder? Hat dir das Chrome wirklich nicht gesagt?“
Ihre Augenbrauen zogen sich fragend zusammen. „Wie… was du bist? Ein Playboy?“
„Nein.“ Nevra verdrehte die Augen. „Na, so wie Chrome ein Werwolf ist, Jamon ein Oger und Miiko eine Kitsune…“
„Darüber habe ich nie nachgedacht“, gestand sie. „Du siehst doch so normal aus.“
Nevra grinste. „Normal ist relativ.“
Ihr Blick wurde neugierig und gleichzeitig misstrauisch. Sie fuhr mit der Hand über seine spitzen Ohren.
„Ein Elf?“
Nevra schüttelte den Kopf. „Die Ohren eines Elfes sind spitzer und länger, aber ich kann dir sagen, dass ich nicht nur spitze Ohren habe…“ Er grinste breit, was ihn wirklich viel Überwindung kostete, denn im Augenblick fühlte er sich hundeelend.
Noch während er lächelte, hielt Emilia seine Lippen mit dem Zeigefinger fest und schob sie ein Stück nach oben, bis ihr etwas entgegen blitzte. „Du hast scharfe Eckzähne wie Chrome. Aber…“
Ihre Augen weiteten sich. „Wonach genau hast du Durst?“
„Ich denke, das hast du gerade selbst begriffen.“
Sie sog scharf die Luft ein und wich einen Zentimeter von ihm weg. „Oh, mein Gott.”
Nevra winkte ab. „Nein, ganz so krass bin ich nun auch wieder nicht.”
Doch ihr Blick blieb starr. „Du… du bist ein Vampir.“ Sie schluckte.
Nevra stützte sich auf seinen Arm so gut er konnte, und versuchte aus ihrem Blick jede noch so kleine Gefühlsregung herauszulesen. „Hast du jetzt Angst, Menschlein?“
Sie erwiderte seinen bohrenden Blick und lächelte dann betont lässig. „Hast du dich mal angesehen? Du siehst gerade nicht wie der Leiter einer Garde, sondern wie ein Schatten deiner Selbst aus.“
Nevra seufzte, aber sein Blick blieb unnachgiebig.
„Ein wenig, vielleicht“, gestand sie schließlich. „Ich hatte vor Jedem und Allem Angst. Aber du warst immer gut zu mir. Nicht jeder Vampir ist ein Arsch, schätze ich. Und ich habe schon viele Arschlöcher kennen gelernt, die definitiv keine Vampire waren.“
Nevra lachte.
„Dann wäre das wohl geklärt“, erwiderte er zufrieden und wuschelte ihr durch die Haare. „So denke ich im Übrigen auch über Menschen.“
Emilia blickte überrascht zu ihm auf.
Und auf einmal, vermutlich das aller erste Mal überhaupt, kam Nevra in den Genuss sie richtig lächeln zu sehen. Ein Strahlen, das weit über ihre Mundwinkel hinaus ging und ihre Augen zum Leuchten brachte.
Sie nickte vergnügt und steckte seinen Dolch wieder in die Gürtellasche, was Nevra irgendwie doch beruhigte. Weniger, dass sie ihn mit der Waffe verletzte, als dass sie sich damit selbst schnitt. Denn wenn das passierte und ihr Blut in Strömen aus ihren Adern floss, dann war es mit seiner Selbstbeherrschung vorbei. Dafür war sein Durst viel zu stark.
Gerade als Emilia sich erheben wollte, verharrte sie mitten in der Bewegung und blinzelte verwirrt zu ihm herab. „Sind die Symptome einer… Erkältung bei dir immer so schlimm? Beim Training vorhin warst du doch noch voll Okay.“
Selbst beim Training war Nevra nicht „voll Okay“ gewesen, aber woher sollte das Menschlein auch wissen, dass er derzeit nur mit einem Zehntel seiner Kraft kämpfen konnte. Schließlich war er ihr damit immer noch haushoch überlegen. „Ich habe momentan die Anweisung mich zurückzuhalten. Das letzte Mal habe ich vor fünf Wochen Blut getrunken. Das ist für einen Vampir schon ein Fasten. Ein Herzstillstand hätte mich nicht getötet, aber für längere Zeit schlafen gelegt. Daher muss ich dir danken, Em.“
Sie legte den Kopf schief. „Wie kann Miiko wollen, dass du nur mit einem Teil deiner Kräfte zurechtkommst? Bist du nicht wichtig?“
„Sie hat ihre Gründe“, sagte Nevra ausweichend. „Und ich habe gerade zu viel um die Ohren, um heimlich eine Frau in den Wald zu entführen. Wenn ich von einem Kerl trinken würde, wäre das natürlich etwas anderes…“ Allerdings hatte Nevra auch sowas wie Stolz und von einem Mann zu trinken, würde sein Selbstbild in Grund und Boden rammen. Ganz zu schweige von der Frage, was er dafür als Gegenleistung zu erbringen hatte. Bluttrinken ist nämlich nicht mit normaler Nahrungszufuhr zu vergleichen. Wenn das warme Blut eines anderen in seines übergeht, dann ist das etwas Intimes. Es ist kein Sex. Es ist besser als Sex.
Und als Vampir, nein als Wesen mit einer sexuellen Orientierung, kann man nicht immer den Kompass neu polen, nur weil der Wind sich gerade dreht.
Deswegen hatte Nevra auch keine Lust das immer wieder und wieder erklären zu müssen. Allerdings fragte Emilia ihn das gar nicht.
Tatsächlich war er so in Gedanken versunken, dass Emilias Worte nur langsam zu ihm durchdrangen. Sie waren schon längst in der Luft verhallt, sodass Nevras Ohren den Schall einfangen mussten, ehe er sich in alle vier Winde zerstreute.
„Aber ich bin doch ein Junge”, drang es schließlich zu ihm durch.
Nevra war überrascht, nein schockiert. Er musste sich eindeutig verhört haben.
Emilia biss sich auf die Lippen. „Versteh mich bitte nicht falsch. Es ist nur ein Angebot, weil ich dir definitiv etwas schulde und im Prinzip verletzt du deine Anordnung nicht, da ich offiziell ein Kerl bin. Du müsstest dann nicht mal heimlich in den Wald, sondern könntest jederzeit von mir trinken. Gut, vielleicht nicht jederzeit, aber so ein Mal in der Wochen wäre okay, denk ich.“
Sie hielt den Blick gesenkt und ergänzte: „Ich kann nicht schon wieder jemanden verlieren.”
Obwohl ihre Stimme leicht zitterte, konnte Nevra nicht anders, als sich über die Lippen zu lecken. Es kribbelte auf seiner Zungenspitze wie eine Packung Brausepulver.
Auch wenn Emilia so aussah, als bereute sie ihre Entscheidung jetzt schon, ließ sie sich von ihm ohne Gegenwehr ins Gras drücken.



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#28 Am 21.11.2021 um 18.09 Uhr

Shadowgarde
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>> Chapter 2: Nevra
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Part XVI: Em



Es war noch gar nicht so lange her, da hatte Nevra eine der unzähligen Vampirgeschichten in den Händen gehalten, die auf der Erde bis in die hintersten Winkel der Provinzen verbreitet waren. Es war nur eines von vielen Beispielen, das die Blutsauger von einer kalten, sadistischen und animalischen Seite zeigte; wie sie in Scharen über die Menschen herfielen, diese beherrschten und versklavten. Bei aller Grausamkeit entbehrten die Beschreibung nicht einer gewissen Faszination, die die Menschen für die Kreaturen der Nacht übrig zu haben schienen, doch Angst und Schrecken dominierten ihr Bild. Natürlich war die ein oder andere Darstellung von Macht und Stärke durchaus schmeichelhaft, wie Nevra zugeben musste, aber oftmals vergaßen diese Geschichten einen wichtigen Punkt:
Kein anderes Wesen roch für einen Vampir so gut wie der Mensch. Nevra hatte das nie wahrhaben wollen, doch jetzt, wo Emilias Duft ihn komplett in ihren Bann zog, konnte er es nicht mehr abstreiten, geschweige denn sich davon lösen.
Und machte das einen Vampir nicht in gewisser Weise auch zu einem Sklaven?
Nun. Nevra schluckte. Vielleicht konnte er aber auch einfach nicht mehr klar denken, denn sein Hals brannte bereits wie die Pforten zur Hölle.
Selbst das Mondlicht, das auf Emilias entblösten Schlüsselbeinen funkelte, vermochte es nicht Nevras Blick von ihrem Hals zu lösen.
Dabei erinnerte nichts an ihrem Äußeren daran, dass sie ein Mädchen war. Ihre rosigen Wangen waren das einzige, was ihrem geschundenen, schmutzigen Körper einen Hauch von Liebreiz verlieh.
Trotzdem brachte der Anblick Nevra fast um den Verstand.
Langsam fuhr er mit den Fingern über Emilias pulsierende Halsschlagader und spürte, wie das Blut unter ihrer Haut zu kochen begann.
Noch immer glaubte er, ihr Angebot entsprang lediglich seinem wirren Geist, aber Emilia machte keine Anstalten ihn von sich zu weisen.
Sie sagte nichts, bewegte sich nicht.
Sie atmete nur. Jedoch schneller als gewöhnlich.
Vorsichtig beugte sich Nevra weit über sie und leckte mit der Zungenspitze über die salzige Haut ihres Halses, um diese zu reinigen, bevor er seine Zähne darin zu versenken gedachte.
Wieder keine Regung.
Nicht einmal ein Zucken.
Jede andere Frau hätte ein leichtes Stöhnen von sich gegeben oder zumindest reagiert.
Doch Emilias Lippen blieben verzogen, als leide sie bereits jetzt unsägliche Schmerzen.
Für Nevra war das definitiv nicht das erste Mal mit einer Blutsjungfer. Er wusste, dass sich manche Frauen in seiner Gegenwart etwas unsicher fühlten und den Drang verspürten, erobert zu werden, ehe sie über ihn herfielen wie Harpyien.
Bei Emilia war das jedoch anders. Sie schien sich innerlich komplett an einen anderen Ort zu meditieren. Weit weg von… ihm.
Mit all seiner letzten Kraft entzog sich Nevra vom Sog ihres Blutes, hielt einen Moment inne und richtete dann seinen Blick auf ihr Gesicht.
Noch immer hatte Emilia die Augen geschlossen und auch ihr Körper lag da wie tot. Der Anblick versetzte Nevra einen Stich, irgendwo in der Brustgegend.
Es passte einfach nicht zu ihrem Wesen, zu ihrer aufmüpfigen, leicht trotzigen Art.
Sie war niemand, der etwas ‚über sich ergehen ließ‘ und genießen tat sie das hier auf keinen Fall.
Da sie ihm ohnehin etwas schuldig war, war es eigentlich egal, ob sie Spaß daran hatte oder nicht. Er müsste ihr nichts für ihr Blut geben. Selbst Miikos Anordnung hätte er kaum hintergangen, da Emilia für ihr Blut keine sexuelle Gegenleistung zu fordern schien. Es war der perfekte Deal.
Ja, eigentlich.
Und doch fühlte es sich falsch an.
Schließlich bemerkte Emilia sein Zögern und sah verwirrt zu ihm auf. Noch immer hing die Angst wie ein Schatten auf ihren Wangen, aber sie schien stark bemüht, ruhig liegen zu bleiben.
Warum hatte sie ihm überhaupt das Angebot gemacht, wenn es ihr scheinbar so zuwider war? Warum stieß sie ihn nicht von sich, wenn sie solche Angst hatte?
Ihr Blick streifte den seinen und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Nevra die Antwort darin sehen zu können. Es war nicht nur Angst, die sie empfand. Da war noch etwas anderes.
„Rieche ich nicht gut?“, fragte Emilia nervös.
Was sollte er ihr da antworten? - Sie roch fantastisch.
Doch in ihren Augen spiegelte sich Nevras Abbild wider, und was ihm dort entgegenblickte, gefiel ihm gar nicht. Das war nicht er. Und er wollte nicht, dass Emilia das in ihm sah.
Daher schüttelte er den Kopf. „Tut mir leid, Em“, mit diesen Worten ließ er von ihr ab. „Du musst etwas anderes finden, um deine Schuld bei mir abzuarbeiten.“
Emilia sah unschlüssig zu ihm auf. Sie schien einerseits etwas verunsichert, aber andererseits unendlich erleichtert, was Nevra wiederum ein bisschen verletzte.
Allerdings war das besser, als wenn er zuließe, dass sie ihn bemitleidete und deswegen Schmerzen in Kauf nahm, die dazu führten, dass sie ihn früher oder später verachtete. Noch nie hatte er von einer Frau gegen ihren Willen getrunken. Und damit würde er heute nicht anfangen.
Erst recht nicht bei ihr.
Bevor er noch etwas sagen konnte, um die Stille zwischen ihnen weniger bedrückend wirken zu lassen, schlang Emilia ihre Arme um seinen Hals.
„Danke“, flüsterte sie und drückte ihn fest an sich.
Dass sie ihm dabei so nah war, machte ihn weitaus weniger fertig als er gedacht hatte. Ihr himmlischer Duft umnebelte ihn noch immer, aber der Drang sie zu beißen, verschwand, als sie ihm erklärte, noch nie so froh gewesen zu sein, dass ihr jemand gesagt hatte, dass sie schlecht rieche.

Bonusbild_Nevra



Da er noch immer kaum aufrecht stehen konnte, befahl er Emilia ihm aufzuhelfen und einen Teil des Weges zu stützen. Er fand es irgendwie ironisch, wie sehr die Situation ihrer ersten Begegnung ähnelte, und doch wieder völlig anders war.
„Du kommst klar, oder?”, fragte sie ihn auf halber Strecke. „Also wegen der Blutsache.”
„Ich beiß mich schon zusammen, aber”, Nevra lächelte schief, „sag mal, Em… Machst du dir etwa Sorgen um mich?”
„Ach i-wo”, erwiderte sie sofort und biss sich auf die Lippe, doch Nevra konnte spüren, wie sich ihr Puls beschleunigte. Er hatte sich also nicht vertan: Das, was er in ihrem Blick gesehen hatte, war nicht nur Angst vor dem Biss. Es war die Sorge jemanden zu verlieren, der ihr wichtig war.
Sie war ein Mensch, nein eine Frau, für die er einfach nur als Person Bedeutung hatte. Nicht als Vampir und auch nicht als Mann.
Er – der vermutlich größte Frauenheld in ganz Eel – hatte in dieser Nacht eine echte Freundin gefunden.
Doch er durfte nicht zulassen, dass Emilia ihn für schwach hielt. Schließlich war er ihr Boss.
„Wieso nennst du mich eigentlich neuerdings Em?”, fragte sie, scheinbar um das Thema zu wechseln.
„Wieso nicht? Der Name passt zu dir oder wäre dir Emmi als Kosename lieber?”
Das Lachen verging Nevra, als Emilia ihn beinahe fallen ließ.
Versehentlich, natürlich.
Allerdings konnte er ihr nicht die Wahrheit sagen.
Er wollte nicht zugeben, dass es für ihn inzwischen unmöglich war in ihr einen Kerl zu sehen. Ein neutraler Name war daher die einzige Möglichkeit einen Versprecher zu verhindern.
„Wie dem auch sei”, sagte er, als sie das Lager vor sich aufragen sahen. „Du solltest noch etwas essen, bevor du schlafen gehst. Morgen werden wir wieder trainieren.“
Sie sah ihn etwas spöttisch an, nickte aber entschlossen.
Nevra wusste, dass es für ihn nicht mit ein paar Stunden Schlaf geregelt war, aber er war dennoch davon überzeugt, dass Emilia morgen der Spott vergehen wird, wenn sie wieder seinen Schlägen ausweichen musste.
Allerdings sollte er wegen seines Blutdurstes langsam wirklich etwas unternehmen.
Sein jetziger Zustand war unverantwortlich, egal ob ihm die übrigen Alternativen gefielen oder nicht.

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#29 Am 24.11.2021 um 18.36 Uhr

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Part XVII: Der Amethyst



Kaum hatten sie das Lager erreicht, schob der Vampir Emilia weit genug von sich, dass es so aussah, als ob er allein würde laufen können. Schließlich sollte keiner seiner anderen Untergeben ihn so sehen. Dennoch bestand sie darauf, ihn bis zu seinem Zelt zu begleiten, was er ihr nicht abschlug.
Zumal sie eh kein Nein zu akzeptieren schien.
Allerdings hatten sie noch nicht einmal sein Zelt erreicht, da kam plötzlich Alajea auf die beiden zugerannt.
Zunächst glaubte Nevra, dass sie ihm eine Szene machen wollte, weil er wieder einen Termin mit ihr versäumt hatte, aber ihr sonst so munteres Gesicht war zu einer kalkweißen Grimasse verzogen. Erst warf Alajea einen kurzen Blick zu Emilia und schien sie wegschicken zu wollen, doch dann besann sie sich eines Besseren und sah mit gequälter Miene zu beiden. „Chrome ist hier. Er liegt gerade bei Ewelein.“
Nevra sah sie an, als hätte sie wieder etwas durcheinandergebracht. „Chrome ist auf Mission. Er…“
Doch Alajea schüttelte den Kopf. Sie machte den Eindruck, als wüsste sie nicht, wie sie ihm die Information überbringen sollte, die sie hierhergeführt hatte, bis die Wörter schließlich aus ihr herausbrachen wie Wasser aus einem zerberstenden Damm. „Chrome hat sich in einer Höhle an einer Kobraranke vergiftet. Nevra! Emil! Ihr solltet sofort zu ihm.“
Emilia schien nicht darauf zu warten, dass Nevra sich aus seinem Schock löste, sondern rannte sofort zum Hügel, wo das Lazaret aufgebaut war.
Nevra ließ sich von Alajea an der Hand führen. Obwohl er kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte, stolperte er den gesamten Weg irgendwie vorwärts.
Im Nachhinein vermochte er nicht mehr zu sagen, wie er es überhaupt bis zur Krankenstation geschafft hatte. Doch es blieb ihm kein Moment zum Luft holen, denn beim Anblick des Wolfjungen gefror ihm sein letzter Rest Blut in den Adern. Regungslos lag Chromes Körper auf einer Liege und war mit dutzenden, dunklen Flecken übersät.
Emilia saß bereits an seiner Seite und hielt seine Hand. Dabei sah sie sich mit hilfloser Miene fragend im Raum um. Auch Nevra wollte Antworten.
„Was ist hier los?“, fragte er alle Anwesenden im Raum.
Eine Frau und zwei Jungen, die Chrome auf seine Mission begleitet hatten, kamen aus dem hinteren Teil des Zeltes hervor und übergaben Nevra einen leuchtenden, grünen Stein.
„Ein Amethyst?” Nevra sah sie irritiert an. Diese Edelsteine waren hier unglaublich selten und extrem magisch, aber was hatte das mit Chrome zu tun?
Die Frau nickte und deutete auf den Wolfsjungen. „Wir sind auf dem Weg an einer Höhle vorbeigekommen, in der alten Sagen zufolge Amethyst-Steine verborgen liegen. Chrome ließ sich nicht davon abhalten, nach einem zu suchen.”
„Ihr habt ihn allein in eine Höhle gehen lassen?”, fragte Nevra, wobei sich seine Stimme überschlug.
„Er ließ sich nicht aufhalten”, sagte die Frau mit leiser Stimme. „Wir dachten auch, dass er schnell Angst bekommen und wieder zurückkommen würde, aber als er selbst nach Stunden nicht wiederauftauchte, sind wir ihn suchen gegangen. Schließlich fanden wir ihn im Innern der Höhle, wie er den Stein umklammert hielt. Eine Kobraranke muss ihn gebissen haben, bevor er den Ausgang erreichen konnte.”
Nevra setzte sich zu dem Jungen ans Bett. Ausdrücke von Wut und Verzweiflung wechselten auf seinem Gesicht wie eine defekte Glühbirne.
„Du leichtsinniger Tölpel”, presste er hervor.
Emilia sah ihn verständnislos an. „Warum hat er das getan? Was ist denn so toll an diesen Steinen, dass er dafür so ein Risiko eingeht?”
„Es ist ein besonders starker Glücksstein”, erklärte die Frau. „Er ermöglicht es seinem Träger seine wahre Stärke zu entfesseln. Chrome sagte, dass er jemanden kennt, der dringend so einen Stein braucht.”
Nevra biss bei diesen Worten die Zähne zusammen. Er konnte sich denken, für wen Chrome den Stein besorgen wollte und sah mit schmalen Augen zu Emilia, die ihm gegenüber an dem Bett hockte.
In dem Moment, wo sie seinen anklagenden Blick auf sich spürte, entglitt ihr Gesicht und sie schien zu begreifen, dass Nevra ihr die Schuld an Chromes Zustand gab.
Tränen schossen ihr in die Augen und sie drückte Chromes Hand gegen ihr Gesicht.
Derweil kehrte Ewelein mit einer Kräutermixtur ins Krankenlager zurück.
Als sie Nevra bemerkte, sah sie ihn mit verbissener Miene an. „Nev, es tut mir leid. Das Gift hat sich schon bis zu seinem Herzen ausgebreitet. Ich fürchte, ich kann hier nicht mehr viel machen.“

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#30 Am 28.11.2021 um 16.49 Uhr

Shadowgarde
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>> Chapter 3: Ezarel
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Part I: Zurück zu den Wurzeln



Dass Elfen von Geburt an ein besonders naturnahes Volk sein sollen, hatte Ezarel noch nie wirklich geglaubt. In dieser Hinsicht unterschied er sich schon als Kind vom Rest seiner Familie.
Während sich seine Verwandtschaft an der bezaubernden Landschaft unter freiem Himmel erfreute, fand für ihn der Zauber stets im Verborgenen seiner Kräuterküche statt. Dort brachte er eben jene Naturgüter zum Knallen, die jeder andere Elf im Glanz des Morgenlichts bestaunt hätte.
Nicht, dass Ezarel das ästhetische Auge fehlte.
Ihm war nur schlichtweg der Wald zu dreckig, die Wiesen mit all dem Gezirpe zu laut und von den steilen Berghängen wollte er gar nicht erst anfangen.
Überhaupt war die reine Natur geprägt von Unordnung und Chaos. Etwas, das der Alchemist in seinen fein-säuberlich sortierten Schränken niemals dulden würde. Und wenn es doch mal einer seiner Untergeben wagen sollte, Zutaten nicht an ihren angestammten Platz zurückstellen, fand sich jenes unglückselige Geschöpf am nächsten Tag mit mehr Armen am Körper wieder, als er oder sie benötigte, um das Durcheinander wieder in Ordnung zu bringen.
Oh ja - als Leiter der Absynth-Garde genoss Ezarel einen gefürchteten Respekt, den er sich immer wieder aufs Neue zu verdienen wusste. Stets mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. Das Vorzeichen der Hölle, wie seine Untergebenen es nannten.
Dass er damit immer durchkam, lag wohl daran, dass man einem Genie wie ihm fast alles verzieh. Zumindest bildete sich Ezarel das gerne ein, auch wenn ein gewisser Vampir davon überzeugt war, dass die Angst vor Miiko einfach zu groß war, um Beschwerde gegen ihn einzureichen. Ezarel konnte das eigentlich egal sein, denn so oder so lag ein Ende seiner Tyrannei in weiter Ferne.
Daher waren die wenigen Momente, in denen die Gardisten der Absynth-Garde aufatmen konnten, auf Ezarels längere Dienstreisen beschränkt.
Auch dieses Mal war er mit einer neuen Mission betraut, die ihn zwar gar nicht so weit ab vom Lager entfernt hatte, aber doch länger als gewöhnlich im Wald festhielt.
Es ging dabei um eine seltene Pflanze, die ihm kein Purreko zu beschaffen vermochte. Das Lilium Pyrophylium, im Volksmund auch Asbest-Röschen genannt, enthielt nämlich spezielle Früchte, die richtig zubereitet Feuer und selbst Explosionen überstanden. Unglaublich selten und ziemlich empfindlich, aber die wichtigste Zutat, um Schutztränke gegen Feuerausbrüche herzustellen. Jeder wollte sie haben, aber nur erfahrene Botaniker wie Ezarel konnten das empfindliche Lebewesen unbeschadet pflücken. Doch die größte Herausforderung war, sie überhaupt zu finden.
Sein Weg führte ihn daher zu so vielen versteckten, verwinkelten und verwobenen Plätzen, dass er irgendwann das Gespür für Tag und Nacht verlor. Dennoch war er bis auf ein einziges, kümmerliches Exemplar, bei der die Blätter schon ganz pudrig geworden waren, ziemlich erfolglos gewesen. Das ärgerte ihn unheimlich. Schließlich blickte er auf eine makellose Bilanz erfüllter Aufträge zurück, ja mehr noch, es gab bisher keine Mission, die er nicht erfüllen konnte.
Und doch war sein Versagen im Augenblick noch sein geringstes Problem.
Denn noch nie… niemals hatte Ezarel sich so sehr mit der Natur verbunden, wie die letzten Tage über. Es waren nicht die bunt leuchtenden Blätter des Paradies-Baumes und auch nicht die grazilen Verformungen der Tanz-Gräser, die ihn hier festhielten.
Nein, nein.
Dass er nicht vom Fleck kam und zu einem untätigen Zuhörer verdammt war, lag einzig und allein an einem Fluch, der ihn enger mit der Natur verschweißte, als es selbst den waldfanatischsten Hippie-Elfen lieb sein konnte. Denn statt blauen Haaren sprossen ihm grüne Blätter und anstelle zweier Arme verfügte er nun über hunderte von Ästen. Allerdings konnte er keinen einzigen von diesen bewegen, um diese dämliche Dryade zu erdrosseln, die ihm das angetan hatte.
Und das nur, weil er seine vorlaute Zungen nicht hüten konnte.
Warum hatte dieses Miststück ihn auch herausgefordert, indem sie behauptete, dass seine Suche nur deshalb so erfolglos verlief, weil er nicht gründlich genug sei? Natürlich hatte er ihr daraufhin sehr eindrucksvoll vorgeführt, dass sie ihm in Punkto botanisches nicht das Wasser reichen konnte.
Wer konnte das schon?
Gut, vielleicht hätte er sie in seiner arroganten Art nicht verhöhnen sollen.
Aber wer wird denn schon kleinlich sein? Er war schließlich verzweifelt.
Jetzt mehr denn je.
Tag aus Tag ein, konnte er nun nichts anderes tun als seinen Baum zu stehen und den kecken Rufen einiger Gefährten zu lauschen, die sich gnadenlos an seinen Wurzeln Erleichterung verschafften.
Von oben bis unten beschissen. Ezarel könnte kotzen.
Da er sich jedoch weder bewegen noch regen konnte, blieben seine spitzzüngigen Gedanken, wo sie waren. Zur Abwechslung einmal unausgesprochen.
Auch sonst war sein Handlungsspielraum eher eingeschränkt bis nicht existent.
Das einzige, was ihm Trost spendete, war der Gedanke an Rache an diesem widerlichen Weibsbild von Dryade, und die Blätter seiner Baumkrone im Wind, mit denen er sich gelegentlich die Nasenspitze kratzen konnte, die als kleiner Zweig aus dem Stamm heraus ragte.
Er hatte keine Ahnung, wie lange die Wirkung dieses Fluches anhalten würde oder wie er ihn aufheben konnte.
Bis es dir endlich mal die Sprache verschlägt, hatte die Dryade gesagt.
Was soll das überhaupt heißen? Er war ein verdammter Baum.
Da Ezarel aber keine Möglichkeit sah, sich seiner Außenwelt mitzuteilen, verdrängte er solche Gedanken, um nicht wahnsinnig zu werden. Also nicht wahnsinniger als ohnehin schon.
Wie oft hatte er Alajea damit aufgezogen, dass selbst die Gesellschaft eines Steines unterhaltsamer war als sie?
Und jetzt?
Jetzt glaubte er schon, in den Steinen die Gesichter seiner Kameraden zu sehen… In Punkto Gesprächigkeit war Valkyons Stein da auch ziemlich authentisch.
In seinen schwächeren Momenten gab sich Ezarel der Illusion hin, dass Passanten seinen Weg kreuzen und auf ihn aufmerksam werden würden, aber er befand sich wohl zu tief im Wald, um wirklich darauf hoffen zu dürfen. An diesem Tag regnete es zu allem Überfluss auch noch in Strömen, was - trotz Optimismus - seine Hoffnung auf Wanderer im Keim ertränkte.
Denn selbst an sonnigen Tag glich der Wald einer sozialen Wüste.
Doch noch während er sich überlegte, aus welchen Teilen der Dryade er sich eine neue Schrankwand zimmern würde, drang ein Rascheln aus den Büschen hervor.
Da Ezarel sich nicht umdrehen konnte, um nach der Quelle des Geräusches zu suchen, konzentrierte er sich auf jedes akustische Detail.
Er konnte sein Glück kaum fassen: Es waren Schritte von zwei Leuten, die sich durch das Unterholz bewegten.
Der eine deutlich schneller und schwerer als der andere.
Als Ezarel hörte, wie sie sich ihm immer weiter näherten, hätte er vor Freude in die Luft springen können. Das ging natürlich nicht; er war ja kein Hüpfkraut.
Dennoch wurde er ganz aufgeregt. Jetzt mussten sie ihn nur noch bemerken und dann...
„Warte!”, rief eine helle Stimme und dazugehörige Füße trippelten schneller auf dem Boden, um die Person vor sich zu erreichen.
Diese hielt jedoch nicht an, sondern beschleunigte ihren schwerfälligen Schritt sogar.
„Jetzt sei doch nicht so abweisend“, sprach die erste weiter, ziemlich sicher weiblich. „Deine Schulter ist immer noch nicht verheilt. Lass mich deine Wunden doch wenigstens ansehen.”
Die Schritte verstummten gänzlich. Ein paar Meter hinter Ezarel, schienen sie stehen geblieben zu sein.
Schweigen.
Ezarel wusste nicht, was hier vor sich ging, bis er Teile einer Rüstung klappern hörte.
„Nimm die Finger von mir!”, brummte eine Männerstimme zurück. „Hast du wirklich geglaubt, dass ich noch eine Sekunde länger bei dir bleibe? Nach allem, was du mir angetan hast...”
Ezarel erschrak, als er die Stimme erkannte.
„Sieh mal an, wer doch sprechen kann”, säuselte die Frauenstimme. „Ich wusste, dass du früher oder später mit mir reden würdest.”
Anstelle einer Antwort, schnaubte der Mann und trat einige Schritte vorwärts. Nun konnte Ezarel aus den Augenwinkeln die weißen Haare erkennen. Bei den Sylphen, es war tatsächlich Valkyon.
„Jetzt bleib doch“, verlangte die andere und sprang an seine Seite. Ihre blonden Haare blitzten trotz der wenigen Sonnenstrahlen und ihre Finger glitten über Valkyons Rüstung, als läge eine magnetische Anziehung darauf.
„Geh mir aus den Augen”, befahl Valkyon und schüttelte sie ab.
„Aber du musst mich vor diesem Monster beschützen”, erklärte die Blonde fast weinerlich. „Ich habe dich zwei Mal gegen die Bestie kämpfen sehen. Du bist der einzige, der sie aufhalten kann.”
„Ich glaube, du kannst dich sehr gut selbst wehren.” Valkyons Stimme dröhnte vor Zorn. „Du hast mich betäubt und gefangen gehalten. Nenne mir nur einen Grund, warum ich dich nicht auf der Stelle töten sollte?”

Letzte Änderung durch Ama (Am 29.11.2021 um 16.49 Uhr)

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#31 Am 01.12.2021 um 16.23 Uhr

Shadowgarde
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>> Chapter 3: Ezarel
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Part II: Blonder Teufel




Ezarel hatte nicht den blassesten Schimmer, was hier vor sich ging und warum die Blonde an seinem Freund klebte wie Honig an den Fingern. Für einen kurzen, fast lachhaften Moment kam ihm sogar der Gedanke, dass sie womöglich Valkyons Geliebte war. Zwar hatte dieser gedroht, sie zu töten, aber seien wir mal ehrlich: Valkyon war im Umgang mit Frauen echt nicht der Geschickteste.
Und was war das überhaupt für ein verrücktes Fessel- und Entführungsspiel, das die Blonde mit seinem Freund abgezogen hatte?
Ezarel schmunzelte in sich hinein. Wenn Valkyon ihn erstmal aus diesem Baum befreit hatte, dann würde er wohl einige Fragen beantworten müssen.
Gut, Ezarels Lage war nicht weniger peinlich. Schließlich machte sich der Passus ‘Verbrachte Wochen als Baum’ nicht so gut auf seinem Lebenslauf. Es sei denn er bewarb sich als Nymphe.
Ein Rascheln lenkte Ezarels abstruse Gedanken wieder zur Seite, wo die Blonde ihre kleine Hand nach dem Krieger ausstreckte, als wolle sie ihn streicheln.
„Valkyon”, dabei wurde ihre Stimme unerwartet sanft. „Es tut mir leid, dass ich dich quasi entführt habe. Ich war in Panik geraten und musste schnell handeln… Ich brauche dich nunmal. Glaube mir, wenn wir zusammenarbeiten, können wir die Bestie aufhalten.”
Anstelle einer Antwort gab Valkyon ein abfälliges Schnauben von sich und setzte dann seinen Weg fort. Dabei lief er direkt auf Ezarel zu. Dieser wusste nicht, ob es irgendetwas gab, mit dem er auf sich aufmerksam machen konnte, doch wenn sein Freund nur einen Blick auf seinen Stamm riskieren würde, dann könnte er vielleicht die vagen Konturen von seinem Gesicht in der Rinde erkennen. Ein Blick sollte schon genügen, um zu begreifen, dass ein Fluch auf ihm lastete. Dann könnte er Ewelein zu Hilfe zu holen. Die wüsste sicher, was zu tun ist. Außerdem war sie diskret genug, um die Angelegenheit ohne größeres Aufsehen über die Bühne zu bringen.
Valkyons Blick war jedoch ziemlich starr auf den Boden geheftet, während er mit einer Hand seine verletzte Schulter umklammert hielt. Es sah so aus, als wäre er in Gedanken völlig woanders. Ezarel konnte nur nicht sagen, wo. Vielleicht bei der Bestie?
„Wo willst du überhaupt hin?”, rief die Blonde dem Krieger hinterher. Der sanfte Klang ihrer Stimme hatte sich in ein garstiges Kratzen verwandelt. Es passte überhaupt nicht zu ihrem engelsgleichen Äußeren, wohl aber zu ihren nächsten Worten, „Glaubst du etwa, die Göre am Lagerfeuer hat auf dich gewartet? Du verdammter Narr!”
Bei dem nächsten Schritt stapfte Valkyon so stark auf, dass Ezarel spürte, wie der Boden unter ihm vibrierte. Sein Freund war nur wenige Schritte von ihm entfernt, doch etwas schien ihn innerlich so aufzuwühlen, dass er seine Umgebung völlig ausblendete und sowohl seine Zähne als auch die Augen zusammen kniff.
„Sei doch ehrlich”, forderte die Blonde mit einem höhnischen Gelächter und folgte ihm auf den Fuß, „Sie war eh nur ein unnötiger Klotz. Nicht einmal deine Wunden hat sie versorgt. Im Grunde kannst du doch froh sein, dass du sie los bist.”
Valkyon blähte die Nasenflügel.
Dann gab es einen lauten Knall und Ezarel spürte die volle Wucht, mit der Valkyon auf seinen Stamm eingeschlagen hatte. Wäre er nicht tief in der Erde verwurzelt, hätte ihn der Schlag mit Sicherheit quer durch den Wald gefeuert.
„Sei still!”, presste Valkyon hervor. „Ich will nur eines; die Bestie finden. Alles andere interessiert mich nicht. Also lass dieses verdammte Geschwätz!”
Noch nie hatte Ezarel so viel Verachtung in Valkyons Worten vernommen. Selbst sein Gesicht war vor Schmerzen verzerrt.
Unter anderen Bedingungen hätte Ezarel es sich mit Candycorn vor den beiden gemütlich gemacht, aber in dieser Situation fand er die Show alles andere als unterhaltsam. Ganz gleich, was seine Begleitung auch sagen würde, es würde Valkyons Entschluss nicht ändern. Er hatte ihr nichts mehr zu sagen und wollte auch nichts von ihr hören.
„Du begehst einen großen Fehler”, zischte sie und hob ihre Nase in den Himmel. „Immerhin weiß ich, worauf es die Bestie bei ihren Angriffen abgesehen hat.”
Oh? Ezarel horchte auf. Hatte sie vielleicht doch einen Trumpf in ihrem Ärmel…?
Ihrem halb-verschmitzten Grinsen nach zu urteilen, war das, was sie sie wusste, wohl wirklich eine Sensation.
„Du bluffst”, gab Valkyon nur zurück, aber er blieb trotzdem stehen.
Sie schien sein Zögern ebenfalls zu bemerken und trat einen weiteren Schritt auf ihn zu. „Glaub es oder lass es, aber ich bin deine einzige Chance. Nur mit mir wirst du die Bestie finden und ihr eine Falle stellen können.”
Valkyon verschränkte einen Arm vor der Brust, um seinen Unglauben auszudrücken. Den anderen Arm konnte er scheinbar wirklich nicht bewegen. „Willst du die Bestie etwa auch im Schlaf überfallen und tagelang auf Drogen halten?”
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und sah ihm tief in die Augen „Scheinbar habe ich dich nicht lang genug der Einwirkung des Trankes ausgesetzt. Du bist ja immer noch so störrisch, Valky.”
„Nenn mich nicht so”, herrschte er sie an und drehte den Kopf zur Seite.
Ezarel konnte ihm direkt ins Gesicht sehen. Valkyons Augen waren zwar in seine Richtung geheftet, aber er sah dennoch durch den Stamm hindurch, als wäre die Rinde aus Glas.
Die Blonde seufzte und lief um ihn herum wie ein Geier, der darauf wartete, dass seine Beute endlich kapitulierte. „Hast du dich je gefragt, warum die Bestie bei ihren Angriffen immer ein paar Mädchen entführt? Und, warum sich die entführten Mädchen allesamt so ähnlichsehen?”
Ezarel hatte das Gefühl ein paar Kapitel übersprungen zu haben, doch scheinbar war Valkyon besser informiert.
„Sie waren alle etwa im Alter von 20 und haben blondes Haar”, stimmte dieser widerwillig zu. „Denkst du, du wärst ein guter Lockvogel, weil du in das Schema passt?”
Ezarel nahm sie näher in Augenschein. Sie klang älter als 20, aber sie sah in der Tat noch recht jung aus. Wobei... Blondes Haar konnte ein kindliches Aussehen auch verstärken. Womöglich war das der Grund, warum Valkyon ihr Leben bisher verschont hatte. Sein Herz war einfach zu weich, um ein junges Mädchen zu verletzen. Egal, was sie ihm angetan hatte.
Mittlerweile hatte sie sich jedoch zwischen Valkyon und Ezarels Stamm geschoben, sodass sein Blickfeld völlig von ihrem Körper verdeckt wurde, doch Ezarel glaubte zu hören, wie ihre Nägel über Valkyons Rüstung fuhren.
„Nein”, erwiderte sie beinahe zärtlich, aber bestimmt. „Ich bin keine, die in irgendein Schema passt. Ich bin das Schema.”
„Was?” Valkyon schlug ihre Hand beiseite.
Sie gab einen Laut von sich, der fast nach einem Kichern klang. „Die anderen blonden Mädchen sind quasi der Beifang. Das, was die Bestie wirklich will, bin ich.”
Stille.
„Du meinst…” Valkyon schüttelte ungläubig den Kopf.
„Ganz genau”, ihre Stimme nahm einen flüsternden, fast verführerischen Unterton an, „Die Bestie versucht mich zu finden und nur Poseidon weiß, was sie mir antut, wenn sie mich gefunden hat. Ob du mir nun helfen willst oder nicht, Valky: Die Bestie wird immer da sein, wo ich bin. Es wäre also klüger, wenn du in meiner Nähe verbleibst.”
Valkyon musterte sie aus schmalen Augen und schien schließlich zu dem Schluss zu kommen, dass sie die Wahrheit sprach.
„Dann gebe ich dich am besten im nächsten Dorf ab”, erklärte er. „Dort kannst du dich den Ältesten erklären und gleich für das Verbrechen geradestehen, das du an einem Gardenleiter begangen hast. Währenddessen werde ich mich auf die Lauer legen, bis die Bestie auftaucht,” Mit einem Ruck griff er nach ihrem Arm und verdrehte diesen hinter ihrem Rücken.
„Das kannst du nicht machen!“, brachte sie panisch hervor. „Damit präsentierst du mich der Bestie auf einem silbernen Tablett!”
„Natürlich. Und sei gewiss: Dein Leben ist das letzte, was ich beschützen werde.“
Fast schon amüsiert sah Ezarel zu, wie sie sich verzweifelt zur Wehr setzte, doch gegen Valkyons Griff kam sie nicht an.
„Nein!”, kreischte sie wiederholt und schlug auf seinen kaputten Arm ein, was Valkyon jedoch kaum ein Wimpernzucken entlockte. Ezarel hatte fast den Eindruck, als wäre Valkyons Gesicht inzwischen wirklich zu Stein erstarrt.
„Wenn ich tot bin, sind die Dorfbewohner immer noch in Gefahr”, sagte sie schließlich. „Entweder du hilfst mir nach meinen Bedingungen und erhältst mich am Leben, oder …”
„Oder, was?”, fragte Valkyon fast schon genervt.
Ezarel sah, wie ihre Hände begannen zu zittern, ehe sie sie zur Faust ballte. „... oder deine kleine Freundin ist bald wirklich tot.”
Valkyon ließ von ihr ab und es war, als fiele eine Maske von seinen Zügen. Ein Funke Hoffnung zauberte Farbe in sein zu grauem Marmor versteinertes Gesicht. „Sie lebt noch?”
Im selben Moment konnte die Blonde sich ohne Probleme aus seinem Griff lösen und strich ihren roten Rock glatt.
Als wenn das einen Unterschied machen würde, dachte sich Ezarel und warf einen missbilligenden Blick auf ihre von Brandspuren zerfledderte Kleidung.
Dann strich sie sich die Locken aus dem Gesicht. „Ich hörte, wie ein brünettes Mädchen sich nach einem weißhaarigen Ritter erkundigt hat, ehe man sie aus dem Dorf jagte. Sie hatte deine schweren Rüstungsbeinplatten bei sich. Wenn du dich mir anschließt, verrate ich dir, was sie damit gemacht hat.”
Es vergingen ein paar Minuten, in denen Valkyon angestrengt zu ihr herunterblickte.
Da gibt es nichts abzuwägen, mein Freund. Die spielt doch nur mit dir! Ezarels Stimme schallte wie ein Echo durch seinen Geist, aber kein Wort drang nach außen.
„Sprich!”, verlangte Valkyon schließlich und ließ fast gleichmütig die Schultern hängen.
„Das werde ich. Ich werde dir helfen der Bestie endgültig eine Falle zu stellen. Und ich sage dir alles, was ich über das Mädchen weiß, aber…” Mit diesen Worten fiel sie ihm um den Hals. „... dafür schwörst du, dass du an meiner Seite kämpfst. Ganz gleich, was auch passiert.“

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#32 Am 03.12.2021 um 18.52 Uhr

Obsidiangarde
Shirin
Just Arrived
Shirin
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Ich bin!! Genau pünktlich!! Zu meinen Lieblingschapter!!! Dx

Sehet an, wer hat es geschafft sich blicken zu lassen - ich! Ich kann es kaum fassen, es wieder so weit geschafft zu haben. Aber das war es mir wert!

Ich kann nur noch einmal beteuern wie erleichtert ich bin, dass du die Story noch einmal hochlädst 8^8 Und ich bin wahnsinnig gespannt was du noch für uns in petto hast... wir waren ja (noch lange?) nicht fertig in der letzten Runde. Noch viele viele Fragen auf deren Antworten ich warte.
Es ist beinahe ein bisschen lustig, dass ich geschworen habe, diese Geschichte fertig zu lesen - egal wie lange es dauert. Und dann sind die Server niedergebrannt, genau mein Humor! :'D
Aber das hält mich nicht davon ab, mein Wort zu halten. Und ich bin froh die Ereignisse vom Beginn der Story wieder etwas aufgefrischt zu haben! Umso mehr freue ich mich, dass wir nun endlich wieder bei Ezarels Chapter sind... das wird ein Spaß xD

Sehr neugierig bin ich auch bezüglich der "Überraschung", die du erwähntest...

Es bleibt spannend, ich bleibe am Ball und bis zum nächsten Mal!!

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#33 Am 05.12.2021 um 18.19 Uhr

Shadowgarde
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>> Chapter 3: Ezarel
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Part III: Festgenagelt



Ezarel starrte fassungslos auf das seltsame Pärchen vor seiner Nase. Wenn er nicht komplett von Rinde bedeckt wäre, würden sich glatt seine Nackenhaare aufstellen, so sehr widerstrebte ihm der Anblick.
Wie eine alte Tante, die Besitzansprüche auf ihren Neffen erhob, hielt der blonde Teufel Valkyon Gesicht gegen ihr Dekolletee gedrückt. Dabei presste sie sich so fest an ihn, als versuche sie ihn bei lebendigem Leibe zu verschlingen. Doch nichts, was sie tat, entlockte Valkyon auch nur den Hauch einer Gefühlsregung. Stattdessen starrte er mit verbissener Miene ins Leere, als warte er darauf, aus einem langen Alptraum zu erwachen. Allerdings schien die Blonde nicht im Traum daran zu denken, ihr neues Spielzeug gehen zu lassen.
Erst als sich gedämpfte Schritte auf die Lichtung zubewegten, löste sie sich von ihm.
„Wir müssen hier verschwinden”, zischte sie und zog an seinem verletzten Arm.
Noch immer stand Valkyon so regungslos da wie ein Grookhan im Winterschlaf.
„Jetzt komm schon.” Dabei rüttelte sie stärker an seinem Arm. „Bring mich hier weg, Valky!”
Ein verräterisches Knacksen schoss durch seine Schulter und er blickte halb verwirrt, halb schmerzverzerrt zu ihr herab. „Wieso? Vielleicht können sie uns helfen? Die Schritte klingen nach Kriegern.”
Obwohl sie offenkundig im Begriff war, seine Verletzung zu verschlimmern, zerrte sie weiter an seinem Arm. „Ich verlange, dass du mich wegbringst, bevor sie mich sehen! Ich arbeite mit niemandem zusammen.”
Ihre Worte ließen keinen Zweifel.
Valkyon stand kurz davor sich ganz und gar unter ihre Fuchtel zu begeben. Es war keine Zusammenarbeit, sondern ein Frondienst, den er bei ihr abzuleisten hatte.
Ezarel kannte seinen Freund gut. Valkyon war zwar kein Mann großer Worte, aber das Befehligen lag ihm im Blut. Ein Anführer wie er würde sich niemals von einem kleinen Mädchen so zum Narren halten lassen. Wenn er klug war, würde er die Krieger auf sich aufmerksam machen und die Blonde vor den nächsten Richter schaffen.
Etwas ähnliches schien Valkyon auch zu denken, denn sein Blick war in die Richtung geheftet, aus der die Stimmen und Schritte des nahenden Kriegertrupps kamen.
Doch dann senkte sich sein Kopf zu dem Mädchen und er packte sie am Handgelenk.
„Du versprichst, dass du mich zu der Bestie führst?”, fragte er. „... und zu ihr?”
Sie nickte heftig. „Ich schwöre, wenn du mir gehorchst und nach meinen Regeln spielst.”
Valkyon brauchte keinen weiteren Moment der Überlegung. Stattdessen schwang er sie auf seinen Rücken und eilte mit ihr durch die Böschung in die entgegengesetzte Richtung. Keine zwei Sekunden später, war von den beiden nichts mehr zu hören, als hätte sie der Erdboden bereits verschluckt.
Ich glaube mein Siturch pfeift, dachte Ezarel schockiert. War Valkyon gerade wirklich einen Pakt mit dem Teufel eingegangen?
Für den Elfen war die gesamte Situation unbegreiflich. Gut, ihm war bewusst, dass die Bestie gefunden werden musste. Ihm war auch bewusst, dass Valkyon schon herbe Verluste eingesteckt hatte, aber wieso um Himmelswillen verkaufte er seine Seele an dieses Weibsbild?
Frauen bringen echt nichts als Unglück…
Während Ezarel noch immer versuchte, die Lage in seinem Kopf zu ordnen, wurden die Stimmen der Krieger immer lauter.
Halb benommen nahm Ezarel ihre Schatten wahr; wie sie durch die untergehende Sonne immer länger wurden und schließlich um ihn herum schlichen wie groteske Nachtdämonen.
Doch all das hätte ihn nicht aus seinen wild tobenden Gedanken reißen können.
Bis seine Sicht mit einem Mal völlig verdeckt wurde.
Zuerst glaubte Ezarel entführt zu werden, aber es gab natürlich in seiner jetzigen Situation keinen Sack, den man um seinen Kopf hätte schlingen können.
Gerade als Ezarel verstand, dass die Leute eine Pergament-Rolle vor sein Blickfeld gehängt hatten, bohrte sich schon ein Nagel durch seinen Stamm. Irgendwo oberhalb seiner Stirn.
„Wir hängen da drüben noch ein paar Blätter auf”, erklärte eine Frau und stapfte zu einem der dickeren Nachbarbäume. Ezarel erkannte die Stimme, denn sie war ein Mitglied der Schattengarde. Nicht, dass er ihren Namen kennen würde - soweit reichte sein Interesse für die Untergebenen seiner Freunde dann doch nicht. Zumal die Gardisten nicht seinetwegen hier zu sein schienen.
„Glaubst du, dass jemand überhaupt so tief im Wald unterwegs ist?”, erwiderte ein anderer und schlug den nächsten Nagel in den Baum.
Ezarel hatte sich diese Frage in den letzten Wochen sehr oft gestellt.
„Spielt keine Rolle”, sagte ein dritter und klopfte auf das Bild, das sie vor Ezarels Gesicht genagelt hatten.
„Nevras Anordnung war deutlich: Er will den ganzen Wald damit gepflastert haben. Ihr hättet ihn mal sehen sollen, als ich erklärte, dass ihm der Junge doch gestohlen bleiben kann.”
Der gräuliche Zettel vor Ezarels Nase ließ gerade so viel Licht hindurch, dass dieser vage die Umrisse eines Gesichtes durchschimmern sah. Anscheinend waren das Fahndungsplakate.
Wen Nevra wohl suchte? Das Gesicht kam Ezarel jedenfalls nicht bekannt vor.
„An Emils Stelle würde ich mich auch nicht mehr in der Nähe des Lagers blicken lassen”, entgegnete die Frau. „Wenn der Bursche klug ist, hat er Eel längst verlassen.”
„Ich vermute eher, der ist längst tot. Habt ihr Emil Mal kämpfen sehen? Selbst betrunken treffe ich besser.”
Es folgten weitere, nicht ganz schmeichelhafte Erläuterungen zu diesem Emil.
Aber nichts, was die Lage für Ezarel erklärte.
Es sah Nevra nämlich nicht gerade ähnlich eine solch große Suchaktion auszurufen. Noch dazu in diesen Zeiten. Zumal solche Plakate mit Sicherheit Kopfgeldjäger anlocken werden, und diese kosteten nicht nur ordentlich Geld, sondern machten meistens zusätzlichen Ärger.
Das, was dieser Emil verbrochen hatte, musste Nevra stark getroffen habe. Ansonsten würde er niemals so weit gehen.
„Ehrlich gesagt, ich habe Nevra noch nie so wütend gesehen”, sagte die Frau. „Also packt eure Pausenbrote weg, Jungs. Ich will nicht in einem der Dörfer rasten müssen.”
Doch ihr Begleiter ließ sich auf die Erde fallen und begann an etwas Hartem rumzukauen. „Jetzt werd mal nicht gleich zum verängstigten Danalasm”, sagte er zwischen zwei Schmatzern. „Besser als im Freien zu schlafen.”
„Da muss ich ihr recht geben”, sagte der andere und zerrte seinen mild protestierenden Kameraden wieder auf die Beine. „Im Augenblick ist in den Dörfern keiner gut auf uns zu sprechen. Wenn Miiko nicht endlich die Rekrutierungen stoppt, lassen die uns gar nicht mehr in ihre Mauern.”
„Pah!”, spie der andere aus, folgte den anderen jedoch mit langen Schritten. „Die können froh sein, dass wir ihnen überhaupt helfen.”
Die Frau lachte. Wenn auch mehr aus Verzweiflung. „Bedanke dich bei Miiko, aber im Augenblick kannst du froh sein, wenn du deine Hilfsbereitschaft nicht mit dem Leben bezahlst...”
Der Rest ihrer Worte verebbte in der Ferne.
Dann wurde es still.
Das einzige, was Ezarels Ohren noch vernahmen war das Flüstern des Windes, was ihn allmählich zweifeln ließ, ob er sich die Gespräche nicht einfach nur eingebildet hatte. Allerdings glaubte er in tief im Wald noch immer das Klirren aufeinanderschlagender Rüstungsplatten und das dumpfe Hämmern auf Nägel zu hören.
Nein, das konnte Ezarel sich unmöglich eingebildet haben. Valkyon, Nevra und Miiko. Sie alle schienen in irgendwelche Probleme verstrickt zu sein. Doch was konnte er da schon tun?
Die Hilflosigkeit nagte an seinen Nerven wie ein hungriger Pimpel an kostbarem Lotus.
Zu wissen, dass sich seine Freunde in Schwierigkeiten befanden, er aber hier untätig feststeckte, trug definitiv nicht zur Besserung seiner Laune bei.
In dieser Nacht betete der Elf daher zum ersten Mal zu allen Göttern, Geistern und heiligen Gelehrten, die er aufzuzählen vermochte, dass sie ihn endlich von seinem verdammten Fluch befreien mögen.
Er wusste nicht, was er den Götzen im Austausch bieten konnte, aber er schwor, dass wenn sie ihm nur ein Zeichen geben würden, er alles täte, um seine Schuld zu begleichen.
Egal wie groß das Opfer auch sein möge. Wenn es sein musste würde er sogar seinen geheimen Jahresvorrat an Honig an seine Untergebenen verteilen.
Als er dies mit eisernem Blick zum Himmel beschwor, wusste Ezarel tief in seinem Innern, dass er ziemlich weit gesunken war. Es blieb ihm allerdings keine Energie sich selbst zu bedauern.
Während die Nacht weiter an seinen Nerven zerrte, gab er sich allmählich dem rhythmischen Rauschen der Blätter hin und fiel in einen unruhigen aber ereignislosen Schlaf.
Keine glanzvolle Offenbarung, keine göttliche Erscheinung. Nicht einmal ein schöner Traum.
Nur der Wind, der durch seine Äste pfiff wie ein Flötenspiel.


Kommi

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#34 Am 08.12.2021 um 17.07 Uhr

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Part IV: Emil




Mit den ersten Sonnenstrahlen flutete auch wieder neues Leben den Wald. Dennoch war dies kein normaler Tag für die Lichtung. Für gewöhnlich kündigten die Balzrufe der Liblauen das Ende der Nacht an, doch an diesem Morgen blieben die Gefährten verstummt. Dafür drangen erneut Schritte durch den Wald. Selbst das leise Tropfen des Morgentaus ging in dem müden Stapfen schlammiger Schuhe unter.
Da Ezarels Sichtfeld noch immer verhangen war, musste er sich auf jedes akustische Detail konzentrieren, um sich ein Bild von seiner Umgebung zu machen.
Zuerst glaubte der Elf Valkyon und seine Begleitung wären zurückgekehrt, aber der Klang der Bewegungen war ein völlig anderer.
Einer führte einen Wanderstock mit sich und schlurfte dermaßen schleifend über den Boden, als würde er die Jahre, die er zählte als schwere Last auf dem Rücken tragen.
Den anderen konnte Ezarel nicht einschätzen, denn etwas an der Art wie er ging war noch sonderbarer, ungleichmäßiger.
Doch bevor der Elf weiter darüber nachdenken konnte, änderte sich abrupt die Richtung, die diese Person einschlug. Zielstrebig trat sie auf ihn zu, als hätte sie etwas in seiner Nähe erspäht.
Ezarel lauschte angestrengt, aber hier gab es weit und breit nichts Außergewöhnliches, was auch nur irgendjemandes Interesse hätte wecken können.
„Hallo?” Ein Schreckensschauer fuhr Ezarel durchs Mark, als er die Stimme keinen halben Meter vor sich verortete.
„Ist hier jemand?”, fragte die Person weiter. „Antworte, wenn du mich hören kannst.”
Ezarel spürte den Schall so nah an seinen Ohren, als spräche die Person direkt zu ihm.
„Da ist nichts”, rief die andere Person von weiter hinten. Sie klang nicht so alt wie Ezarel angenommen hatte, doch der strenge Tonfall verlieh der Stimme eine recht herbe Note. „Wir müssen weiter. Komm jetzt, Emil.”
Ezarel hatte bei der Erwähnung des Namens das Gefühl, als hätte sich ein zweifelhafter Trend durchgesetzt. Allerdings konnten ihm solche Zufälle egal sein. Inzwischen war er nicht einmal mehr in der Lage, sich über die plötzlichen Besucher zu freuen. Schließlich war da wenig, womit er auf sich aufmerksam machen konnte. Es gab wortwörtlich nichts mehr, was er tun oder auf was er hoffen konnte. Noch dazu mit diesem Zettel vor der Nase.
Allerdings schien es eben jener Zettel zu sein, der nun die Aufmerksamkeit des Mannes erregte, der eben noch so herrisch darauf beharrt hatte, dass hier nichts zu entdecken sei.
„Was ist das?!”, fluchte dieser und kam in überraschend flotten Schritten herangeschlurft, um das Papier mit einem heftigen Ruck vom Stamm zu reißen. Dabei zerrte er so energisch daran, dass sogar der Nagel mit heraussprang und klirrend auf den steinigen Erdboden fiel.
In dem Moment, in dem der Elf endlich wieder Tageslicht ins Auge zu fassen bekam und er seine Umgebung erkannte, wurde ihm auch bewusst, warum dieser Mann so außer sich war.
Der Junge auf dem Fahndungsplakat hatte nämlich erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Knirps, der ihm gegenüberstand. Brünettes, halblanges Haar, eine schmale, kleine Gestalt und ein recht junges Gesicht, das jedoch zur Hälfte unter einer roten Kapuze verborgen lag. Seine äußere Erscheinung erinnerte Ezarel vage an ein Märchen, das ihm als Kind einmal zugetragen wurde. Es fehlte nur noch der Blackdog und ein Korb.
Das war also dieser gesuchte Emil? Ezarel verstand das Aufsehen nicht. Der Junge wirkte nicht gerade gefährlich. Warum ließ Nevra überhaupt nach so jemanden suchen?
„Woher kennt die Garde von Eel dein Gesicht?“, brummte der Mann. Er war äußerlich vielleicht fünf oder zehn Jahre älter als Ezarel und doch zogen sich so finstere Falten durch sein Gesicht als trennten sie Jahrhunderte. Ein zweiter Blick offenbarte jedoch, dass die Falten nicht allein seinem aufgestauten Zorn geschuldet waren, sondern vernarbte Überbleibsel eines heftigen Kampfes. Während der Mann zu diesem Emil sprach, bohrte sich sein Blick wie ein Blitz durch den Jungen. „Du kannst von Glück reden, wenn ich meinen Teil unserer Vereinbarung einhalte und dich nicht auf der Stelle ausliefere.”
Empört schlug Emil dem Mann das Papier aus der Hand, ohne es vorher überhaupt angesehen zu haben. „Ich hatte mit dieser Garde nie etwas zu tun.“
„Hör auf mich anzulügen. Woher wissen die dann, wie du aussiehst? Oder hast du zufällig einen Zwillingsbruder?” Der Kerl lachte so schallend, dass es ein Beriflore aus dem Winterschlaf gescheucht hätte.
„Wohl kaum”, knurrte Emil. „Aber wenn du drauf bestehst, dann schwöre ich bei meiner Schwester, dass ich nicht weiß, was es mit diesen Postern auf sich hat.”
Ezarel war überrascht, wie ernst der Junge dreinblickte, dabei sprach das Bild deutlich gegen ihn. Doch der Ältere schien auf den Schwur etwas zu geben, denn er ließ von dem Jungen ab und trat dann das Papier so tief in den Matsch, dass die Tinte verschmierte. Dabei musste er sich jedoch mit dem Stock abstützen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Nun verstand Ezarel, warum er ihn zunächst für deutlich älter gehalten hatte: Der Mann schien eine Verletzung am Bein zu haben und deshalb zu humpeln. Seiner rotweißen Robe und den platinfarbenen Schnallen auf seiner linken Brust nach zu urteilen war er ein Priester aus dem nördlichen Gebirge. „Wollen wir hoffen, dass das ein dummer Zufall ist, denn ich schwöre, dass ich dich wieder einsperren werde, wenn du mir noch etwas verschwiegen hast.“
Ehe Emil etwas erwidern konnte, schubste er ihn mit seinem Stock nach vorn. „Jetzt verbirg gefälligst dein Gesicht und nimm die Fährte wieder auf… oder hast du deine Mission etwa schon vergessen?
„Wie könnte ich…” Etwas in Emils Stimme klang nach tiefer Wehmut. „Aber nicht, bevor ich die Gegend hier untersucht habe. Ich spüre einen Fluch. Ziemlich mächtig sogar.”
Ezarel hatte keine Ahnung, über was für ein Gespür der Junge zu verfügen schien, aber er konnte sich schwer vorstellen, dass Emil fündig werden würde. Der Blick des Jungen war so ziellos durch die Gegend gerichtet, als würde er in der Luft selbst suchen. Und auch wenn er erkannte, dass jemand in diesem Baum steckte... Was würde er schon ausrichten können? Einen Fluch aufzuheben war eine komplizierte Sache. Fast so kompliziert, wie einen auferlegt zu bekommen.
Manche glaubten sogar, es läge am schlechten Karma, das man im Laufe des Lebens ansammelte. Andere wiederum waren davon überzeugt, es wären Schicksalsgeister, die das Gleichgewicht wiederherzustellen versuchten. Was es auch war: Der Himmel hatte sich gegen Ezarel verschworen und nur er würde ihn auch wieder befreien können.
„Es gibt nur einen Fluch, der dich kümmern sollte, Emil. Also hör auf sinnlos in der Gegend herumzuschnüffeln, sonst nehme ich dich an die Leine.”
Als Antwort knurrte der Junge verärgert, ließ sich aber nicht aufhalten, die einzelnen Steine zu inspizieren.
Ezarel wusste nicht, in welcher Beziehung die beiden zueinanderstanden, aber er konnte sich kaum vorstellen, dass der Priester zu der Sorte fürsorglicher Väter gehörte. Dennoch war da etwas in den strengen Berührungen des Älteren, die eine gewisse Vertrautheit vermuten ließen. Was es auch war. Die beiden verband zumindest diese ominöse Mission. Eine Mission, die scheinbar so wichtig war, dass sie hier im Wald blieben, obwohl überall Fahndungsplakate hingen, die ihnen die Kopfgeldjäger an den Hals hetzen konnten.
„Emil!” Die Stimme des Priesters wurde immer ungeduldiger.
„Einen Moment noch”, sagte der Junge entschlossen und suchte den Baum ab, als hätte er einen Imp entdeckt, der sich in einem der Astlöcher verborgen hielt. „Irgendwo hier muss es sein.”
Dabei fuhren seine Finger über den kleinen Zweig, der aus der Mitte von Ezarels Gesicht herausragte, weiter hinab, über die wulstigen Erhebungen, die mit ein wenig Phantasie seine Lippen erahnen ließen.
„Für so etwas haben wir keine Zeit!“
Trotz des scharfen Tonfalls, rührte sich Emil keinen Zentimeter. „Sag Mal…” Dabei fuhren seine Finger über Ezarels Wangen. „... Kennst du eigentlich das Märchen von Dornröschen?”
Die Worte huschten so sanft und leise über seine Lippen, dass Ezarel sich nicht sicher war, ob Emil immer noch zu dem Priester sprach. Dieser Junge schien auch nicht auf eine Antwort zu warten, denn er hielt den Baum gepackt, als könne dieser vor ihm davonlaufen.
„Du kommst sofort, sonst schläfst du heute Nacht wieder allein im Verlies”, brüllte der Priester. Kurz darauf packte er den Jungen an den Schultern, um ihn vom Baum wegzuziehen.
Doch Emil drehte sich mit einer schnellen Bewegung aus dem Griff heraus, sodass der Mann vom Ungehorsam des Jungen überrascht zu Boden stolperte.
Das Ganze ließ Emil jedoch kalt. Mehr mit seinen Händen als mit seinem Blick inspizierte er den Baum. Ezarel wusste nicht, was er denken oder fühlen sollte, denn je näher Emil ihm kam, desto deutlicher wurde das Schimmern einer dunklen Aura, die ihn zu umgeben schien. Zuerst war das dem Elfen gar nicht aufgefallen, doch je mehr er sich darauf konzentrierte, desto stärker wurde sie und zog ihn förmlich in seinen Bann. Es war, als könne er den Jungen sehen, ohne ihn ansehen zu müssen - als existiere die Aura unabhängig von seinen fünf Sinnen.
Es war jedoch nicht nur Emils Aura, die Ezarel zu umschließen drohte. Auch seine Hände tasteten die Rinde nach irgendeinem geheimen Schalter ab. Schließlich blieben sie bei Ezarels Mund stehen, tippten darauf, als hinterließen sie einen Morsecode.
Verzweifelt versuchte Ezarel aus Emils Augen abzulesen, was dieser dachte oder vorhatte… Aber in seinen Augen war nichts – ganz so, als wären sie völlig leer.
Erst als Emil seine Augen schloss, wurde Ezarel plötzlich bewusst, wie weit sie sich ihm genähert hatten... Wie nahe ihm Emil wirklich gekommen war.
Was zum…
Bevor Ezarel realisierte, was hier vor sich ging, schien ihm gleißendes Licht auf seine Netzhaut. Luft sog sich in seine Lungen, kühle Luft rieb an seinem Gesicht und ein moosiger Geruch kitzelte in seiner Nase. Jeder einzelne Sinn schien unter der Reizgewalt zu bersten. Doch ganz gleich wie sehr die Eindrücke auf ihn einschossen, gab sich Ezarel ganz seiner Umwelt hin. Jedes Luftmolekül saugte er auf wie ein Verdurstender.
Bis er bemerkte, dass die Luft sich ihren Weg nur durch seine Nase bahnte.
Bis ihm klar wurde, dass sich etwas auf seine Lippen presste und diese verschlossen hielt.
Bis schließlich die Konturen der Person vor ihm scharf wurden und er verstand, was hier gerade passierte.



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#35 Am 12.12.2021 um 16.39 Uhr

Shadowgarde
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>> Chapter 3: Ezarel
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Part V: Unverhofft kommt oft





In leuchtenden Fäden schlängelte die Rinde an Ezarels Körper herab. Stück für Stück gaben sie dabei Haut und Haar des Elfen frei und versickerten dann so spurlos im Gras als wären sie von Erdgeistern verschluckt worden.
Auch die Äste, Zweige und die gesamte Blatt-Krone zerfielen in flirrend-schimmernde Flocken, die kaum dass sie gen Boden sanken schon in der Luft verpufften wie kosmischer Sternenstaub.
Das glühende Spektakel breitete sich wie ein Lauffeuer über jede einzelne Faser des Baumes aus, woraufhin die Lichtung bald heller erstrahlte als die Mauern des Hauptquartiers in der prallen Sommerhitze. Wie loderndes Pergament tanzten und wirbelten die Fäden über die Köpfe der drei hinweg, und doch blieb wenige Minuten später nicht einmal der kleinste Funke übrig. Selbst die letzten Überbleibsel des Baumes verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen.
Zurück blieb nur die Erinnerung an diesen Fluch... und ein ziemlich überforderter Elf, der immer noch auf der Stelle verharrte, als sei ihm das regungslose 'Baumsein' inzwischen ins Blut übergegangen. Lediglich seine Kinnlade klappte herunter, was in Kombination mit seinen eng zusammengezogenen Augenbrauen mindestens so bescheuert aussah wie er sich innerlich fühlte.
Was ... war hier gerade passiert?
Zögerlich glitten zwei Finger seiner Rechten zu seinem Mund.
Der Wind blies zwar kalte Luft in sein Gesicht, doch Ezarels Lippen brannten als hätte er sie zu lange über einen qualmenden Kessel gehalten.
Mit einer Mischung aus Entsetzen und Unglauben starrte er auf den Jungen herab, der sich nur langsam von ihm löste und dabei nicht die Spur überrascht zu sein schien, dass sich der Baum vor seiner Nase plötzlich in einen Mann verwandelt hatte.
Als ob Elfen den lieben langen Tag nichts anderes täten, als sich in Bäume zu verwandeln. Ezarels Verwunderung wuchs von Sekunde zu Sekunde.
Emil sah ihn nicht direkt an, sondern lächelte verschmitzt durch ihn hindurch, als sei er mit den Gedanken ganz woanders. Diese Art der Nicht-Reaktion verärgerte Ezarel fast so sehr, wie die schwitzigen Hände, die der Junge allmählich von seiner Kleidung und seinem Gesicht löste. Allerdings änderte auch das nicht viel.
Überall dort, wo dieser Knilch ihn berührt hatte, blieb ein Puckern auf seiner Haut zurück, als hätte Emil ihn bereits mit einer einzigen Berührung vergiftet.
Ezarel schluckte, bis er aus den Augenwinkeln den Priester entdeckte, der noch immer hinter dem Jungen auf der Erde saß und sich verwundert seinen drei-Tage-Bart kratzte. Seine kantige Miene verdüsterte sich weiter, als ihm klar wurde, dass sein junger Begleiter Recht gehabt hatte und sich tatsächlich eine verfluchte Seele in ihrer Mitte befand. In seinen Augen spiegelte sich aber nicht nur Ärger und Überraschung wider, sondern auch ein bisschen Sorge. Er schien zu überlegen, wie viel er im Beisein dieses Elfenbaumes über sich und seine Mission preisgegeben hatte und kam dann wohl zu dem Schluss, dass jedes weitere Wort eine Gefahr darstellte. Vielleicht würdigte er Ezarel deswegen keines weiteren Blickes, sondern stemmte sich mithilfe seines Stockes hastig auf die Beine, um zu dem Jungen zu gelangen. Auch wenn Emil keine Anstalten machte, sich zur Wehr zu setzen, packte der Ältere ihn mit einem Ruck am Nacken und zog ihn von dem Elfen weg. Die Eile, mit der er Emil schließlich davon zerrte, war zwar definitiv verdächtig, aber das nahm Ezarel nur am Rand wahr.
Alles um ihn herum drehte sich und sein Kopf dröhnte wie im Fieberwahn. So viel lag ihm auf der Zunge, doch das einzige, was seine Lippen verließ war ein grantiges Grummeln, während er sich gegen die Stirn hämmerte.
Hatte dieser Bengel ihn gerade wirklich gek....?
Schon im nächsten Moment spie Ezarel auf den Boden und rieb sich die Lippen, als würde der Kuss dort noch festhängen. Bei dem Gedanken an das, was gerade passiert war, schüttelte sich sein gesamter Körper heiß und kalt, und er sehnte sich für den Bruchteil einer Sekunde herbei, dass er das nur geträumt hatte - wobei sein Geist gar nicht fähig sein dürfte, so einen abartigen Albtraum herbei zu fantasieren. Moment…
Ungläubig sank Ezarel auf die Knie, als es ihm langsam dämmerte. Doch er war erst bereit, es auch zu glauben, als er die Hände tief im Schlamm vergraben hatte und der schleimig-kalte Dreck auf seiner Hand kitzelte. So fühlte sie sich also an: Freiheit.
Eine Welle an Glücks-Gefühlen strömte durch sein Blut und er fuhr sich mit den Händen über seinen Körper. Wie sehr hatte er ihn doch vermisst. Und es war alles noch da: Arme, Beine. Sogar sein langes Haar. Nicht nur seine Gedanken tanzten wild im Kreis.
Ehe Ezarel sich versah, kullerte er solange auf dem Boden umher bis ihn dicke Grasbüschel stoppten. Dabei saugte er die Umgebung mit all seinen Sinnen auf: Die frischen Farben, der saftige Geruch feuchter Pflanzen, die kühle Erde auf seiner Haut. Er fühlte sich einfach sauwohl.
Und mit einem Mal begriff Ezarel, was seine Familie an der Natur fand.
Sie war himmlisch. Köstlich. Pure Lebensenergie. Vielleicht nicht unbedingt das Todeskraut da am Stein, aber sonst. 
Auch wenn es an Ironie grenzte, dass er sich erst in einen Baum verwandeln musste, um zu seinen Wurzeln zu finden. Ihm war klar, dass das niemals jemand erfahren durfte, aber im Moment - nur für den Augenblick - gestatte er es sich die Natur zu genießen, die ihn umgab. Mit all ihren unperfekten, chaotischen und dreckigen Eigenheiten. Ihm war es egal, dass es nass war, dass seine Kleidung schmutzig wurde oder dass sein Haar Spliss bekam. Endlich war er aus diesem verkorksten Baum erlöst und dafür könnte er den Boden zu seinen Füßen küss…
Nein, nein, nein! Ezarel verdrängte die Erinnerung an diesen Knilch. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie und was der Junge da gemacht hat, aber davon wollte er sich nicht die Laune verderben lassen. Zumal er immer noch einen Auftrag zu erfüllen hatte.
Entschlossen sprang Ezarel auf und versuchte sich zu orientieren.
Das Lager der Garde befand sich im Wald, ein Stück nördlich von hier.
Zu Fuß benötigte er aber mindestens vier Tage, was machbar wäre, wenn ihm sein Magen nicht jetzt schon in den Kniekehlen hängen würde. Ezarel erinnerte sich jedoch an ein Dorf namens Balenvia, auf das er unweigerlich treffen musste, wenn er zunächst ostwärts lief. Dort wäre er nicht nur in der Lage Erkundungen einzuholen, sondern könnte sich auch stärken.
Und vor allem lief er da nicht Gefahr aus, irgendwelchen streunenden Hunden über den Weg zulaufen, die ihm das Gesicht abschlabberten.

Als Ezarel die Mauern von Balenvia vor sich aufragenden sah, die inzwischen sogar höher in den Himmel ragten als die umliegenden Bäume, beschlich ihn das Gefühl, dass sein letzter Besuch nicht Monate, sondern Jahrzehnte zurücklag. Noch während Ezarel über den winzigen Marktplatz lief, fielen ihm die subtilen Veränderungen auf, die Balenvia seit seinem letzten Besuch durchgemacht hatte. Anstelle von Blumen lagen Messer auf den Tischen des Gasthauses und statt Vorhängen hatten die Bewohner ihre Fenster mit Brettern vernagelt. Überhaupt waren kaum normale Arbeiter auf den Straßen unterwegs. Stattdessen war das Dorf übersät mit Ogern in Rüstung, die teilweise bis an die Zähne bewaffnet auf den Bänken der Taverne saßen und dem ganzen Dorf ein militärisches Flair verliehen. Vermutlich handelte es sich bei ihnen um Söldner aus dem Hochland, die die Dorfbewohner zum Schutz gegen die Bestie engagiert hatten. An sich war es keine schlechte Idee, sich im Kampf gegen die Bestie zu rüsten, aber diese Krieger gehörten nicht der Garde von Eel an und das gab Ezarel zu denken. Die Dienste der Garden waren nämlich nicht teuer und sie waren keinen Tagesritt von hier stationiert. Die zusätzliche Versorgung war also minimal.
Warum bezahlte das Dorf dann den hohen Preis für Reise und Verpflegung dieser Söldner, wenn sie den gleichen Schutz, wenn nicht sogar besseren, direkt vor der Nase hatten?
War irgendetwas vorgefallen, was das Vertrauen in die Garde von Eel erschüttert hatte?
Ezarels Neugierde wuchs. Zum Glück erblickte er schon nach wenigen Metern einen Purreko an seinem Handelswagen, der gerade neue Ware auslud. Dieser war bestimmt erst kürzlich angereist und dürfte über die brauchbarsten Informationen und etwas zu essen verfügen.
Doch Ezarels Fuß verharrte mitten in der Luft, als er erkannte, was der Händler dort auf seiner Auslage neben Rationen, Plunder und Gefährten-Futter zu liegen hatte.
„Kommt nur und kauft die Blume, die eure Häuser vor den Flammen der Bestie schützt”, schnurrte der Purreko und wedelte die umstehenden Leute zu sich heran. „Viele gibt es nicht mehr!“
Mit dunkelbraunem Samt unterlegt loderten die Blüten der Asbest-Röschen hell auf und stießen goldenen Qualm in die Luft, der die umstehenden Leute sofort in seinen Bann zog.
Großartig, erkannte Ezarel mit einem tiefen Seufzer. Jetzt fand schon jedes wandelnde Wollknäuel diese Pflanze. Im Gegensatz zu ihm, der sogar sein einziges Exemplar in der Lichtung vergessen hatte. Ezarel schlug sich mit der flachen Hand ins Gesicht und verfiel dann in ein so wahnsinniges Lachen, das die umstehenden Dörfler etwas Abstand von ihm hielten. So viel Zeit hatte Ezarel investiert und nun stand er mit nichts da.
Und mit diesem Nichts wagte er es nicht Miiko unter die Augen zu treten.
Frustriert massierte er sich die Schläfen und lief nachdenklich auf und ab.
Es musste irgendeinen Ausweg aus der Lage geben. Entweder ließ er sich eine gute Ausrede einfallen oder er kam doch noch an ein Asbest-Röschen. Allerdings hatten sich findige Händler die Exemplare in der Nähe sicher längst unter den Nagel gerissen.
Konnte er dem Purreko vielleicht welche abkaufen?
Allein die Frage versetzte ihm als Botanik-Experte einen Stich, doch von seinem Stolz mal abgesehen; er konnte es sich nicht leisten. Der Preis, den der Purreko da verlangte war reiner Wucher. Für so viel Maana kann der mich kaufen!
Ezarel war kurz davor, den Händler zum Kiampu zu machen, als ihm jemand stürmisch in die Seite lief. Den Zusammenstoß fing Ezarel zwar trotz Überraschung mühelos ab - vor allem, da die Person weder sonderlich groß noch sonderlich schwer war - allerdings war Ezarels Pensum an Berührungstoleranz für die nächsten Jahre so weit erschöpft, dass er die Person ziemlich schroff von sich wegstieß.
„Sag mal, bist du blind?”, fragte er und hielt den wandelnden Umhang an der Schulter gepackt, bevor dieser zu Boden segelte und noch mehr Aufsehen erregte.
Zögerlich hob die Gestalt den Kopf und blinzelte mit einer Mischung aus Panik und Verwunderung zu ihm hoch. Ezarel lag noch mehr auf der Zunge, als er die Gestalt, die fast gänzlich unter dem viel zu langen Umhang verschwand, so von oben bis unten musterte. Doch als ihre Augen sich trafen, entwich ihm die Farbe aus den Wangen. Es war nur für den Bruchteil einer Sekunde, dass er das Gesicht und die kurzen braunen Haare unter den Lagen an dunklem Stoff zu sehen bekam, doch der Anblick verschlug ihm abermals die Sprache. Die Person nickte etwas unbeholfen, zog die Kapuze dann tiefer ins Gesicht und eilte die Straße weiter als würde ein Wort der Entschuldigung zu viel Zeit kosten.

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#36 Am 15.12.2021 um 18.20 Uhr

Shadowgarde
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>> Chapter 3: Ezarel
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Part VI: Zum Schrei(e)n



Ezarels Blick blieb an der Hauswand haften wie Honig an den Fingern. Dort zwischen den Mauern, bevor der Weg in eine kleine Gasse abbog, war der Junge mit dem flatternden Umhang vor wenigen Minuten verschwunden.
Noch immer war dem Elfen nicht ganz klar, was oder wen er gerade gesehen hatte, doch kaum dass ihn eine leise Ahnung beschlich, wurde sein Mund ganz trocken und seine Lippen überzog ein frostiges Brennen.
Schnell schüttelte Ezarel die Erinnerung an den Kuss im Wald ab.
Es spielte keine Rolle, ob es sich bei dieser ominösen Gestalt um diesen Emil handelte oder die Ähnlichkeit purer Zufall war. Nicht davon hatte etwas mit seinem Auftrag zu tun, noch war die Angelegenheit wichtig genug, als dass er seine wertvolle Zeit damit verschwenden durfte. Andere Dinge hatten im Moment deutlich höhere Priorität.
Wie zum Beispiel die Beschaffung dieser gott-verdammten Asbest-Rose.
Ezarel kramte in sämtlichen seiner Taschen, aber es befand sich absolut nichts von ausreichendem Wert unter seinen Sachen, sodass er es gegen ein Asbest-Röschen des Purrekos eintauschen konnte. Beinahe fiel ihm eine Phiole aus dem Gürtel, aber zum Glück war er noch nicht ganz so alt wie er sich gerade fühlte, und fing das Ding aus der Luft, ehe es zu Bruch ging.
Dabei blieb sein Blick an einem Zettel auf dem Boden hängen. Das Gesicht auf dem Plakat war schon mehrfach zertreten worden, aber Ezarel erkannte es genau. Es war eines der Fahndungsplakate, die die Mitglieder der Schattengarde im Wald verteilt hatten:
Ein Bild von diesem Emil.
Und irgendwie schien es ihn zu verhöhnen.
Ezarels erster Impuls war das Stück Papier in der Luft zu zerfetzen, doch dann hielt er inne und sah auf die Zahl, die unter dem Bild stand.
Es war der Preis, der auf Emils Kopf ausgesetzt war.
Ein süffisantes Grinsen schlich sich auf seinen Mund, während die Idee in seinem Kopf Gestalt annahm.
Ich bin einfach ein Genie. Mit dieser Erkenntnis drehte er sich wieder zu der Gasse, in die der Junge verschwunden war.
Wenn dieser Emil tatsächlich so hoch bepreist wurde, brauchte er ihm nur zu folgen und zu einem Gardisten oder Söldner zu locken. An diesen konnte er ihn zu einem Teil des Kopfgeldes verhökern und mit dem Erlös die Asbest-Röschen des Purrekos kaufen.
Es war der schnellste Weg, um an Maana zu kommen. Außerdem half er Nevra dabei, den Jungen wieder einzufangen.
Gut, im Endeffekt zahlte Nevra drauf, da er das Kopfgeld des Jungen auszahlte, aber das war nun wirklich nicht Ezarels Problem.
So konnte die Garde von Eel wenigstens ihren Nutzen aus der Sache ziehen.
Zunächst einmal musste er den Jungen allerdings finden und irgendwie überlisten.

Ezarel war zwar kein Gardist der Schattengarde, aber er wusste, wie man eine Person verfolgte. In diesem Fall kam ihm allerdings nicht nur sein umfangreiches Talent zugute, sondern auch die Tatsache, dass dieser Emil von seiner Umwelt so gut wie nichts mitzukriegen schien. Völlig in seinen Gedanken völlig versunken, stolperte er durch die Gasse; blickte sich nicht einmal um, als Ezarel versehentlich gegen ein Fass stieß.
Gut, vielleicht war Ezarel in dem Punkt manchmal auch nicht viel aufmerksamer.
Doch als der flatternde Umhang schließlich durch einen großen Torbogen verschwand, wuchs Ezarels Verwunderung. Vor ihm lagen hohe Säulen, ein geschwungenes Dach und ein schmaler Rauchschwaden, der aus der Mitte emporstieg.
Was wollte der Knilch denn in einem Tempelschrein?
Moment, seit wann war hier überhaupt ein Tempel?
Ezarel zuckte mit den Achseln. Das Gebäude schien jedenfalls nur einen Eingang zu haben, somit saß der Junge so gut wie in der Falle saß.
Sein Ziel war so nah.
Doch noch während Ezarel sich dem Bogen immer weiter näherte, spürte er eine seltsame Macht. Es waren Stimmen in seinem Kopf, die ihn davor warnte auch nur einen Schritt näher auf den Torbogen zuzugehen. Natürlich sah es Ezarel nicht ein, so kurz vor seinem Ziel aufzugeben und kämpfte sich Zentimeter für Zentimeter vorwärts, obwohl die Stimmen in seinem Ohr zu schreien und zu kreischen begannen. Es wurde schlimmer, je weiter er sich näherte.
„Du kommst da nicht rein!”
Ezarel verstand erst, dass diese Stimme nicht nur in ihm spukte, als ihn jemand am Ärmel zurückhielt. Er versuchte sich loszureißen, aber ihm wurde so schwindelig, dass er ein paar Schritte zurücktaumelte. Was war das nur?
Kaum hatte er seine Besinnung wieder, sah er den Torbogen so nah und doch so unerreichbar vor sich, dass ihm allein vom Anblick der Kopf dröhnte.
Er glaubte fest daran, er hätte es fast geschafft.
Mit einem finsteren Blick bedachte er die Frau, die ihn aufgehalten hatte.
Vertraut mütterlich lächelte sie ihm entgegen. Der Rest seines Ärgers blieb ihm im Hals stecken, als er Mercedes erkannte. Die Tante von Mery hatte sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert, obwohl ihre Stirn eine dicke Sorgenfalte zierte.
„Ach, Ez”, sie seufzte und kniff ihm in die Wange, wie sie es schon in seiner Kindheit getan hatte. „Du bist immer noch so ein ungehobelter Dickkopf. Isst du denn überhaupt genug? Du siehst so blass aus...”
Ezarel unterbrach sie mit einem Räuspern und stellte sich so aufrecht wie er es trotz Erschöpfung konnte. „Wir finden später Zeit zum Reden, Tantchen. Es sei denn, du kennst einen einfacheren Weg durch den Torbogen.”
Ohne auf eine Antwort zu warten, wendete er sich wieder der Aufgabe zu, in den Tempel zu gelangen.
Die Stimmen begannen erneut zu toben, wurden lauter und höher. Am Rande nahm er wahr, dass Mercedes etwas zu ihm sagte. Nur verstehen konnte er sie nicht mehr.
Zu sehr drangen die Stimmen in seinen Geist ein.
Nach einer gefühlten Ewigkeit war er kaum zehn Zentimeter vorwärts gekommen und stand schon kurz vorm Kollaps.
Er wusste, dass ihn dieses Mal jedoch nichts abhalten würde.
Nichts, …
außer Mercedes, die seufzend an ihm vorbei lief, gemütlich durch den Torbogen schlenderte und ihm dann einen teils mitleidigen, teils amüsierten Blick zuwarf.
„Was zum…?” Ezarel blieb stehen und hob eine Augenbraue. „Was ist der Trick? Wieso kommst du durch den Bogen und ich nicht?”
Anstelle einer Antwort zupfte Mercedes an den Spitzen ihres Kleides und strich sich eine Strähne ihres blond-grauen Haares hinter die Hörner. Dann nickte sie zu der Hauswand, wo gerade ein paar Mädchen in langen Gewändern Feuerholz herbeitrugen.
Ezarel sah sich das Gebäude vor seiner Nase genau an. Es war definitiv ein Tempel.
Von außen gab es keine Ornamente, die einem speziellen Gott zugeordnet werden konnten, deswegen bezweifelte Ezarel, dass sein mangelnder Glaube der Grund für die Eintrittsverweigerung sei.
Je länger er die bunten Säulen und die Frauen betrachtete, desto klarer wurde ihm jedoch, dass dieser Ort sowieso recht seltsam war. Frauen, Feuer, Säulen...
„Das ist ein Vesta-Tempel”, erkannte er schließlich. „Ein Tempel nur für Frauen.”
Mercedes nickte. „Er wurde zum Schutz vor der Bestie erbaut. Frauen aus allen Dörfern finden darin Zuflucht. Junge Mädchen mit hellen Haaren ganz besonders.”
Ezarel seufzte. Das hieß dann wohl, dass der Torbogen nur Frauen passieren ließ.
Was für ein Ärger… Allerdings…
Ezarels Augen schmälerten sich schlagartig.
Wie kam dieser Knilch dann da rein?
Ohne Zweifel musste Ezarel einen recht besorgniserregenden Anblick geliefert haben, denn Mercedes brachte ihn trotz mildem Protest zum Gasthaus auf dem Marktplatz.
Scheinbar schien sie hier zu arbeiten, denn kaum hatte er sich auf eine der langen Bänke gesetzt, kam sie mit einem Glas warmer elfischer Trauben-Milch wieder, das sie zusammen mit einem Teller Honigkeksen vor Ezarel auf den Tisch stellte.
Der Duft erinnerte Ezarel sehr an die Zeit, als Mercedes noch im Hauptquartiert in der Kantine gearbeitet hatte und er nach zahlreichen, fehlgeschlagen Trankmischungen zu ihr in die Küche geschlichen kam.
Für ihn hatte sie immer ein paar aufmunternde Worte, aber vor allem ein paar Kekse parat.
Auch wenn Ezarel es sich nie eingestehen würde: Nach allem, was passiert war, tat es gut, sich wieder wie ein kleiner Jung-Elf zu fühlen, dessen Sorgen sich wie Kekse in warmer Trauben-Milch auflösten.
Mercedes brauchte nicht einmal fragen. Sie setzte sich nur zu ihm an den Tisch und hob eine Augenbraue. Das reichte schon, und er erzählte ihr die ganze Geschichte.
Von seiner Suche nach den Röschen, dem Fluch der Dryade, von Valkyon, von Nevras Plakaten. Nur die Sache mit dem Kuss ließ er aus.
Das wollte bei bestem Willen nicht über seine Lippen.
Danach bestellte er einen kleinen Grog, kippte ihn zu der warmen Milch und trank diese in einem Zug runter.
„Ich habe Valkyon gesehen”, sagte Mercedes schließlich und ihre Augen wurde ganz glasig. „Als die Besti…. als es mein Mädchen holte. Valkyon war da; er versuchte sie zu retten, was ihm leider nicht gelang. Dennoch… Ich sah, wie er das Ding am Fuß verletzt hat. Das hat vor ihm noch keiner geschafft, Ez. Ich glaube, um Valkyon brauchst du dir keine Sorgen machen. Er ist ein starker und mutiger Krieger.”
... aber leider auch ein mitfühlender Narr, ergänzte Ezarel in Gedanken und bestellte noch einen Grog mit Milch.
Der Kellner warf ihm einen misstrauischen Blick zu, aber da Mercedes unumwunden Ezarels Hand hielt, verschwand er ohne weitere Fragen in der Küche.
„Was geht hier eigentlich in der Stadt vor?”, fragte Ezarel, dem das Mienenspiel nicht entgangen war und zog seine Hand von Mercedes zurück.
„Du bist immer noch so zurückhaltend”, sagte sie lachend, wurde dann schlagartig ernst und beugte sich zu ihm vor. „Ez, du musst aufpassen, dass die Leute dich nicht erkennen. Du weißt doch, als Mitglied der Garden von Eel bist du hier nicht gern gesehen.”
Sein verwirrter Gesichtsausdruck erinnerte sie jedoch an die Baum-Verwandlung. „Offenkundig hast du das nicht mitbekommen, aber das soll dir Miiko besser selbst erklären. Im Augenblick verstehe ich ihre Politik nicht. Keiner tut das. Sie rekrutiert irgendwelche Leute und nur Hades weiß, ob die Bestie selbst unter ihnen ist. Da wir sie auch nie zu Gesicht kriegen und sie uns die Lage nicht erklärt, haben wir kein Vertrauen mehr in ihre Garde. Um das mal nett zu formulieren. Einige Purrekos fahren hohe Gewinne mit dem Verkauf von seltenen Feuerröschen ein, mit dem wir die Söldner aus dem Hochland zu bezahlen können. Das gibt uns fürs erste etwas Sicherheit.”
Irgendwelche Erbsenhirne mit Waffen stehen nun also für die neue Sicherheit? Ezarel schüttelte den Gedanken ab. Das ist wirklich ein ganzer neuer Tiefpunkt für die Garde von Eel. Doch es erklärte den teuren Handel mit den Asbest-Röschen.
„Am besten, du kehrst schnell wieder zurück”, sagte Mercedes und schob Ezarels Maana zurück, das er ihr als Bezahlung für Speis und Trank geben wollte. „Rücke Miikos Kopf wieder zurecht, bevor das noch böse endet.”
Ezarel grinste etwas abfällig. „Eher gefriert die Hölle, als dass Miiko Ratschläge von mir anhört, solange ich meinen Auftrag nicht abgeschlossen habe… Apropos… Hast du zufällig 10.000 Maana, damit ich ein Asbest-Röschen kaufen kann?”
Sie blinzelte erschrocken.
Das hatte Ezarel auch nicht geglaubt. „Dann muss ich diesen Knilch finden. Allein schon, weil ich unbedingt wissen will, wie er durch den Torbogen laufen konnte.”
Mercedes sah ihn eindringlich an. „Meinst du nicht, dass die Antwort auf diese Frage ziemlich auf der Hand liegt?”
Ezarel wog den Kopf, bis ihn die Erkenntnis traf, sich seine Augen weiteten und er aufsprang. „Eigentlich kommt nur eine Erklärung in Frage. Dass ich darauf nicht gleichgekommen bin: Er hat einen Trank genutzt, um sein Geschlecht zu verschleiern. Aber wenn dieser Amateur das kann, dann ich ebenfalls.”
Mercedes biss sich auf die Lippen, schluckte dann die Worte herunter, die ihr auf der Zunge lagen und seufzte in ihre Tasse. „Manche ignorieren gern das Offensichtliche.”

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#37 Am 19.12.2021 um 20.34 Uhr

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Nachrichten: 42

>> Chapter 3: Ezarel
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Part VII: Alchemie für Anfänger



Zwei Dinge benötigte ein Alchemist für das Brauen von Tränken.
Zuallererst eine Küche. Wie sich herausstellte, bedurfte es nur ein wenig von Mercedes Überredungskunst und Ezarels eindringlichem Grinsen und der Wirt überließ ihnen den hinteren Raum seiner Gaststätte.
Bei der Inspektion seiner provisorischen Arbeitsumgebung musste Ezarel allerdings schwer schlucken. Die Arbeitsbank war morsch, die Luft rußig und die Kessel rostig... zumindest hoffte Ezarel, dass das Rote da Rost war. Genau sehen konnte er das bei dem spärlichen Licht, das durch die halb vernagelten Fenster fiel, nämlich nicht.
Alles in allem war der staubige Verschlag nicht gerade das Gelbe vom O'oluray, aber immerhin verfügte er über eine eigene Feuerstelle.
Und für so einen simplen Trank sollte das allemal ausreichen.
Trotzdem wollte Ezarel nicht mehr Zeit als nötig in diesem Chaos verbringen und beauftragte daher Mercedes ihm die zweite Sache zu beschaffen, die er für die Zubereitung des Trankes benötigte: Die Zutaten.
Glücklicherweise kannte er die Händler-Preise in- und auswendig, sodass er wusste, was ihn der Spaß kostete. Dass er dafür sein letztes Erspartes aufwenden musste, schmerzte ihn etwas. Dennoch wollte er nicht warten, bis Emil den Tempel wieder verließ.
Während Ezarel nun in reger Sehnsucht nach seinem alchemistischen Reich im Hauptquartier schwelgte, gurgelte sanft der Kessel über der kleinen Flamme. Normalerweise war dem Elfen seine Arbeit heilig, aber das Geräusch war so beruhigend und Ezarel so erschöpft, dass er erst merkte, dass er fast eingeschlafen war, als ihn Mercedes Klopfen hochschrecken ließ. „Hast du alles bekommen?“
„Das war eine lange Liste“, erwiderte Mercedes und kam stöhnend zu ihm heran geschlurft.
Ezarel wusste nicht, was lauter knackste: Der Tresen, als Mercedes einen großen Beutel darauf stellte oder ihr Rücken, als sie diesen nach der Last durchdrückte.
Im Herzen war Mercedes zwar immer noch ein junges Mädchen, aber ihr Körper war im Laufe der Zeit deutlich gealtert. Ezarel hatte ihr vielleicht etwas viel zugemutet.
Dann bemerkte er allerdings, dass der Beutel nicht ohne Grund so schwer war.
„Hast du etwa Steine gekauft?“, fragte Ezarel und stöberte durch die Sachen. Aus irgendeinem Grund war alles in dunklen Glasbehältern verstaut.
„Die Purrekos gehen aus Angst auf die Bestie zu treffen nicht oft nach draußen“, erklärte Mercedes. „Daher sammeln sie die Materialien und konservieren sie dann in Dosen.“
Es war eine Technik, die Ezarel selbst oft anwandte, aber ihm war frische Ware lieber. Da sah man die Qualität. Außerdem war das Konservieren aufwendig und schlug sich sicher im Preis nieder. „Hat das Maana denn gereicht?“
Mercedes fuhr sich verlegen durchs Haar. „Alle Zutaten waren 50% teurer, als du vermerkt hattest. Ich habe ihn eisern runterhandeln müssen. Am Ende war er ziemlich sauer, aber von so einem Halsabschneider lass ich mich nicht anfauchen.“
Ein neckisches Kichern verließ ihre Kehle, was Ezarel ein ehrliches Lachen entlockte. Man sah es der Frau wirklich nicht an, aber sie wusste, was sie wollte… und wie sie es bekam.
„Kann ich dir dabei helfen?“, fragte Mercedes und wippte auf und ab. „Ich wollte schon immer mal außerhalb meiner kulinarischen Kreationen kochen.“
Ezarel krauste die Lippen. „Zusammenarbeit ist definitiv nicht so meine Stärke.“
Er wollte sich gerade dem Mörsern einiger Wurzeln widmen, als ihm Mercedes große, enttäuschte Augen entgegenblickten.
„Na gut“, willigte er ein. Immerhin schuldete er ihr etwas. „Schütte einen Löffel von dem geriebenen, sauren Gras in den Kessel, aber sei vorsichtig. Es ist die teuerste Zutat.“
Mercedes Augen flackerten unter den Falten hell auf und sie folgte der Aufforderung wie ein kleines Kind, dem man neue Malfarbe geschenkt hatte.
„Das pufft jedes Mal so schön bunt, wenn man neue Zutaten hinzugibt“, gluckste sie, nachdem sie den Löffel in den Kessel gekippt hatte.
Ezarel sah nicht viel bei den Lichtverhältnissen, aber bunt dürfte der Qualm eigentlich nicht werden. Ein Trank wie dieser, der das Geschlecht verschleiert, war in seiner Zubereitung so unscheinbar wie in seiner Wirkung.
Gut, vielleicht waren Mercedes Augen auch nicht mehr die besten.
„So, abschließend noch eine Quintessenz des giftigen Efeus und…“ Es puffte wieder, aber inzwischen war es in dem kleinen Raum so nebelig, dass Ezarel gar nichts mehr sehen konnte.
Aus Ermangelung irgendwelcher Phiolen verzichtete er darauf, den Trank erst umzufüllen und nahm sich eine Kelle, um direkt aus dem Kessel zu trinken.
Bislang hatte er die Mixtur erst zwei Mal für Kunden zubereitet, aber irgendwie schmeckte das Resultat deutlich blumiger als erwartet.
„Und jetzt?“, fragte Mercedes. Sie schien beinahe enttäuscht, weil der erwartete Engelchor, gleißendes Licht oder sonst irgendein glorreiches Zeichen, das der Trank wirkte, ausblieb.
„Testen“, erklärte Ezarel und packte alle Sachen zusammen. „Magie ist manchmal eher wie Wissenschaft und weniger wie ein Wunder.“
Ein letztes Mal begutachtete Mercedes die Materialien. „Es ist wie ein Gericht, bei dem alle Zutaten zusammen genommen die Geschmacksknospen explodieren lassen. Ich finde es so faszinierend, wie so unscheinbare Dinge in Kombination so spektakulär sein können. Zum Beispiel hätte ich nie gedacht, dass man das Gras vor meiner Haustür für so einen Trunk verwenden kann.“
„Ezarel lachte etwas ungläubig. „Du hast saures Gras vor der Tür? Du solltest das an die Händler verkaufen. Und wenn du mir für den Tipp danken willst; ich brauche immer noch 10.000 Maana.“
„Ich haue das immer in den Kompost, weil mich das Pfeifen so stört“, gestand Mercedes.
Ezarels Augenbrauen zogen sich zusammen. „Pfeifen? Du meinst pfeifendes Gras. Das gibt es wie Sand am Meer. Das ist beides nicht dasselbe.“
„Pfeifen denn beide Gräser?“ Mercedes tippte auf die Dose mit dem vermeintlichen sauren Gras.
Die Farbe wich aus Ezarels Gesicht und er stürmte auf den Behälter zu. Da das Gras getrocknet und gerieben war, war das Geräusch nur ganz schwach. Doch es bestand nicht der geringste Zweifel.
Das war kein saures Gras, das Mercedes in den Trank geschüttet hatte.
Ezarel wollte sofort raus aus der Küche. Er brauchte dringend frische Luft.
Doch kaum hatte er die Schwelle erreicht, wurde ihm schwindelig.
„Was ist passiert?“, Mercedes stützte ihn ab und schob ihn einen Stuhl unter den Hintern, bevor er auf den staubigen Boden fiel. „Ist das lebensgefährlich? Kannst du davon sterben?
Ezarel sah panisch zu ihr auf. „Schlimmer!“

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#38 Am 23.12.2021 um 13.01 Uhr

Shadowgarde
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Part VIII: Das Desaster trägt Tüll



„Mach auf, Ez. Bitte. Ich will dir doch nur helfen.“
Auch wenn Mercedes nicht lockerließ, presste Ezarel sich so fest an die Tür wie er konnte, um sie am Eintreten zu hindern. Das war gar nicht so leicht, denn sie hatte ziemlich Kraft in ihren müden Knochen und ihm schwirrte gewaltig der Schädel.
Trotzdem war ihm nicht ganz klar, wie er in diese Lage gekommen war. An die letzten Minuten vermochte er sich nicht mehr zu erinnern, aber er spürte noch immer das Brennen, das sich über seinen Körper ausgebreitet hatte. Ein Schmerz, der ihm schier den Verstand geraubt hatte. Und das war noch nicht einmal das schlimmste.
Nein, das schlimmste war, dass er ahnte, was mit ihm passiert war. Er war scharfsinnig genug, um die Wirkweise der veränderten Zutat vorauszusehen.
Doch je weiter er wieder zur Besinnung kam, desto stärker wurde sein Entschluss, Mercedes und mit ihr die ganze Welt auszusperren.
Denn vielleicht irrte er sich auch.
Das kam zwar nicht häufig vor, aber alles besser, als wenn er sich nicht irrte.
Ja, genau. Vielleicht war ihm einfach nur schlecht geworden und jetzt warf er ein paar Fakten durcheinander. Was hatte er also so eine Angst?
Seine Befürchtung ließ sich doch ganz schnell überprüfen.
Zögernd öffnete er die Lider, aber inzwischen stand die Sonne so tief am Himmel, dass er kaum die Hand vor Augen sah. Das wäre so schön einfach gewesen.
Aber er wusste, es gab noch eine andere Möglichkeit, die Sache zu überprüfen
Das forderte nur deutlich mehr Mut.
Und seine Hand.
Eine konnte er von der Tür nehmen, aber dafür musste er sich mit dem ganzen Körper gegen das Holz stemmen. Als er endlich eine Position gefunden hatte, starrte er zunächst etwas überfordert ins Nichts, bis ihn das Rütteln daran erinnerte, dass er nicht ewig Zeit hatte.
Um sich besser zu konzentrieren, schloss er die Augen wieder und drückte dann mit einem Ruck seine Hand auf sein Gesicht.
Dann konzentrierte er sich auf das, was seine Finger dort ertasten konnten.
Abgesehen von all dem Schweiß und Dreck fühlte es sich kaum anders an.
War sein Kinn schon immer so weich?
Eigentlich schon. Er hatte wohl einfach geschmeidige Haut.
Okay. Soweit so gut.
Vorsichtig glitten seine Finger ein Stück tiefer.
Hals, Schlüsselbeine… Dann wurde es ernst.
„Ezarel Nimeth Galidor!“ Mercedes Stimme fuhr schrill dazwischen. „Komm sofort da raus!“
Benannter Elf rutschte ein Stück in sich zusammen und nahm dann wieder beide Hände an die Tür. Er war nicht bereit irgendjemand hereinzulassen. Nicht so lange, wie er die Sache nicht geklärt hatte.
Vielleicht sollte er sie bitten, ihm noch ein Glas Wasser zu bringen. Damit hatte er sie das erste Mal schon aus dem Zimmer gelockt. Und inzwischen hatte er wirklich starken Durst. Aber er bezweifelte, dass Mercedes sich noch einmal wegschicken ließ.
„Ich werde nicht aufmachen!”, rief er zurück. Stockte. Die Worte hallten wie ein Echo.
Erst in der Luft und dann in einer Endlosschleife in seinem Kopf.
Er wollte sie einfangen und ebenfalls verstecken, aber Mercedes hatte ihn wohl genau gehört, denn plötzlich ließ sie den Griff der Tür los.
„Ez, sag mal... Ist da noch wer mit dir im Raum? Oder... ist etwas mit deiner Stimme passiert?”
Stille. Dann sackte er zu Boden.
Eigentlich wollte er nichts mehr sagen. So sehr gruselte ihn der sanft-melodische Klang, in den seine Stimme da mutiert war. Doch schließlich siegte seine Wut.
„Verdammter Mist!”, fluchte er. „Das ist die Schuld dieses verdammten Raffzahns von Purreko. Der hatte dir sicher absichtlich das billige Gras untergejubelt, um den gedrückten Preis verschmerzen zu können.”
Ezarel biss sich auf die Lippe. Vielleicht war es aber auch seine eigene Schuld. Schließlich hätte er sich selbst um den Trank kümmern müssen. Stattdessen hatte er einem Laien so eine wichtige Aufgabe übertragen.
„Von was für einer Schuld redest du da überhaupt, Ez?” Ihr Klopfen wurde stärker. „Ich will jetzt augenblicklich wissen, was mit dir los ist.”
„Ich bin ein Desaster”, murrte er und stieß mit genervter Gleichgültigkeit die Tür auf.
Noch immer auf dem Boden hockend sah er zu Mercedes auf.
Schock, Hohn, Spott, Schrecken, Missachtung… Er war auf jede Reaktion gefasst.
Glaubte er.
Doch der Ausdruck von Überraschung auf Mercedes Gesicht wich sofort einer gänzlich anderen Gefühlsregung.
„Bei den Sylphen… Wie niedlich!”, kreischte Mercedes auf und sank zu ihm auf den Boden, um ihn von allen Seiten zu betrachten. „Ez, du bist ja ein Mädchen!”
Ezarels rechte Augenbraue zuckte. „Mädchen, Monster… da fallen mir viele Worte für ein.”
„Und ich dachte schon, es wäre etwas schreckliches passiert”, trällerte Mercedes erleichtert. Dabei kniff sie ihm in die Wange. „Wie lange bleibt das so?”
Ehe er auf diese Frage antwortete, drückte er Mercedes Finger von seinem Körper weg bzw. dieser Hülle, in der er vorübergehend gefangen war.
Ja, das war definitiv vorübergehend.
Er würde nicht eher ruhen, ehe er das umgekehrt hatte. „Ich werde ein paar Sachen ausprobieren. Tantchen, ich brauche deine Hilfe. Leih mir etwas Maana und besorg mir noch ein paar Zutaten.”
Mercedes griff sich an die Brust, bis eine kleine, blaue Flamme aufzüngelte. „Schau. Mehr als 30 Einheiten Maana hab ich nicht mehr. Die Leute sind heutzutage echt knausrig mit Trinkgeld. Es tut mir leid, Ez. Selbst wenn ich wollte, ich könnte dir nicht helfen.”
„Ich bin geliefert”, fasste Ezarel seine Lage zusammen.
Er wusste, dass er im Augenblick einen ziemlich erbärmlichen Anblick bot.
Wo war die Dryade, wenn man sie brauchte?
Langsam schien ihm die Verwandlung in einen Baum wie eine Erlösung.
Mercedes dachte jedoch nicht daran, ihn in seinem selbst gewählten Elend schwelgen zu lassen und zog ihn am Kinn zu sich heran.
„Ich weiß gar nicht, was du eigentlich hast. Du wolltest doch in den Tempel. Ich glaube, in der Gestalt kommst du nicht nur ohne Probleme durch den Bogen, du fällst auch nicht auf, wenn du dich in der Anlage nach diesem Emil umsiehst.”
Ezarel sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren. „Du denkst doch nicht ernsthaft, dass ich so auf die Straße gehe?” Keine zehn Sabali würden ihn in dieser Aufmachung aus dem Verschlag hier kriegen.
„Natürlich nicht.” Mercedes schien zu überlegen und schnippte dann mit dem Finger. „Aber ich habe noch ein paar alte Kleider, die würden dir sicher stehen.”
„Das ist hier nicht das Prob…”, begann Ezarel zu protestieren, aber Mercedes war längst nicht mehr zu bremsen. In binnen von wenigen Minuten hatte sie ein ganzes Arsenal an Kleidung, Tüchern und Schmuck herangeschafft.
„Ist das da etwa Schminke?” Bevor Ezarel davon stürmen konnte, hielt Mercedes ihn am Kragen gepackt.
„Das ist alles nur für deine perfekte Tarnung”, sagte sie und begann ihm die Haare zu kämmen.
„Gib dir keine Mühe”, knurrte Ezarel. „Du kannst kaum verbergen, wie viel Spaß dir die Sache macht.”
Eigentlich wollte er sie von sich stoßen, aber als plötzlich etwas Warmes auf seine Schulter tropfte, konnte er sich nicht mehr bewegen.
Weinte sie etwa?
Ezarel schlug sich gedanklich ins Gesicht. Er hatte manchmal echt das Feingefühl eines Grookhans. Mercedes. Sie hatte ihrer Tochter bestimmt auch immer die Haare gekämmt.
Das heißt, bevor diese von der Bestie verschleppt wurde.
Grummelnd ließ er den Rest über sich ergehen.
Tatsächlich hatte Mercedes auch irgendwie Recht. Seine Tarnung war nun nahezu perfekt.
Er musste einfach das Beste aus der Situation machen. So wie immer.
Aus dem Fell des Purrekos konnte er sich im Nachhinein immer noch eine Stola basteln - oder einen Vorhang. Der würde sicher prima zu der Schrankwand passen, die er aus der Dryade basteln wollte.
„So, ich bin fertig”, erklärte Mercedes und riss ihn damit aus seinen Gedanken. „Kaum zu glauben, aber obwohl du so ein Gesicht ziehst, siehst du einfach hinreißend aus. Lächle doch mal.”




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#39 Am 26.12.2021 um 23.30 Uhr

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>> Chapter 3: Ezarel
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Part VIX: Im Tempel der Vesta




Ezarel fühlte sich auf dem Markt wie auf einem Präsentierteller. Nicht einmal in den Schatten der Häuser konnte er sich verstecken, da Mercedes sich bei ihm einhakte und ihn mit einer seltsamen Beschwingtheit durch die Stände manövrierte. Es schien, als würden sie wirklich nur einen gemütlichen Einkaufsbummel unternehmen. Nichts Sonderbares. Und doch hatte der Elf das Gefühl, dass ihn fast jeder beobachtete.
Auch Mercedes schienen die Blicke der Dorfbewohner nicht entgangen zu sein.
„Hab ich dir nicht gesagt, dass du hinreißend aussiehst“, flüsterte sie und knuffte ihm in die Seite. „Aber an deiner Authentizität musst du noch arbeiten. Streck die Brust raus.”
Ezarel verdrehte die Augen und konzentrierte sich dann auf die Klammerfallen, die sich um seine Beine geschlungen hatten. Tatsächlich raubte ihm die ungewohnte Kleidung seinen letzten Nerv.
Wie konnten Frauen nur in langen Kleidern laufen? Es war dem Elfen unbegreiflich.
Entweder wickelten sich die Stoff-Lagen um seine Beine, sodass er sich alle zehn Meter verhedderte oder aber der Wind blies so ungünstig durch die Gassen, dass sich der Rock wie ein Ballon spannte und ihn wie ein Segel nach vorn riss. Ezarel fluchte.
Zumindest erreichten sie mit dem Untergang der Sonne endlich das Tempel-Tor und den „Bogen der Tausend Schreie”, wie die Bewohner ihn getauft hatten. Allerdings entpuppte sich der Torbogen nur noch als stinknormaler Steinhaufen, denn obwohl Ezarel mehrmals über die Schwelle hin und hersprang, passierte nichts.
Reine Stille.
Er hatte es also wirklich geschafft.
Die Verwandlung in eine Frau konnte den Tor-Bogen-Zauber überlisten.
„Erinnere mich nach unserer kleinen Mission daran, dass ich den Ordensschwestern melde, dass unser System eine Lücke hat”, sagte Mercedes und führte ihn zum Eingang.
Ezarel war zu beschäftigt sich in seiner Herrlichkeit zu sonnen, um nachzufragen, was genau Mercedes eigentlich mit „unser” meinte.
„Um deinen Emil zu finden, gehen wir am besten zu Lavinia”, erklärte Mercedes. „Sie weiß über alle Neuankömmlinge Bescheid. Und da ich sie ohnehin jeden Tag aufsuche, wird uns keiner groß beachten.”
Ezarel wusste nicht, was Mercedes jeden Tag in diesen Tempel führte, aber zumindest bestand keine Gefahr, dass er sich in dem Labyrinth aus Säulen verlief, denn Mercedes schien sich hier bestens auszukennen.
„Du verbringst viel Zeit hier”, sprach Ezarel das Offensichtliche aus.
Mercedes nickte ein paar vorbeilaufenden Damen in langen, weißen Schleiern zu und bog dann in einen verspiegelten Saal ab.
„Ich denke, sobald meinem Mädchen die Flucht gelingt, würde sie zu diesem Ort hier kommen. Solange helfe ich anderen jungen Frauen, dass sie in diesem Tempel Zuflucht und Schutz finden, damit sich ihre Familien nicht sorgen müssen.”
Mercedes hatte den Kopf zwar zur Seite gedreht, aber Ezarel bemerkte in den Reflexionen der Spiegel, wie ihre müden Augen ganz glasig wurden.
Die Bestie hatte vermutlich Mercedes Dorf in Schutt und Asche gelegt. Weder sie noch ihre Tochter konnten dorthin zurückkehren. Es war sicher nicht leicht gewesen, einen Ort zu finden, an dem sie in Sicherheit leben und auf ihre Tochter warten konnte.
Falls diese überhaupt noch am Leben war.
Allerdings waren tröstende Worte nicht gerade Ezarels Spezialgebiet.
„Findest du, ich sehe in dem Kleid zu dick aus?“, fragte er und deutete auf die Stelle, wo sich sein sonst so schmaler Hintern unter dem Stoff wölbte.
Mercedes blinzelte verwirrt, bis ihr klar wurde, mit wem sie da redete und sie verzog gespielt beleidigt das Gesicht. „Machst du dich gerade über uns Frauen lustig, Ez?“
Beschuldigter Elf grinste breit und hob dann die Achseln. „Sowas sagen Frauen doch ständig. Meintest du nicht, ich solle an meiner Authentizität üben?“
Mercedes hob eine Augenbraue. „Du unterhältst dich wohl nicht so oft mit Frauen, was?”
„Wüsste nicht, was es da groß zu unterhalten gibt”, schnaubte Ezarel, der sich an die wenigen Gespräche mit Alajea zurückerinnerte. Entweder ging es um Klamotten, Jungs oder Gefährten. „Meiner Erfahrung nach ist das Interessengebiet von Frauen eher... beschränkt.”
Mercedes fiel in lautes Lachen, das die Wände fast zum Beben brachte. Dann beruhigte sie sich und flüsterte: „Das sagt ausgerechnet der Vollblut-Alchemist. Vielleicht solltest du langsam damit anfangen, über den Kessel-Rand hinauszusehen.”
Ezarel schmunzelte in sich hinein.
Fürs erste reichte ihm, Mercedes wieder lachen zu sehen.
Diese schien jedoch die Richtung seiner Gedanken an seinem Gesicht ablesen zu können und beugte sich neugierig zu ihm vor. „Hast du denn inzwischen deine Herzdame gefunden?”
Ezarel versuchte sich wegzudrehen, wusste aber nicht wohin, weil einfach überall Spiegel waren.
„... oder deinen Herzbuben?”, ergänzte Mercedes und sah dann amüsiert zu, wie Ezarel das Gesicht entglitt.
Auf diese Bemerkung hätte er deutlich lockerer reagiert, wenn ihm die Erinnerung an den Kuss im Wald nicht den Magen umdrehen würde.
„Lass uns jetzt nicht über Jungs tratschen”, witzelte er und war dann ganz froh, als Mercedes am Tempelfeuer von Lavinia in Empfang genommen wurde. Um unangenehmen Nachfragen zu entgehen, blieb Ezarel an einer Säule stehen, bis Mercedes zurückkam.
Die leuchtend grüne Flamme in der Mitte des Tempels war wohl der Grund, warum diese Hallen vor Feuerangriffen geschützt waren. Wenn es mehr Vestalinnen in Eel geben würde, dann könnte sich jedes Dorf mit so einer Tempelanlage rüsten. Leider waren die Vestalinnen selbst am Aussterben. Doch das war wohl ein Kapitel, das sich in einem anderen Buch nachschlagen ließ.
Noch während er überlegte, wie sich dieser Emil hier unauffällig bewegen konnte, stiefelte Mercedes mit langen Schritten auf ihn zu und zog den verwirrten Elfen hinter sich her.
„Was ist los?”, Ezarel konnte nicht leugnen, dass ihn das Tempo etwas beunruhigte.
„Sag, Ez”, forderte Mercedes stattdessen. „Was ist dieser Emil für eine Person?”
„Keine Ahnung”, gab Ezarel zu. „Ich weiß ja nicht einmal, warum er in diesen Tempel wollte. Konntest du etwas über ihn in Erfahrung bringen?“
Mercedes bog in einen Seitengang ab und lief einen schmalen, dunklen Korridor hinab, bis sie das Kellergewölbe erreichten. „Es gab tatsächlich einen Neuling heute und dieser hat nach Sukie gefragt.“
„Sukie?“, wiederholte Ezarel, in der Hoffnung, dass sie ihn über diesen Namen aufklärte.
„Das musst du unbedingt für dich behalten, Ez”, flüsterte Mercedes und drehte sich nach allen Seiten um, ehe sie eine kleine Geheimtür öffnete, die in einen noch tieferen Teil des Tempels führte. Und noch dunkler. Nicht einmal kleine Irrwichte gab es hier.
Mercedes nutzte einen Teil ihres Maanas, um eine Fackel mit kaltem Feuer zu erleuchten.
„Was ist so schlimm, dass ihr es hier unten versteckt?” Ezarel folgte ihr kopfschüttelnd.
„Wir gewähren jedem jungen Mädchen Unterschlupf, das an unsere Pforten klopft”, rechtfertigte sich Mercedes provisorisch. „Bei Sukie aber haben wir lange diskutiert, weil wir weder die Dorfbewohner noch die anderen Frauen im Tempel gegen uns aufbringen wollten.”
Ezarel ahnte, worauf das hinauslief. „Sukie gehört zu einer dunklen Spezies, nicht wahr?”
Mercedes nickte.
Die Einteilung in lichte und dunkle Wesen ist eigentlich komplett veraltet, doch einst wurden die Spezies der in Eldarya lebenden Bewohner je nach ihrer Gesinnung, Kultiviertheit und Macht in verschiedene Bedenklichkeitsstufen gruppiert. Spezies, die als besonders gefährlich galten, wurde dabei nach und nach der Eintritt in die Dörfer verweigert. Bei wenigen Arten haben sich bis heute gewisse Vorurteile gehalten, sodass sie ihre eigene Zivilisation in Höhlen und Wüsten gegründet haben.
„Sukie stammt aus dem Hochland. Sie war heimlich ein paar Söldnern gefolgt und traf auf die Bestie bei einem Angriff. Allerdings konnte sie fliehen. Von ihr wissen wir auch mit genauster Sicherheit, dass die Bestie männlich ist. Deswegen das Tor der Tausend Schreie, das nur Frauen in unsere Tempel-Anlage lässt.”
Ezarel hielt sie am Ärmel zurück. „Willst du damit etwa sagen, Sukie ist ein…”
„Sukkubus. Genau.“
„Da waren ihre Eltern mit der Namenswahl ja sehr kreativ.“
Mercedes überging die Bemerkung und drückte ihm stattdessen einen Krug Wasser in die Hand. „Du hast Glück, dass heute Waschtag ist. Unter normalen Umständen wäre es schwer sie zu besuchen.“
„Moment…”, Ezarel sah auf die Krüge, die da noch im Flur standen. „Wir baden jetzt wirklich einen Sukkubus? Schwimmen wir danach auch mit Verdheleonen oder legen uns in ein Spadelnest? Es macht zwar manchmal nicht den Eindruck, aber ich hänge an meinem Leben.” Er sackte ein Stück in sich zusammen, denn der Krug war schwerer als er aussah. Mercedes verzog keine Miene und nahm mit einem zweiten Krug Kurs auf die allerletzte Tür im Gang. „Wir brauchen einen Grund, wenn wir dort reinplatzen… und um diese Arbeit reißt sich niemand.”
Das überraschte Ezarel nicht im Geringsten. Je weniger Stoff ein Sukkubus trug, desto mehr Aphrodisiakum verströmte er über die Haut. Es war wie ein Lockmittel, ein Gift, um seine Opfer zu lähmen und gefügig zu machen. Kein Wesen ging da freiwillig… Moment. Ezarels Augenbrauen zogen sich zusammen. Was zum Hades wollte Emil überhaupt von der?


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#40 Am 29.12.2021 um 22.36 Uhr

Shadowgarde
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>> Chapter 3: Ezarel
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Part X: Die sagenumwobene Sukie




Ezarel fühlte sich alles andere als wohl bei dem Gedanken, einen Sukkubus zu baden.
Ein Teil von ihm redete sich sogar ein, dass es eine Frage von Anstand war. Ein anderer Teil erinnerte sich an all die Geschichten, die man sich so über die Sukkubus erzählte.
„Ich kann da sowieso nicht rein“, erklärte Ezarel und stellt den Krug ab. „Sobald Sukie mir in die Augen sieht, wird sie wissen, dass ich ein Mann bin. Der Zauber kann einen Sukkubus nicht täuschen.”
Mercedes grinste. Scheinbar hatte sie auch so etwas bedacht und holte einen Schleier hervor, den sie Ezarel in den Haaren vor der Stirn befestigte. Ein Gefühl, das ihn vage an das Plakat erinnerte, was ihm die Gardisten an den Stamm gezimmert hatten. Das Leben war einfach ein Teufelskreis. Aber eines musste er Mercedes lassen. Sie war unglaublich gut vorbereitet. Alles an ihr wirkte so luftig und emotional, aber eigentlich war sie in Gedanken immer schon zwei Schritte voraus.
„Wieso hast du damals das H.Q. verlassen?”, fragte Ezarel. „Ich kann mir schwer vorstellen, dass Miiko dich freiwillig gehen lassen konnte.“
„Konnte sie nicht”, seufzte Mercedes. „Das war ja das Problem…” Anstelle jedoch ihre kryptischen Worte zu erklären, hob Mercedes die Faust und klopfte an die Tür.
Bisher war Ezarel noch nie einem Sukkubus gegenübergestanden.
Er musste allerdings zugeben, dass dieses stämmige Mannsweib mit den Elch-Hörnern, das ihn da an der Tür mit einem Knurren begrüßte, nicht so ganz in sein Erwartungsbild passte.
Gut, in manchen Teilen dieser Welt galt das durchaus als attraktiv. Der Charme einer gut gebauten Frau wurde viel zu oft unterschätzt.
Allerdings war es weniger ihre körperliche Konstitution als ihre Gesamterscheinung. Die breiten Tränensäcke, die zusammengefallenen Schultern und der Alle-Welt-Hass, den sie aus jeder Pore zu schwitzen schien, weckten in Ezarel nicht gerade ein „Verführ mich”-Feeling.
„Das ist Sukies Wache, Brünild”, erklärte Mercedes und klappte ihm beiläufig den Mund zu. Dann wies sie ihrerseits auf Ezarel. „Und das ist Eza. Sie wird mir heute bei der Bade-Prozedur assistieren.”
Brünild schnaubte und drehte sich wortlos um, was wahrscheinlich bedeutete, dass sie eintreten konnten. Dabei schlurfte sie so seelenlos voran, als bewache sie hier unten einen Berg Leichen.
Mercedes hatte schon gemeint, dass einige dagegen gestimmt hatten, einen Sukkubus aufzunehmen, aber Brünild schien Sukie und ihren Wach-Job wirklich zu hassen.
Vielleicht, dachte sich Ezarel und blies den Schleier einen Stück von seinem Mund weg, hatte ihr Unmut aber auch mit dem stickigen Kellergewölbe zu tun.
Die Gedanken verstummten jedoch, als er eine Person im Umhang vor sich sah.
Auch wenn der Körper gänzlich unter dem Stoff verschwand, war Ezarel sich sicher, dass das die Person war, die ihn vorhin angerempelt hatte. Der Junge kniete auf dem Boden und hatte die Arme weit nach vorn ausgestreckt.
Eine demütigere Pose hatte Ezarel noch nie gesehen. Nicht einmal in der heiligen Moscheedrale von Yggdrasil.
Irgendwie erbärmlich, dachte er sich. Was auch immer den Jungen hierhergeführt hatte, seine Verzweiflung war so offensichtlich wie eine Peperoni scharf. Um ihn jedoch zu überführen, musste Ezarel vorsichtig sein. Im Augenblick war er wahrscheinlich zu schwach, um ihn zu überwältigen und Zeugen wollte er auch keine. Eine günstige Gelegenheit könnte er am besten abpassen, wenn der Junge den Ort wieder verließ – oder wenn er erfuhr, wohin der Junge wollte. Als der Elf mit dem Blick die Richtung von Emils Armen weiter verfolgte, erblickte er die Person, die jener um Hilfe anflehte; Die sagenumwobenene Sukie.
Und dass sie der Sukkubus war, daran bestand überhaupt kein Zweifel.
Violett-schimmerndes Haar quoll über dunkle, gedrehte Hörnern, die so spitz zuliefen wie ihre Ohren. Sie besaß ein nordisches Familien-Emblem auf ihrer Stirn und darunter leuchtend schimmernde Katzenaugen. Letztere hielt sie auf ein Weinglas gerichtet, deren funkelnde Tropfen sie sanft mit der Hand schwenkte. In dieses malerische Abbild stiefelte Mercedes unumwunden hinein, ignorierte sogar den Jungen auf dem Boden und baute sich dann vor Sukie auf.
„Hast du dich wieder an den Weinfässern bedient?”, tadelte Mercedes und stellte ihrer Empörung folgend den Krug ab. Erst jetzt schien Sukie sie zu bemerken und beugte sich mit unschuldig klimpernden Wimpern nach vorn. Auch sie trug eine lange Kutte, aber ihre Bewegungen waren so filigran, dass der Stoff über ihre Konturen glitt wie Wellen, die den Strand auf und ab trieben.
Als sie den Mund öffnete, um etwas zu erwidern, hätte es Ezarel nicht überrascht, käme ein Engelschor aus dem Hintergrund geschwebt, um ihre - mit Sicherheit - liebreizende Stimme zu untermalen:
„Jetz fang du net a noch an, Merci”, polterte Sukie los. „Ihr gönnt mi alle echt gar nix.”
Ezarel blinzelte überfordert.
Es war, als hätte jemand mit schwarzer Tinte über ein Ölgemälde gekrakelt.
Man, hatte die einen Dialekt.
Doch ehe er den Schock verarbeiten konnte, riss Mercedes ihr erbarmungslos das Glas aus der Hand. „Hier wird nicht gesoffen. Hast du mal auf die Uhr gesehen?“
Sukie fläzte sich nörgelnd auf dem Stuhl, den sie wie einen Thron in der Mitte des Raumes positioniert hatte. „I bin älter wie du, Merci. Da, wo i herkomm, zollt man Älteren Respekt.”
Trotz ihrer Ansage wirkte sie wie eine ziemlich verzogene Prinzessin, die mit genügend Theater doch noch ihren Willen durchzusetzen erhoffte. Allerdings war Mercedes trotz der Gefahr, in der sie sich ohne Zweifel befand, entschlossen genug, das Gör zu erziehen. „Und da, wo ich herkomme, verdient man sich Respekt.”
Sukie fletschte die Zähne, bis sie die Krüge entdeckte. Schlagartig änderte sich der Ausdruck auf ihrem Gesicht und sie sprang Mercedes um den Hals. „Endlich ‘n Bad! Darauf wart i schon ‘ne ganze Woche. Merci, jetz mag i di wieda.”
Mercedes versuchte relativ erfolgslos den jungen Sukkubus in ihrem Eifer, sich die Kleidung vom Leib zu reißen, zu bremsen. „Wir bereiten alles vor. Wie wäre es, wenn du dich indes um deinen Gast da kümmerst?” Dabei deutete sie auf Emil, der noch immer so regungslos auf dem Boden kniete, als sei er inzwischen mit diesem verwachsen.
Damit es nicht allzu sehr auffiel, dass Ezarel nur rumstand und lauschte, trug Mercedes ihm auf, ihr beim Befüllen der Wanne zur Hand zu gehen. Zwar musste sie zwei Mal „Eza” rufen, ehe er auf den neuen Namen reagierte, aber Sukie war schon längst mit den Gedanken bei dem wandelnden Umhang, um überhaupt auf Mercedes Hilfsdienerin zu achten.
Ezarel staunte nicht schlecht, denn der Sukkubus schien wirklich auf Mercedes hören.
Sie schürzte zwar etwas beleidigt die Lippen, tänzelte dann aber wie befohlen auf den Jungen zu und half ihm zunächst auf die Beine. „I werd mir deine Bitte durch den Kopf gehen lassen”, sagte sie und öffnete dann den Riemen ihrer Kutte, „aber erstmal nehm i mir ein Bad.”
Ihren Worten folgend, ließ sie den Umhang von sich gleiten wie ein Chestock seinen Kokon.
Darunter trug sie… nichts.
Der Schleier verbarg zum Glück nicht nur Ezarels Gesicht, sondern auch die detaillierte Darstellung der Personen vor seiner Nase. Um trotzdem nicht wie ein notgeiler Sack dazustehen, drehte er sich in mechanischen Bewegungen zu Mercedes. Diese war inzwischen mit ihrem Krug hinter einem Paravent verschwunden, der einen hinteren Teil des Raumes abtrennte und so die Illusion aufrechterhielt, dieses Verließ verfüge über ein eigenes Badezimmer oder so etwas wie Privatsphäre. Dennoch stand hinter der Abtrennung nicht mehr als ein Bottich für die Notdurft und ein Holzfass, das wohl als provisorische Wanne diente. Zwar konnte Ezarel nun ungeniert in Emils Richtung starren, aber da der Paravent auch ihm im Weg stand, sah er nicht viel mehr als Emils und Sukies Silhouetten im Fackellicht. Doch was er sah, verwunderte ihn sehr.
Emil hielt die nackte Sukie an der Schulter zurück, bevor diese in Richtung Bad laufen konnte. Die bloße Berührung hätte den Jungen eigentlich in einen Zustand zügelloser Willenlosigkeit transferieren müssen, aber seine Worte blieben klar und ernst.
„Ich will doch nur wissen, ob die Gerüchte über euch Sukkubus stimmen und ob du mir überhaupt helfen kannst”, sagte er und senkte den Kopf. „Wenn nicht, dann will ich deine Zeit nicht weiter verschwenden und gehe.”
Ezarel unterdrückte einen verächtlichen Laut, für den ihn Mercedes sofort einen rügenden Blick zuwarf. Aber bitte… Was trieb der Sukkubus hier unten schon so Großartiges, was seine Zeit so wertvoll machte?
Sukie schien etwas Ähnliches zu denken, denn obwohl sie sich unnahbar und desinteressiert gab, dehnte sie jeden Augenblick mit Emil in die Länge. „I glaub, dass i schon deine beste Chance bin, Em… I darf di doch au Em nennen, ne?”
„Woher...?”
„I hab Einblick in deine Seele, schon vergessen? Manchmal auch Einblicke in Erinnerungen, die sich fest an die Seele geknüpft haben.” Sukie lehnte sich zu Emil vor. „Aber keine Sorge. Des zwischen dem Vampir und dir bleibt unser kleines Geheimnis. Und was Merci betrifft; die is diskret. Was du in diesem Gewölbe erzählst, bleibt a in diesen Mauern.”
Ezarel versuchte sich mal glücklich zu schätzen, dass Sukie seine Existenz bisher geflissentlich ignoriert hat. Allerdings würde er alles gegen Emil verwenden, um ihn aus seiner Deckung zu locken und an einen Kopfgeldjäger zu verscherbeln. Daher tat Ezarel das, was er aus seiner Zeit als Baum gelernt hatte; er verhielt sich unauffällig und spitzte seine Ohren.
Da Mercedes jedoch mit den Vorbereitungen für das Bad fertig sein wollte, ehe der Sukkubus zum Plantschen herübergeschwebt kam, griff Ezarel zunächst nach der Seife. Es war magische Seife, die kaum, dass sie die Wasseroberfläche berührte zu schäumen und zu brodeln begann. Auch wenn Ezarel sich auf die Menge konzentrieren musste, sah er aus den Augenwinkeln, wie Emil an einer seiner Haarsträhnen fummelte und Sukies Schulter schließlich losließ. „Na gut. Dann werde ich warten, bis du dein Bad beendet hast. Aber danach müssen wir reden. Mir läuft langsam die Zeit davon.”
Sukie kicherte. „Na, wenn des so eilig hast… Komm doch mit rein.“


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#41 Am 02.01.2022 um 17.15 Uhr

Shadowgarde
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Part XI: Der Handel



Während Mercedes über die Wanne hechtete, um einen Teil der Seife einzufangen, die Ezarel ins Bad fallen gelassen hatte und drohte das komplette Zimmer im Schaum versenken, versuchte Ezarel aus dem Jungen schlau werden. Auch Mercedes sah erschrocken zu den beiden hinüber und schien alles andere als begeistert über Sukies leichtsinniges und kindisches Verhalten.
Ezarel hatte erwartet, dass Mercedes ein weiteres Machtwort sprach und Sukie dazu verdonnerte, gefälligst allein zu baden. Doch der besorgte Ausdruck auf Mercedes Gesicht veränderte sich zu einem wissenden Lächeln, während sie die Szenerie hinter dem Paravent verfolgte. Ezarel wollte ihrem Blick folgen, aber sie hielt kurzerhand sein Gesicht fest und richtete den Schleier neu. „Wir lassen die beiden baden”, sagte sie nur. „Ich erkläre es dir später.”
Ezarel sah sie fassungslos an, aber Mercedes zog ihn hinter der Wanne vor den Paravent, in dem Moment, wo Sukie mit Emil auf der anderen Seite hinter diesen trat.
Vielleicht war es der Schleier.
Vielleicht war es das Licht.
Vielleicht war es auch nur Ezarels grenzenlose Müdigkeit, aber in dem Bruchteil einer Sekunde, wo er Emil aus den Augenwinkeln hinter Sukie hertrotten sah… Der Moment, wo sie für kurze Zeit auf derselben Seite des Paravents standen und er eigentlich zu verwirrt sein müsste, um überhaupt noch irgendetwas von seiner Umwelt zu registrieren, sah er es.
Also alles! Ezarel schluckte.
Emil war ein Mädchen.
Gut, im Vergleich zu der kurvigen Sukkubus war Emil weniger Frau als ein gewisser Elf im Moment, aber es war eindeutig genug. Ezarel wandte schnell den Blick ab, ehe er Emils Gesicht sah und ihre Augen sich treffen konnten. Mercedes schürzte die Lippen und warf ihm dann ein „Wer hätte das gedacht”-Blick zu. Aber das allein konnte nicht der Grund sein, warum es in Ordnung war, Emil mit einem Sukkubus baden zu lassen. Verführung kennt schließlich keine Grenzen von Geschlecht.
Ja, es war wirklich absonderlich, dass dieser Junge… Mädchen… dass Emil so gar nicht auf die Berührungen und die körperliche Nähe des Sukkubus reagierte.
Mercedes hielt sich jedoch mit einer Erklärung bedeckt und begann die Kleidung am Boden aufzusammeln. Auch wenn Ezarel sich zur Putze degradiert fühlte, half er ihr widerwillig. Auf diese Weise hatten sie zumindest eine Rechtfertigung länger im Zimmer zu bleiben und dem Gespräch weiter lauschen zu können.
„Isses net schön, wieder man selbst zu sein?“ Sukie ließ sich langsam in die Wanne sinken. „Wirklich bemerkenswert, wie lange du diese Maskerade aufrechterhalten konntest. Also i hätt mi das net gewagt.“
„Ich hatte da ehrlich gesagt auch keine Wahl. Von daher würde ich dich bitten, darüber hinwegzusehen“, erwiderte Emil sofort und tapste vorsichtig hinterher. Bei der Kühle des Wassers zuckte sie zwar zusammen, ließ sich aber sonst nichts weiter anmerken. „Ich bin Emil, ein Junge aus Balenvia. Das ist alles, was die Leute über mich wissen und glauben sollen.“
„Geht klar. Meine Lippen sind versiegelt und i wär au bereit dir zu helfen, aber…“, Sukie fläzte sich an den Rand des Bottichs, „umsonst mach i nix.”
„Ich bezahle dich natürlich. Du bekommst das wertvollste, das ich besitze.”
„I will Maana”, korrigierte Sukie ihre Forderungen. „Ausreichend genug, damit i mir ‘ne kleine, abgelegene Hütte kaufen kann.”
„Wenn du das verkaufst, was ich dir gebe, wirst du dir drei Hütten leisten können.”
Sukie lachte etwas herablassend. „Des soll i dir glauben? I dachte, du kennst di in dieser Welt net so gut aus.”
„Ich habe es schätzen lassen”, erklärte Emil und verschränkte die Arme vor der Brust. „Informationen sind wichtig. Deshalb habe ich mich auch über dich informiert, Sukie. Ich dachte mir schon, dass du nicht ewig hier im Tempel bleiben willst. Ich habe sogar eine Hütte gefunden. Sie liegt im Wald neben einem dryadischen Dorf. Die Bewohner dort werden dich nicht stören. Sie haben oft Umgang mit dunklen Wesen.”
„Soso”, Sukie kam ein Stück zu ihr herangerutscht. „Du hast wirklich keine Mühen gescheut, mi zu finden und zu überzeugen, wie?”
„Wer hundertmal auf die Nase fällt, lernt, sich Kissen umzuschnallen”, stimmte Emil zu. „Heh, warte… Was machst du da?”
Ezarel traute seinen Augen kaum, aber der Sukkubus begann Emil den Rücken zu schrubben. Mercedes drehte indes sein Gesicht in ihre Richtung – scheinbar um eine Falte im Schleier zu korrigieren, doch die Bilder bekam der Elf so schnell nicht aus dem Kopf. Ein seltsames Gespann die beiden.
„Als Anzahlung genügt des in jedem Fall”, lenkte Sukie unumwunden ein, „wie schlimm is denn dein Freund vergiftet worden?”
Emil senkte schlagartig den Blick. „Es ist übel. Das Gift hat sich inzwischen bis zu seinem Herzen ausgebreitet. Die Ärztin wusste, dass das auch seine Seele verunreinigen würde. Sie konnte ihn zwar in eine Art Schwebe-Zustand versetzen, der seinen Körper in Starre hält und die Ausbreitung des Giftes verlangsamt, aber die Verunreinigung seiner Seele hält an. Das ist jetzt fast eine ganze Woche her. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ihm noch bleibt…” Am Ende brach ihre Stimme ganz ab.
„So ne Seele is sehr robust”, sagte Sukie mit sanfter Stimme und begann Emils Haare einzuseifen. „Aber wenn die Seele au von dem Gift befallen is, muss i se aus dem Körper saugen und durch reine Lebensessenz austauschen. Dafür brauch’ i Essenz. Viel Essenz.“
„Wie viel von meinen Lebensjahren muss ich dir geben?“, fragte Emil sofort. Scheinbar hatte sie sich umfassend über die Arbeit eines Sukkubus informiert und die Frage bereits erwartet.
Wohl aber die Antwort nicht, denn als der Sukkubus ihr die Höhe des Opfers nannte, hörte Ezarel, wie Emil zur Seite wegrutschte und ein Schwall Wasser über die Wanne schwappte.
„30 Jahre, mindestens… Sag, Em. Willst du mi immer noch ins Lager der Garde von Eel bringen, um deinen Freund zu retten?“ Sukie seufzte und begann dann zu flüstern. „Du kannst mir nix vormachen, Em. Ich weiß, dass du ein Mensch bist.“
Auch wenn sie es nur hauchte, war in dem Moment, wo sie es sagte Totenstille in dem Raum.
Ezarels Mundwinkel verzogen sich und nicht nur seine. Auch Brünhild blickte verächtlich nach hinten. Emil war nicht nur ein Mädchen, sondern auch ein Mensch?!
Kein Wunder, dass Ezarel dieses Gör so faul vorkam. Mit Menschen hatte man echt nichts als Ärger.
Welche Enthüllung kam als nächstes? Irgendwann fliegt der Mensch zum Mond?
Wie kam überhaupt ein Mensch hierher?
Damit jedoch nicht auffiel, dass er gelauscht hatte, räusperte sich Mercedes ungeduldig, damit Ezarel seine Arbeit fortsetzte.
In dem Moment, wo Sukie ihre Hand nach Emil ausstreckte, schluckte diese einen Schwall Tränen hinunter. Eine Reaktion, mit der Ezarel nun nicht gerechnet hatte.
Und er merkte erst, dass er wieder in deren Richtung gesehen hatte, als Emil mit der flachen Hand auf die Wasseroberfläche schlug. „Heißt das, du willst mir nicht helfen, weil ich ein Mensch bin? Der, den du retten sollst, ist kein Mensch. Er ist ein Fairy!“
Ihre Stimme zitterte vor Trauer und Zorn zugleich.
Der Sukkubus tätschelte Emils Arm und seufzte. „Das mein’ i do net. Frag mi mal, wie’s is, aufgrund seiner Spezies vorverurteilt zu werden. Aber Em, ein Menschenleben is anders als das eines Fairys. 30 Jahre sind für euch ein Drittel, vielleicht sogar ein halbes Leben. Willste des wirklich opfern?“
Emil schienen die Worte unerwartet neue Hoffnung zu schenken, denn sie fasste wieder entschlossen nach Sukies Schultern. „Wenn ich nichts mache, stirbt er. Für mich ist er aber ein Teil meiner Familie. Außerdem… bin ich schuld an seinem Zustand. Ich flehe dich daher an, Sukie. Komm mit mir ins Lager und befreie ihn von dem Seelengift. Dann bekommst du all die Lebensessenz, die du willst.“
Ezarel wog nachdenklich den Kopf. Wenn er es richtig verstanden hat, kam sie aus dem Lager der Garde von Eel.
War jemand vergiftet worden, den er kannte? – Nein, das konnte nicht sein.
Niemand aus dem Lager würde sich mit einem Menschen einlassen.
Sukies Brustkorb hob sich langsam, während sie die Sache abwog. „Als Bezahlung nehme i das Maana aus dem Verkauf deines Schatz-Dings-Da. Die Lebensessenz, die i von dir beziehe, verwende i ausschließlich für die Rettung. Kein Jahr mehr. I hab da Prinzipien.“
Emil fiel ihr um den Hals. „Ich danke dir, Sukie.“
Sukie lachte „Bist die erste Person, die einem Sukkubus vertraut“, dann wurde sie schlagartig ernst, „aber eines sollteste noch wissen; Bevor i dir Lebensessenz entziehen kann, musste deine Seele entsiegeln. Dann wirst dich in meiner Gegenwart vielleicht au ein bissl anders fühlen.“
Emil legte verwirrt den Kopf schief.
Und nicht nur Emil. Auch Ezarel sah fragend zu Mercedes, die jedoch nur wissend lächelte - wie so ein Elternteil, das gerade seine Kinder aufklärte, dass die Babys nicht vom Lapy gebracht werden.
„Komm schon, Schätzchen”, kicherte Sukie. „Darauf biste bei deinen Recherchen noch net gestoßen? Meine Kräfte – positiv wie negativ – wirken erst, wenn die Seele entsiegelt is. Was glaubste denn, warum du mir net mit Haut und Haaren verfallen bist, du ungeküsste Jungfer?”


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#42 Am 05.01.2022 um 20.00 Uhr

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Part XII: Auf die Reise, fertig, los




Während Ezarel mit stoisch verschränkten Armen in der Küche auf und ab geisterte, rührte Mercedes das Abendessen für den jungen Sukkubus in einer Schüssel zusammen. Bisher hatte sie kein Wort über die Unterhaltung zwischen Emil und Sukie verloren, aber das war auch gar nicht nötig, da Ezarel bereits mit seinen eigenen Gedanken völlig überfordert war.
Und die waren derweil in eine Richtung abgeschweift, dass Mercedes auch aus den wenigen Gedankenfetzen, die Ezarel vor sich hin grummelte, nicht schlauer wurde.
„Ungeküsste Jungfrau?!“ Dabei trat er gegen eine Kante der Küchentheke. „Dass ich nicht lache. Sind Sukies Kräfte hier unten schon am Schimmeln, oder was?“
Er stieß einen verächtlichen Laut aus und massierte sich die Schläfen. Wie konnte das überhaupt sein? Den Kuss im Wald hatte Ezarel sich wohl kaum eingebildet. Das hätte Sukie doch gesehen oder gespürt haben müssen. Stattdessen erklärte sie, Emil sei die Unschuld in Person. Und was sollte Emils peinlich berührte Reaktion überhaupt?
Hatte er die Sache im Wald auch schon wieder vergessen, oder was?
„Diese Heuchlerin“ führte der Elf seine Tirade fort. „Dabei ist der Kuss noch keine vierundzwanzig Stunden her und Emil tut so, als wäre nichts passiert!“
Kaum hatte er den letzten Satz in den Raum geworfen, sah ihn Mercedes an, als wäre gerade eine Bombe explodiert.
Ezarel verharrte mitten in der Bewegung und schlug sich gedanklich ins Gesicht.
Wie konnte er nur zulassen, dass ihn dieser Mensch jedes Mal so ausflippen ließ?
Nun, da es eh keinen Sinn mehr hatte, die Sache zu leugnen, seufzte Ezarel missmutig und setzte Mercedes ins Bild. „Ich bin Emil schon zuvor... begegnet. Dieser Rotzlöffel kam mir im Wald etwas zu Nahe, während ich noch wehrlos in einen Baum verwandelt war.“ Nur mit Mühe bezwang er die aufsteigende Übelkeit. Dass Emil nun doch kein Junge, sondern ein Mädchen war, machte die Sache für Ezarel tatsächlich nicht viel besser.
Vielleicht stellte er die Tatsachen deshalb in ein etwas anderes Licht, aber Mercedes verstand auch so die Zusammenhänge und sah ihn schließlich überrascht an. „Ems Kuss hat dich also aus dem Baum befreit.“
Ezarel stammelte etwas in seinen nicht existierenden Bart, schluckte und blickte dann beleidigt zu Boden. „… danach gefragt habe ich sicher nicht.“
„Dennoch ist das etwas Besonderes”, sagte Mercedes. „Ja, ich möchte fast behaupten, etwas Schicksalhaftes. Normalerweise ist die Quelle eines jeden Fluches ein Schwarm Karma-Geister. Man kann sie auf eine Person hetzen, sodass sie sich an ihre Seele heften und ihr Schicksal beeinflussen. Es ist bemerkenswert, dass ein Kuss sie vertrieben zu haben scheint. Normalerweise lassen sie nicht so schnell locker, sondern verlangen einen Tribut.“ Mercedes schien größeres Interesse an der Fluchbefreiung zu haben als an seinem persönlichen Leid, doch auch Ezarel musste sich eingestehen, dass er keine Ahnung hatte, wie ein einfacher, blöder Kuss eine solche Macht haben konnte. Noch dazu von einer so langweiligen und unspektakulären Existenz wie der eines Menschen. Dass Ezarel keine Erklärung dafür hatte, ärgerte ihn fast noch mehr, als dass er immer wieder daran erinnert wurde.
„Glaub mir, der Moment war alles andere als magisch”, betonte Ezarel, um das Thema abzuschließen und verschränkte demonstrativ die Arme.
Mercedes verkniff sich ein Kichern und begann dann den Salat mit Eispilzen zu verfeinern.
„Aber etwas sonderbar ist das Ganze schon”, sagte sie nach einer Weile. „Wieso hat Sukie das nicht erkannt? Sobald Em ihren ersten Kuss mit einer Person fremden Blutes hatte, egal ob Fremder oder Geliebter, müsste das Siegel ihrer Seele gelöst sein.“
Ezarel schnippte mit den Fingern. „Das ist genau mein Punkt! Und wenn du mich fragst, ist an dieser Person viel mehr faul als das. Diese Emil gibt sich als Kerl aus und ist noch dazu ein Mensch. Alles an ihr ist eine Lüge und eine Gefahr. Wie kann man da ausschließen, dass sie Sukie nicht auch täuschen will? Und da wäre ja immer noch dieser humpelnde Priester, der nun verschwunden zu sein scheint, obwohl die zwei sich vorher kaum trennen konnten. Da liegt doch was im Busch!“
Mercedes schürzte die Lippen. „Verzeih die Frage, Ez, aber bist du dir hundertprozentig sicher, dass es Em war, die dich im Wald geküsst hat?“
Ezarel blinzelte verwirrt. Wieso zweifelte Mercedes denn jetzt an seinem Teil der Geschichte?
„Sind wir nun wirklich schon so weit, dass wir diesem Tunichtgut mit gestörter Geschlechtsidentität einen Spitznamen geben müssen? Für mich bleibt er… sie Emil. Und ich glaube kaum, dass dieser Knilch einen Bruder mit gleichem Namen hat.“ Ezarel holte kaum Luft, ehe er weitersprach. „Das ist es ja, was mich so beunruhigt. Egal ob das Geschlecht, der Name oder die Art. Wenn Emil in all diesen Punkten schon lügt oder bewusst die Wahrheit verschweigt, ist es nicht so unwahrscheinlich, dass auch der Rest der Geschichte Lücken aufweist. Wie die Sache mit dem Freund in der Garde… Völlig ausgeschlossen, dass die Garde von Eel einen Menschen rekrutieren würde.“
„Du meinst, Em könnte von Sukie etwas anderes wollen, als das, was sie vorgibt?“
Ezarel nickte – ohne zu bemerken, dass Mercedes noch immer an dem Spitznamen festhielt. Er war bereits gänzlich in seine Verschwörungstheorie vertieft. „Es könnte genauso gut eine Falle sein. Sukie hat immerhin die Bestie gesehen und vielleicht ist sie auch die einzige, die die wahre Gestalt der Bestie erkennt, wenn sie der Person tief in die Augen sieht und ihr Sukkubus-Voodoo anwendet. Somit ist Sukie unser größter Trumpf, die Bestie ausfindig zu machen. Wer weiß, ob sein Komplize nicht draußen im Wald auf der Lauer liegt, um uns diesen Trumpf aus den Händen zu reißen.“
„Glaubst du, Em arbeitet für Dritte und plant Sukie unter einem Vorwand zu entführen?“ Mercedes blies langsam die Luft aus, während sie sich diesen Gedanken durch den Kopf gehen ließ.
Ezarel war wieder einmal mehr beeindruckt davon, über welche schnelle Auffassungsgabe die ehemalige Küchengehilfin der Garden verfügte. Daher interessierte ihn ihre Meinung besonders.
Doch dieses Mal musste er warten, denn anstelle einer Antwort stellte sie ihm eine Schüssel vor die Nase. „Iss erst einmal etwas, Ez. Dann sehen wir weiter.“
Der Appetit war dem Elfen schon lange vergangen, aber als die großen, goldbraunen Taler vor seinen Augen aufblitzten, stibitzte sich ein zartes Lächeln auf seine Wangen und er folgte ihr.

Während die Kekse langsam auf seiner Zunge schmolzen und seinen Gaumen mit würzigem Honig fluteten, erreichten sie den Kellergang, der zurück zu Sukies Zimmer führte.
Den letzten Keks hatte Ezarel für Brünhild aufbewahrt.
Nicht nur weil er testen wollte, ob sie rein technisch zu einem Lächeln imstande war – Mercedes hatte übrigens ein weiteres Blech Kekse dagegen gewettet - sondern auch, weil sein und Mercedes Plan ihre Mitarbeit erforderte.
Mercedes hatte Ezarels ursprünglichen Plan, Emil eine Falle zu stellen, wieder aufgegriffen. Nur, dass er den Knirps nicht an einen Kopfgeldjäger verkaufen, sondern direkt ins Lager bringen sollte. Dies bot zweierlei Vorteile: Erstens, konnte Ezarel sich das volle Kopfgeld von Nevra direkt auszahlen lassen - und, wenn der Elf es geschickt anstellte, könnte er danach wieder ungesehen mit dem Maana verschwinden und die kostbaren Asbest-Rosen kaufen, wegen derer er ursprünglich hinter Emil her war. Zweitens, sollte sich Emils Geschichte als kompletter Unsinn herausstellen, wovon Ezarel jetzt schon überzeugt war, konnte er sie auf dem Weg überwachen, eingreifen und am Ende an die Garde ausliefern. So oder so kam er dabei an sein Kopfgeld.
Also beschloss Ezarel, Emil vorläufig zu helfen und sie und Sukie ins Lager zu führen. Um nicht direkt mit Emil und Sukie in Kontakt treten zu müssen, sollte Brünhild sie begleiten.
Mercedes wäre Ezarel als Begleitung lieber gewesen, aber er wusste, dass sie hier auf ihre Tochter warten musste.
Alles in allem war der Plan heikel, aber im Rahmen ihrer Möglichkeit wohl die einzige Option, die für all ihre Probleme eine akzeptable Lösung versprach.
Doch kaum hatten sie Brünhild erreicht und ihr in bester Bestechermanier einen Keks gereicht, warf sie diesen dem Elfen wieder an den Kopf. „Ich dem Sukkubus nicht helfen“, grummelte sie.
Ezarel hoffte, dass es an der Formulierung seines Angebots lag, denn wenn sie wirklich keine Honig-Kekse mochte, hatte er ihr nichts mehr zu sagen.
Doch während der Leckerbissen einen sinnlosen Tod auf dem Boden starb, kam Ezarel eine Idee. „Ich verstehe. Natürlich, wie konnte ich nicht sehen, was Sukie dir bedeutet?“, säuselte Ezarel und setzte ein mitfühlendes Lächeln auf. „Wenn du sie zum Lager begleiten würdest, würdest du sie als deinen Schutzbefohlenen verlieren. Schließlich müsste der Sukkubus danach nicht länger in der Anlage des Tempels versorgt werden. Sieht so aus, als müsste sich Emil wohl einen anderen Sukkubus such…“
Ohne ein weiteres Wort machte Brünhild auf dem Absatz kehrt und holte ihre Tasche.
„Seit wann kannst du die Leute so geschickt manipulieren, Ez?”, fragte Mercedes, während sie fasziniert beobachtete, wie Brünhild Sukie beim Packen half. Scheinbar war sie nicht nur bereit, ihnen zu helfen und sie ins Lager zu eskortieren, sondern es konnte ihr auch gar nicht schnell genug gehen.
„Ich habe von der Besten gelernt”, erwiderte Ezarel und wischte sich einen Krümel aus dem Mundwinkel. Er war sich nämlich sicher, dass Mercedes den Plan, Emil zu helfen, schon länger im Kopf hatte. Die Kekse hatte sie vermutlich auch nicht ganz ohne Hintergedanken gebacken. Sie wusste wohl, wie sie Ezarel die Sache schmackhaft machen konnte.
„Endlich komm i mal wieder an die frische Luft”, quiekte Sukie vergnügt, sprang aus der Tür des Gewölbes und drückte Brünhild ihren Beutel in die Hand. „‘Ne kleine Reise zu dritt is sicher lustig.”
Als Sukie verwundert die vier Schachteln ansah, die Mercedes ihr als Wegzehrung reichte, deutete diese auf den Elfen. „Ich stelle euch auch meine Gehilfin Eza an die Seite. Sie kennt den Weg ins Lager.”
„Den Weg kennt Emil doch a sicher ”, wandte Sukie ein und machte einen Schritt auf Ezarel zu, der hoffte, hinter seinem Schleier vor ihren Seelenbohrenden Augen gut genug verborgen zu sein. Es war das erste Mal, dass Sukie ihn wirklich wahrnahm und ihm mit einem Blick löcherte, dass Ezarel schon befürchtete, der Schleier vor seiner Nase ginge gleich in Flammen auf. Aber er blieb ruhig und überlegte, wie er seine Vorzüge erwähnen konnte, ohne dass er sich als einer der Anführer der Garde von Eel entlarvte. Bevor er jedoch zu einer Lobeshymne ansetzen konnte, kam ihm jemand dazwischen.
„Ich denke, dass wir das Angebot annehmen sollten”, sagte Emil und tapste ebenfalls aus der Kellertür heraus. Ihre nassen Haare standen zu allen Seiten ab, doch Ezarel kam nicht dazu, den falschen Jungen näher in Augenschein zu nehmen, da sie sich sofort wieder in den langen Umhang hüllte. Allerdings war es weniger die Erscheinung, sondern der Klang ihrer Stimme, der ihn etwas stutzig machte. Er konnte sich nicht wirklich an das erinnern, was Emil im Wald sagte, aber jetzt, wo sie aus dem Gewölbe getreten waren und die Stimmen nicht von allen Wänden widerhallten, musste Ezarel zugeben, dass etwas anders war. Selbst als Emil sich räusperte und mit einer antrainierten, tiefen Stimme weitersprach. „Ich habe mich auf dem Weg hierher schon mehrmals im Wald verlaufen. Das Risiko sollten wir nicht eingehen. Wenn Eza den Weg kennt, dann spart das Zeit.”
„Aye, i vergaß, du kennst di noch net so gut hier aus, Menschlein.” Sukie tätschelte Emils Schulter. „Des wird schon. Na, dann nehmen wa die Eza mit. Zu viert is Exploding Crylasme a viel lustiger. Oh! Die Karten hab i völlig vergessen. Die hol i noch schnell.”
Ezarel seufzte.
Wenn er gewusst hätte, dass das in einer Mädels-Klatsch-Tour endet, hätte er deutlich mehr Kekse herausgehandelt.



3. Fanart by Shirin

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#43 Am 09.01.2022 um 22.20 Uhr

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Part XIII: Kein Mensch



Emil konnte kein Mensch sein.
Zu dieser Erkenntnis kam Ezarel nach den ersten vier Stunden Fußmarsch, den die Gruppe am frühen Morgen zurückgelegt hatte. Eigentlich hatten sie auf den bequemen Luxus von Shau'kobows zurückgreifen wollen, aber der dafür zuständige Purreko hatte all seine Reit-Gefährten an die Stadtwachen und die Söldner verpachtet. Lediglich ein einziges, kleines Exemplar hatte er ihnen zu einem absoluten Wucher-Preis andrehen wollen. Doch als das dürre Wesen Brünhilds wuchtige Gestalt auf sich zu stapfen sah, hatte es sich vor Panik totgestellt.
Eine Reaktion, die Ezarel zunächst noch amüsierte.
Inzwischen spielte er jedoch selbst mit dem Gedanken, sich augenblicklich selbst ins Gras fallen zu lassen und alle Viere von sich zu strecken - und Schuld daran trug allein dieses Menschlein, unter dessen Kutte ein Dämon zu hausen schien.
Wie ein gepeitschter Chiromagnus stürmte Emil durch das Gestrüpp und trieb die anderen vor sich her, als wäre das eine Jagd. Für die Reise ins Lager benötigten sie zu Fuß eigentlich drei Tage, aber wenn sie weiter in diesem Tempo eilten, kämen sie wohl noch vor Einbruch der Nacht an. Oder auch nicht, denn Ezarel hatte das Gefühl, ohne Pause nicht einmal den Mittag zu überstehen. Und zwar nicht nur, weil das verfluchte Kleid ihm das Vorankommen erschwerte. Nein, er hatte wirklich Null Kondition. Vielleicht war das weiblicher Muskelschwund… oder er hätte früher mehr mit Valkyon trainieren sollen, aber nicht nur er. Auch Brünhild keuchte und röchelte, so trocken war ihre Kehle. Nur Prinzessin Sukkubus hatte zum Leidwesen aller immer noch genug Kraft zum Nörgeln. „Em, i sterbe“, stöhnte sie zum wer-weiß-wievieltem Male.
Ezarel spielte mit dem Gedanken, langsam nachzuhelfen, um sie von ihrem Leid zu erlösen.
„Das tut mein Freund auch“, erwiderte Emil trocken und Ezarel hatte sogar den Eindruck, dass sie die Geschwindigkeit noch weiter anzog.
„Was soll i denn machen?“, quängelte Sukie, als Emil ihr befahl Schritt zu halten. „Hier sind überall Steine!“
Ezarel verdrehte die Augen und raffte seinen Rock so hoch es ging. Von allein ist noch kein Stein zur Seite gerollt.
Es kam jedoch wie es kommen musste. Keine fünf Minuten später machte es Knacks, Sukie fiel der Nase nach aus Ezarels Blickfeld und schlug auf dem Boden auf.
Der Elf musste seine Beine fast festhalten, damit er nicht im Schwung über sie drüber flog - so ungewohnt war es, plötzlich stehen zu bleiben. Brünhild erging es nicht anders – auch wenn sie es nicht schaffte auszuweichen und Ezarel mit sich riss wie eine Lawine.
Allerdings hatte es Sukie mit Abstand am Übelsten getroffen.
Doch obwohl ihr Knöchel nach wenigen Minuten deutliche Ähnlichkeiten mit Odyh’s Herz hatte, wirkte sie beinahe erleichtert, als Emil aus Ermangelung von Alternativen schließlich zustimmen musste, eine Pause einzulegen. Da weder Brünhild noch Ezarel Anstalten machten, den Sukkubus zu einem geeigneten Rastplatz zu stützen, nahm Emil sich ihrer an.
„Wenn das anschwillt, muss Brünhild dich nachher tragen“, sagte sie und half Sukie auf die Decke. Brünhild jedoch schnaubte nur unwillig und setzte sich dann fünf Meter entfernt an einen Baum.
Sukie streckte sich indes relativ unbekümmert aus, als sie halbwegs bequem lag. „I versteh di ja, Em. Du willst keine Zeit verlieren, aber ein bissle Angst machst mir schon.“ Dabei warf sie dem Menschlein einen scharfen Blick zu.
„Ich gebe ja mir die Schuld“, seufzte Emil und setzte sich daneben. „Ich fürchte, ich habe deine Grenzen komplett überschritten.“
Brünhild und Ezarel husteten laut auf.
„Gut“, lenkte Emil ein. „Eure Grenzen. Im Endeffekt kostet uns das jetzt mehr Zeit, als wir durch die Geschwindigkeit gewonnen haben.“ Beinahe verzweifelt warf sie die Hände über den Kopf und atmete dann tief ein, um die Fassung zu behalten.
„Hätte echt net gedacht, dass de einen so drillen kannst“, unterbrach Sukie die Stille.
„Tut mir leid.“ Emil schluckte und fuhr sich dann unbeholfen durch das Haar. „Die letzten Wochen im Lager waren hart. Das hat mich wohl irgendwie geprägt.“
Ezarels Ohren spitzten sich. Er konnte sich immer noch nicht vorstellen, dass die Garde einen Menschen aufnehmen würde, aber er konnte auch nicht leugnen, dass dieses Menschlein zäher war als der erste Blick vermuten ließ.
„Soll ich etwas gegen die Schmerzen machen?“, fragte Emil ungeachtet Ezarels argwöhnischen Blicken und besah sich Sukies Fuß. „Ich habe ein bisschen was über die Kräuter hier gelernt.“
„I weiß net.“ Sukie zog ihren Fuß zurück. „Du bist doch kaum einen Monat hier. Vermutlich kennste die meisten Pflanzen nich einmal mit Namen.“
Emil nickte, zog dann aber ihre Kutte ein wenig höher und entblößte die Beine. Unter all dem Schmutz schimmerten ein paar Narben und alte Schürfwunden durch. „Im Training habe ich mich häufig verletzt. Da im Lager aber keiner wissen durfte, dass ich ein Mädchen bin, habe ich die Krankenstation gemieden und mir ein paar Bücher übersetzen lassen. Dennoch… garantieren kann ich für nichts.“
Sukie wollte sich die Wunden ansehen, doch Ezarel war schneller. Ehe Emil sich versah, hatte der Elf ihr Bein gepackt, etwas Wasser darüber laufen lassen, um den Dreck abzuwaschen und die verheilten Wunden inspiziert. Dann fuhr er mit dem Finger über eine dickere Furche, die Emil wohl mit den Schuppen von fliegenden Karpfen bedeckt hatte, damit sie nicht genäht werden musste. „Du wirst Emils Behandlung wahrscheinlich überleben“, teilte Ezarel seine Einschätzung mit, auch wenn seine Grundfähigkeiten der Heilmagie eher rudimentär waren. Eweilein hätte die Wundversorgung um Welten besser gekonnt, aber für einen Neuling war dies solide Arbeit.
„Äh“, Emil starrte ihn irritiert an.
„Was?“, fragte Ezarel. „Denkst du, du bist der einzige, der schon mal ein Buch in der Hand hatte?“
Emil schüttelte den Kopf, aber der verwirrte Ausdruck auf ihrem Gesicht blieb. „Eza, du kannst sprechen?!“
Ezarel räusperte sich, denn ihm fiel wieder ein, warum er das Sprechen bisher vermieden hatte. Schließlich wollte er jede Aufmerksamkeit und damit verbundene Fragen vermeiden.
Sukie kicherte, bewegte dabei jedoch ihr Bein zu viel und stöhnte dann vor Schmerzen auf.
„Ich besorg dir was“, sagte Emil sofort, sah jedoch zunächst nur fordernd zu Ezarel.
Da der Schleier jedoch den größten Teil seines Gesichtes bedeckte, wusste der Elf nicht, was Emil dort zu finden glaubte. Vielleicht wollte sie Hilfe beim Sammeln der Pflanzen. Dann sollte sie aber auch auf die Knie gehen und ihn direkt darum bitten. Von sich aus würde er es garantiert nicht anbieten, seine wertvolle Pause zu vergeuden.
„Ist was?“, fragte Ezarel daher ungeduldig.
„Ja“, Emil wies mit dem Finger auf die Stelle, wo Ezarels Hand noch immer ihr Knie umfasst hielt. „Kann ich mein Bein wiederhaben?“
Ezarel schluckte und zog seine Hand zurück. Kaum hatte er das Bein losgelassen, eilte der falsche Junge schon in den Wald. Eine Weile sah er ihr noch nach und rieb sich die Stirn. Emil hätte seine Hand nehmen und sie wegdrücken können, aber sie hatte ihn zu keiner Sekunde berührt. Irgendwas an Emil war ihm doch sympathisch, verdammt. Wieso ließ er sich gerade jetzt so schnell einlullen?
„Eza?“, fragte Sukie und legte den Kopf schief. „Warum schlägst du dich?“

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#44 Am 13.01.2022 um 07.40 Uhr

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Part XIV: Zuckerwolken im Kopf



Ein lauter Knall war das letzte Geräusch, was Emils Chrylasme von sich gab, bevor es in der Luft verpuffte.
Mit resignierter Gleichgültigkeit fegte Ezarel den feinen Aschestaub von seinem Schleier. „Und wieder einmal ward die Herde reduziert“, murmelte er in Emils Richtung.
Diese hatte sich vor Schreck hinter ihren Handkarten versteckt und sah noch immer fassungslos in Sukies Richtung. „Und sowas nennt ihr ein Spiel?“
Der Sukkubus räkelte sich auf der Decke, auf der sie die letzten zwei Stunden gerastet hatten, und begann dann die Karten neu zu mischen. „Das Chrylasme ist ja net echt. Nur eine Projektion komprimierter Maana-Partikel. Außerdem kannste die Karte mit den goldenen Scheren spielen und so dein Chrylasme vor dem Explodieren bewahren.“
„Also ich kann dem nichts abgewinnen“, erklärte Emil und legte die Karten nieder.
Ezarel verstand nicht so ganz, worüber der Mensch sich da eigentlich aufregte. Die Gladiatorenkämpfe der Antike und Ritterspiele des irdischen Mittelalters waren bedeutend brutaler. Manchmal waren die Menschen schon unglaublich selbstgerecht.
Allerdings schien der Sukkubus, der noch vor wenigen Minuten mit lautstarkem Heulen auf das Spiel gedrängt hatte, plötzlich unerwartet verständnisvoll zu sein.
„Es fällt dir schwer, dich auf etwas anderes zu konzentrieren, was?“, folgerte Sukie aus Emils langem Schweigen. „Wegen deines Freundes…“
Ezarel hatte das Gefühl, irgendwas an der Art wie Sukie sprach, war anders, doch Emil schien das nicht zu bemerken. Sie senkte nur den Kopf. „Tut mir leid. Die anderen spielen sicher mit dir.“
Sukie seufzte, sagte aber nichts. Stattdessen deutete sie auf Brünhild, die ihnen den Rücken zugewandt hielt und vor sich hin schnaufte und dann auf Ezarel, der seinen Schleier zurecht gezogen hatte und sich am anderen Ende der Decke schlafend stellte.
Es sah nicht so aus, als ob noch irgendjemand mit ihr hier spielen wollte, doch sie konnten auch noch nicht weiterziehen. Denn obwohl die Paste ein Großteil der Schwellung verhindert hatte und bereits die Heilung zu beschleunigen schien, würde Sukie den Rest des Tages den Fuß nicht belasten können. Da Brünhild sich weigerte, sie ein Stück des Weges auf dem Rücken zu tragen und Emil das Busenwunder trotz aller Anstrengung gerade einmal bis an den nächsten Fluss hatte tragen können, ehe auch sie die Grenzen dieses Marathons zu spüren bekam, mussten sie bis zum nächsten Morgen eine Pause einlegen.
„Ihr seid so´ne Muffel“, quängelte Sukie verärgert. „Tragen will mi keiner und jetz au niemand mit mir spielen.“
Ezarel beschloss, nicht nur seinen Beinen eine Pause zu gönnen, sondern auch seinen Ohren. Glücklicherweise war der Sukkubus gerade nicht mobil genug, ihn davon abzuhalten, sich von der Gruppe zu trennen. Ihrem Gezeter zum Trotz lief er daher ein Stück den Fluss entlang, bis er eine geeignete Stelle gefunden hatte, wo er in Ruhe die Füße ins Wasser halten konnte.
Allerdings hatte er nicht mit Emil gerechnet, die sich zusammen mit der untergehenden Sonne zu ihm ans Wasser setzte.
„Ich weiß, was du willst“, sagte Ezarel. „Und die Antwort lautet: Nein. Du kannst dir den obligatorischen Smalltalk also sparen und wieder umkehren.“
„Ich bin nicht hier, um dich zu überreden, wieder zu uns zu kommen“, widersprach Emil. „Ich wollte dich lediglich fragen, ob…“
„ich dein Geheimnis für mich behalte“, beendete er Emils Anliegen. „Jetzt, wo du mich sehr wohl als Person mit sprachlichen Fähigkeiten wahrgenommen hast, hast du Angst, ich könnte im Lager herumposaunen, dass du alle belogen hast. Du willst von mir wissen, ob ich dir versprechen kann, dein Geheimnis für mich zu behalten: Aber wie gesagt; die Antwort heißt Nein.“
Emil biss sich auf die Lippen. Ob sie seiner Antwort oder der schweren Vorwürfe wegen, die Wangen blähte, konnte Ezarel jedoch nicht sagen.
„Du hast recht“, gestand sie und blies langsam die Luft aus den Lungen. „Du kennst mich nicht und willst nicht für eine Unbekannte lügen, sollte dich jemand fragen.“
Wäre Emil ein Unbekannter, wäre es Ezarel völlig gleichgültig, aber er wusste mehr von diesem falschen Jungen als er wollte. Doch was ihn echt am meisten gegen den Strich ging, war diese Unehrlichkeit oder Dummheit – oder was auch immer es war, dass Emil ihre erste Begegnung leugnete. Da war es besser, nicht mehr als nötig mit dem Mensch zutun zuhaben.
„Was ich denke, tut nichts zur Sache“, erwiderte Ezarel und grinste. „Du wirst ohnehin bald auffliegen. Ich kann mich da getrost zurücklehnen und die Show genießen.“
Emil schien bei dieser Antwort im Gegensatz zu den meisten, mit denen er so sprach, nicht einmal sonderlich überrascht zu sein. „Ich habe mich schon gefragt, warum du uns überhaupt begleitest. Tust du das für Mercedes? Ich kann mir vorstellen, sie ist eine Person, bei der man sehr schnell in der Schuld steht.“
Ezarel schnaubte. Wenn Emil jetzt versuchte den Spieß umzukehren, dann hatte sie sich geschnitten. „Du hast ganz andere Dinge, um die du dir den Kopf zerbrechen solltest“, wies er das Thema ab.
Scheinbar glaubte sie im Moment nicht viel tun zu können. Zumindest nicht, bis sie das Lager erreicht hatten. Doch ungeachtet dessen, dass Emil immer noch auf Fahndungsplakaten gesucht wurde und wohl kaum ohne Weiteres ins Lager spazieren konnte, gab es da immer noch ein spezifisches Problem aus der Welt zu schaffen.
„Jemand wie du hat nicht viele Freunde nehme ich an“, sagte Ezarel. „Wie hast du dir da überhaupt vorgestellt, deine Seele zu entsiegeln?“
Emil starrte ihn eine Weile an, ehe es ihr langsam dämmerte und sie einen Finger gegen ihre Lippen presste.
„Wundert mich nicht, dass du diesen Teil deiner Mission schon wieder vergessen hast.“ Ezarel massierte sich die Schläfen. Ihr Gedächtnis hätte er gern. Dann würden die Erinnerungen an den Kuss im Wald wohl genauso schnell verpuffen wie Zuckerwolken an heißen Sommertagen. Es blieb bloß die Frage, ob Emils Unvermögen echt oder aber doch gespielt war.
Ezarels Augen schmälerten sich, als ihm klar wurde, dass es da schon eine Möglichkeit gab, dieser Frage hier und jetzt auf den Grund zu gehen. Langsam beugte er sich ein Stück zu ihr herüber. „Du könntest es jetzt hinter dich bringen… Wie wär’s?“
Emil blinzelte verwirrt, ehe Ezarel seinen Schleier zur Seite zog und sich abrupt ihrem Mund näherte. Etwa fünf Zentimeter vor ihren Lippen hielt er an, wollte ihre Reaktion beobachten, doch da traf ihn schon ihre Hand. Mit Wucht stieß sie ihn die gesamte Armlänge weit von sich weg.
Sie atmete schwer und drehte sich dann schnell zur Seite, um die tiefroten Wangen zu verstecken, die selbst unter der halbverdeckenden Kapuze leuchteten. Ezarel war nicht wirklich sicher, was genau er erwartet hatte, aber die Reaktion verwunderte ihn dann doch. Nicht, dass er sie ernsthaft geküsst hätte, aber die Panik, die der bloße Versuch in ihr ausgelöst hatte, stand im völligen Kontrast zu dem forschen und doch fast gleichgültigem Verhalten im Wald bei ihrer ersten Begegnung.
Ja, im Ernst: Seit wann war sie so… verklemmt?
Der Elf spürte, wie ihm selbst ganz warm um die Nase wurde, als er die beiden Situationen im Kopf zu vergleichen versuchte und fuhr sich mit den Fingern auf die Stelle seines Brustbeines, wo er noch immer den Abdruck ihrer Hand zu spüren glaubte. Sie hatte wirklich nicht wenig Kraft.
Er musste sie ganz schön überrumpelt haben.
„Ich wollte nicht so festzustoßen“, murmelte sie leise. „Tut mir leid…“
Ezarel sah wieder zu ihr auf, doch sie senkte sofort den Blick. Machte sie sich jetzt etwa Vorwürfe? Der Elf schnaubte herablassend. Das war immerhin komplett seine eigene Schuld. Auch wenn ihn dieser „Scherz“ lediglich um eine Erkenntnis bereichert hatte, die ihn nun noch mehr verunsicherte.
„Scheinbar sind Frauen einfach nicht dein Typ“, witzelte er und spürte, wie ihm das Lachen irgendwo auf Höhe seines fehlenden Adamsapfels stecken blieb.
Ob Emil anders reagiert hätte, wenn er in seinem richtigen Körper stecken würde?
Ezarel schüttelte den Kopf. Emil hatte selbst einen Baum geküsst. Das wäre absurd.
Sie schien etwas erwidern zu wollen, doch Schritte lenkten ihre Aufmerksamkeit ab.
Ezarel glaubte erst, dass sich hinter dem trottenden Schlurfen Sukie verbarg, die inzwischen wieder auf die Beine gekommen war, doch als er sich umdrehte, musste er zwei Mal hinsehen, ehe er den Mann erkannte, der auf sie zu gehumpelt kam.
Eine bessere Fügung hätte sich das Schicksal kaum denken können, befand Ezarel, denn es war niemand Geringeres als der Priester, der damals im Wald an Emils Seite und kurz nach dem Kuss wieder verschwunden war.
Ezarels Augenbrauen hoben sich. Hatte er doch recht behalten und Emil arbeitete wirklich mit diesem Kerl zusammen? War das alles doch nur eine Finte, um an den Sukkubus heranzukommen?
„Emil?“ Doch in der Stimme des Mannes klang eine seltsame Verwunderung mit, dass Ezarel nicht wusste, wer von ihnen Dreien im Moment am Verwirrtesten war.


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