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#76 Am 16.05.2022 um 00.19 Uhr

Absynthgarde
Chihiro
Just Arrived
Chihiro
...
Nachrichten: 4

Liebe Ama, wieder pünktlich wie immer den Part hochgeladen. Wir nähern uns im Schneckentempo meinem lieben Chrom an - gut so etwas Zoff mit der Führungsriege und dem Gardisten, wie im wahren Leben. So kann ich doch noch einige Zeit die Story genießen, obwohl ich ja mit Em schon gefiebert habe. Muss ich halt noch warten. Und dieses Ende ist ja für deinen Schreibstil total ungewöhnlich. Bin sehr gespannt und überzeugt du bleibst Dir treu. Danke für Deine Mühe!! Sakura

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#77 Am 20.05.2022 um 10.37 Uhr

Obsidiangarde
Meria
Sargouset Sidekick
Meria
...
Nachrichten: 5 431

Bei der Stimme dachte ich ja, es ist vielleicht er Gefährte...auch wenn ich dann dachte, dass ein Gefährte ja eher weniger redet, oder sich in die Köpfe von Menschen "hacken" kann. XD Aber he...es muss ja kein gewöhnlicher Gefährte sein, wenn er da bei so nem komischen Kautz war. :D

Also wenn das Monster diese Lif nicht fressen wollte, hätte ich sie eigenhändig erwürgt. So jemand dürfte sich nicht mehr trauen blicken zu lassen. D: XD

...und jetzt stelle ich mir vor, wie ein anderer den Raum betritt und Askir mit irgendwas (in meiner Vorstellung ein Rapier XD ) bedroht... so als Klischee halt. XD
oder gleich durch den Hals bohrt...ein Maul weniger zu stopfen...dann kann Emil mehr essen, der Fresssack. :D


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#78 Am 22.05.2022 um 22.05 Uhr

Shadowgarde
Ama
Recrute
Ama
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>> Chapter IV: Emil und Emilia
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Part 15: Schmerzgrenze



Eingekeilt zwischen dem Reptilmann und dem mit Scherben übersäten Boden sah Emil nicht viele Möglichkeiten, sich loszureißen.
Und kaum waren sie allein, presste Askir auch noch sein Knie auf Emils Steiß, wodurch er seine Bewegungsfreiheit noch weiter einschränkte.
„Wie wäre es, wenn du mir sagst, was ich wissen will und ich mache das auf die sanfte Art?”, unterbreitete Askir sein Angebot.
Emil schluckte.
Der unerwartet schmierige Klang in Askirs Stimme triggerte einen heftigen Würgereiz in ihm. Emil hätte nie gedacht, dass ihm je etwas so den Appetit verderben könnte, doch im Augenblick war er froh, dass er noch nicht gegessen hatte.
Anstelle einer Antwort wandte er daher nur das Gesicht ab, denn er wollte einen Kampf immer noch vermeiden.
Askir verstärkte jedoch den Griff und zog Emils Kopf an den Haaren wieder zu sich nach hinten. „Überleg dir das gut, Kleiner. Ich habe gehört, wie die Küchenhilfen deine Backfähigkeiten loben. Man könnte also sagen, dass du in der Hand hast, was ich heute von dir vernasche.”
Seine lange Zunge schleckte dabei über Emils Nacken bis hinunter zu seinen Schulterblättern.
Emils Nackenhaare stellten sich sofort auf, denn es fühlte sich an, als kreuchten ihm ein Dutzend Nacktschnecken unter das Hemd.
Wollte dieser Typ ihn etwa fressen?
Vielleicht war ein Kampf doch die bessere Option.
Nein, Emil schüttelte den Kopf.
Ezarel hatte ihm erklärt, wie das hier lief.
Der Kerl wollte ihn sicher nur provozieren, damit es zum Kampf kam und er sich vor Miiko als Opfer darstellen konnte. Und selbst wenn Emil einen Kampf mit Askir überleben würde, würde Ezarel das nicht auf sich sitzen lassen. Schließlich gefährdete es auch Ezarels Ansehen als Leiter der Absynthgarde, wenn sein Rekrut in eine Schlägerei verwickelt wäre.
Emil biss daher die Zähne zusammen und versuchte seinen Arm loszureißen, aber dieser schmerzte so sehr, dass die Reizüberflutung verhinderte, dass er ihn überhaupt bewegen konnte.
Askir lachte. „Du wirkst nicht wie jemand, der sich sonst ziert… Sag doch einfach, dass du kooperierst. Dann sorge ich dafür, dass wir beide Spaß haben werden.”
„Du kannst mich mal”, platzte es aus Emil heraus.
„Das ist der Plan”, erklärte Askir und schnaubte belustigt. „Kein Grund ungeduldig zu werden.”
Stoff riss unter seiner Kralle und Emil spürte einen kalten Luftzug an seinem Rücken.
Er erwartete, dass Askir ihm die Haut aufreißen und endlich zum Angriff übergehen würde, doch stattdessen fuhr er die Krallen wieder ein, ohne Emils Haut zu verletzen. „Du glaubst mir das vielleicht nicht, aber ich kenne unsere Anführer sehr gut, Emil. Nevra wird sich nie nur mit einer Person zufriedengeben und Ezarel interessiert sich ohnehin nur für sich selbst. Warum kommst du nicht freiwillig auf meine Seite und in mein Bett? Ich kann auch deinen Ruf im Lager verbessern. Im Gegensatz zu den Gardenleitern weiß ich nämlich, wer hier im Lager inzwischen wirklich das Sagen hat.”
Emil knurrte, als Askir mit den Fingern seinen Rücken hinunter tippelte, als wäre er ein Instrument, was sich spielen ließ.
Auch wenn Emil wusste, dass er als blinder Junge vom Dorf so ziemlich hinter dem Mond gelebt hatte, fand er Askirs Avancen einfach nur krank.
„Du redest nur Müll”, sagte Emil schließlich. „Ich bin ein Junge. Also hör auf mit dem Quatsch. Wenn du dich prügeln willst, dann lass uns rausgehen.“
„Oho“, Askir lachte. „Hast du etwa Sorge, dass Ezarel uns hier drinnen erwischen könnte? Meinst du, es würde ihn aufregen, wenn ich mit seiner Puppe spiele? Sein Gesicht würde ich zu gern sehen…”
Emil war totsicher, dass Ezarel sich aufregen würde. Allerdings wegen der Unordnung in diesem Zelt.
„Ezarel interessiert sich nicht für mich”, widersprach Emil. „Also lass uns einfach rausgehen. Das ist eh eine Sache zwischen dir und mir.”
Askir beugte sich erneut zu Emils Ohr vor. „Jetzt redest du aber Müll, kleiner Rekrut. Glaubst du das eigentlich wirklich? Da kennst du Ezarel ja doch viel schlechter als ich dachte.” Er lachte und leckte Emil dann eine Strähne aus dem Gesicht. „Ich hätte wetten können, Ezarels regenbogenfarbene Haare wären ein offenes Bekenntnis.”
Emil wusste nur zu gut, dass Ezarels bunte Haare auf die Kappe des Fluches gingen.
Ezarel hasste die Farbe und wollte unbedingt seine blauen Haare wiederhaben.
Doch scheinbar hasste Ezarel es noch mehr von Emil geküsst zu werden, denn er lief lieber mit den bunten Haaren herum, als den Zauber von ihm durchbrechen zu lassen.
Emil verstand das nicht wirklich.
Bis zu dem Moment, in dem Askir ihn näher zu sich heranzog und seine Zunge zwischen seine Lippen glitt. Dieses Gefühl trieb Emil gänzlich den Horror über den Rücken.
War es etwa das, was Ezarel fühlte, wenn Emil ihn küsste?
Emil wurde schwindelig vor Ekel und Wut – aber auch vor Scham.
„Wirklich lachhaft, wenn man mal darüber nachdenkt”, surrte Askir weiter. „Ich dachte, dem Vogel liegt etwas an seinem Aussehen. Doch jetzt sind seine Haare so knallig als wäre er in ein Fass bunter Wachholderbeeren gefallen. Also ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich kriege davon Augenschmerzen!”
Langsam blies Emil bei diesen Worten die Luft aus seinen Lungen, doch es half nichts.
Er war zwar blind, aber eine Farbe sah er nun so deutlich wie nichts anderes.
Und zwar Rot.
Während der Kerl über ihm weiter über Ezarel lachte, riss Emil seinen Kopf abrupt nach hinten. Es knackste, als er dabei Askirs Nase traf. Der Reptilmann jaulte auf und löste für einen Moment seinen Griff.
Emil nutzte die Gelegenheit und hechtete wie eine Robbe ein Stück nach vorn, bis unter den Tisch.
Der Ofen, der den Kessel darüber erhitzte, befand sich nämlich genau unter der Tischmitte. Mit der Hand, die er noch bewegen konnte, zog Emil an der heißen Tür, bis ihm eine Wand dampfender Gase entgegenschlug. Ohne darüber nachzudenken, griff Emil direkt in den Ofen, packte eine Handvoll heiße Kohle und schleuderte diese Askir entgegen, bevor dieser ihn wieder zu greifen bekam.
Wütend und voller Schmerz brüllte der Reptilmann auf, als die Glut ihn traf, doch da hatte Emil schon die nächste Ladung Kohle in der Hand und sprang auf Askir zu, um ihm das heiße Zeug gegen seine widerliche Zunge zu pressen.
Die Hitze in seinen Fingern und die Glut der Kohle wurde von Emils Haut absorbiert wie Flüssigkeit von einem Schwamm, was die Wut in ihm aber noch mehr verstärkte.
Askir kam gar nicht dazu, zu einem Schlag anzusetzen, da er sich kaum gegen den Jungen zu verteidigen wusste, der mit den heißen Kohlen in der Hand wieder und wieder auf ihn einschlug, bis schließlich ein paar Schuppen barsten.
„EMIL!“
Emil hörte die Stimme, doch er hielt erst inne, als ihm der Duft der Person, die da plötzlich im Raum stand, mit voller Wucht um die Nase wehte.
Es war nicht Askirs Begleitung.
Schlimmer.
Emil ließ augenblicklich die Kohlen aus der Hand fallen und sackte nach hinten in den Dreck – ein Gemisch aus Asche, Ruß und Scherben.
„Was habe ich dir gesagt, Emil?“, fragte Ezarel mit gepresster Stimmt und trat ein paar Schritte auf ihn zu. „Kann ich dich nicht einmal ein paar Stunden allein lassen, ohne dass du hier alles auf den Kopf stellst?”
Emil schluckte. Er spürte, wie die Wut in ihm abebbte und seine Finger langsam zu brennen begannen. Ihm war klar, dass genau der Fall eingetreten war, den er die ganze Zeit versucht hatte zu vermeiden.
„Der Junge hat mich provoziert”, sagte Askir sofort. Seine Stimme klang fast weinerlich, sein Kiefer geschwollen. Wenn er nur halb so mies aussah wie er sich anhörte, dann bestand für jeden Außenstehenden nicht der geringste Zweifel, dass er hier das Opfer war.
Scheiße!
Emil ballte die Fäuste und senkte den Kopf.
Er hatte sich wirklich benutzen lassen und es wieder nicht geschafft, sich zu kontrollieren.
Diesmal würde Ezarel seinen Kopf gewiss nicht für ihn hinhalten.
Und Askir wusste das genau.
„Ezarel“, beharrte Askir daher weiter. Er schien nach dessen Arm zu greifen. „Wir sollten das sofort Miiko melden und…“
Doch Ezarel schlug seine Hand bereits in der Luft weg wie eine lästige Fliege. „Ich spreche gerade mit meinem Rekruten. Also misch dich nicht ein. Das hier ist mein Zelt, was er ramponiert hat und die Strafe dafür werde ich mir ganz sicher nicht nehmen lassen.“
Emil spürte Ezarels Blick auf sich ruhen und schrumpfte noch tiefer in sich zusammen.
Auf der einen Seite war er froh, dass Ezarel zurückgekehrt war, auf der anderen Seite wollte Emil sich am liebsten verstecken.
Nicht weil er Angst vor Ezarel hatte, sondern weil er wütend auf sich selbst war.
Askir grummelte derweil unruhig. „Emil hat mich grundlos angefallen. Ich verlange dafür eine Wiedergutmachung.“
Ezarel drehte sich langsam zu dem Reptilmann um. „Habe ich mich wirklich so unklar ausgedrückt? Ich habe hier etwas Wichtiges zu klären.“
„Aber…“
Eazrels Hand schlug gegen Askirs Brust, bevor dieser weitersprechen konnte und mit einem Mal wurde Ezarels Stimme so finster, dass Emil nicht wusste, ob er diesen Mann wirklich jemals wütend erlebt hatte. „Mach, dass du von hier verschwindest… und ich rate dir, keinen Fuß mehr in dieses Zelt zu setzen. Wie du siehst, ist mein Rekrut derzeit nicht unter Kontrolle… Für deine Sicherheit kann hier im Moment also niemand garantieren.”
Askir schien nicht lange zu überlegen, denn er verließ ohne ein weiteres Wort rückwärts das Zelt.
Dann war es ruhig.
„Ez…“ Emil wusste nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte. Eine Entschuldigung war sicher nicht genug, aber irgendwo musste er schließlich anfangen. „Es tut mir…“
„Für dich immer noch Ezarel“, unterbrach der Elf und drehte sich dann wieder zu ihm um, als Askirs Schritte draußen abgeklungen waren. „ Na los, heb deinen Arm!“
Emil tat wie befohlen, während er nach den richtigen Worten suchte, doch schon im nächsten Moment griff Ezarel ihm unter die Achseln und hob ihn auf den Tisch.
„Zieh die Schuhe aus“, befahl Ezarel weiter und lief durch den Raum, um ein paar Sachen zusammenzusammeln.
Emil war sich nicht sicher, ob das schon Teil der Strafe war oder ob Ezarel zuerst den Schaden begutachten wollte, doch er wusste, dass der Alchemist keine Gegenfragen duldete, wenn er wütend oder konzentriert war. Daher kam Emil jeder Aufforderung nach und hielt vorerst den Mund. Er versuchte selbst dann ruhig zu bleiben, als Ezarel mit einer spitzen Pinzette die kleinen Scherben aus seinem Fuß löste und die Wunden dann vorsichtig ausbrannte. Wobei Letzteres vor allem deshalb eine Herausforderung war, weil es Emil wie irre kitzelte.
„Du bleibst morgen bei mir im Zelt“, sagte Ezarel, als er fertig war und drückte ihm dann einen Stapel Bücher in die Hand. „Das sind die ersten Bände der Reihe ‚Alchemie für Dummys‘. Ich habe mir sie aus dem H.Q. bringen lassen. Ich möchte, dass du die liest.“
„Lesen?“, fragte Emil, als er das Gewicht auf seinem Schoß spürte. Dazu gab es bestimmt keine Verfilmung, oder?
„Ja, diese Tätigkeit mit den Buchstaben und Wörtern“, stimmte Ezarel zu. „Vorher wirst du mein Zelt nicht verlassen. Das ist deine Strafe.“
Moment… Emil hob den Kopf, doch da war kein Sarkasmus in Ezarels Stimme.
Nicht einmal Groll.
Emil spürte, wie sich ihm die Luft langsam zuschnürte.
War Ezarel nun etwa so enttäuscht, dass es ihm schon egal war?
Emil ertappte sich bei dem Gedanken, dass es ihm lieber wäre, wenn Ezarel ihn anschnauzte oder ihm einen Vortrag hielt. Dass er nun gar nichts weiter sagte, fühlte sich auf eine seltsame Weise enttäuschend an.
„Ich werde hier noch aufräumen“, versprach Emil leise und rutschte vom Tisch, doch Ezarel hielt ihm am Arm zurück. Er berührte dabei Askirs Bisswunde, was Emil zusammenzucken ließ. „Ich habe dir gesagt, geh wegen der Wunde zu Ewelein… und das Aufräumen wird jemand anderes machen.“
„Ich kann das“, beteuerte Emil eisern und lief an ihm vorbei, um den Mob aufzuheben.
Askir war sicherlich widerlich, aber für nutzlos gehalten zu werden, war noch ein viel widerlicheres Gefühl.
„Halte mich nicht für dumm, Emil“, sagte Ezarel und presste dann die Zähne aufeinander. „So etwas geht nicht spurlos an einem vorbei. Ich weiß, was hier passiert ist.“
Emil schnaubte. Starke Worte für einen Mann, der immer noch nicht gemerkt hatte, dass er blind war und mit Büchern nichts anzufangen wusste.
In dem Moment ging erneut der Vorhang des Zeltes auf. Ezarel rief schon ein genervtes „Was?“ in die Richtung, doch als Ykhar nur nervös auf der Stelle hopste, spannte sich sein Körper unwillkürlich an. „Was ist passiert?“
„Flüchtlinge!“, rief Ykhar. „Es gab wohl einen Brand in den Wäldern und einige Verletzte. Nevra traf sie unterwegs und brachte sie gleich her. Ewelein schafft das aber nicht allein. Wir brauchen jede helfende Hand.“


Kommi

Letzte Änderung durch Ama (Am 22.05.2022 um 23.40 Uhr)

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#79 Am 29.05.2022 um 19.37 Uhr

Shadowgarde
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>> Chapter IV: Emil und Emilia
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Part 16: Der Heiler



Vorsichtig schlich Emil an der Zeltwand der Krankenstation vorbei. Dass es langsam dunkel wurde, merkte er vor allem daran, dass die Sonne schon sein einigen Minuten nicht mehr auf seiner Haut kitzelte.
Doch im Schatten der anbrechenden Nacht hatte er die besten Chancen ungesehen durch das Lager zu laufen und unter einer losen Stelle der Stoffverkleidung durchzukriechen, bevor ihn die Wache am Zelteingang daneben überhaupt entdecken konnte.
Im Inneren des Zeltes angekommen musste er sich deutlich weniger Mühe geben, seine Anwesenheit zu verbergen, denn die Hektik in diesem Raum war vergleichbar mit dem offiziellen Verkaufsstart der neuen Playstation. Dutzende Leute tummelten sich auf den Liegen, Stühlen und Fässern, die man notdürftig zusammengeschoben hatte, um der Masse an Flüchtlingen gerecht zu werden, die dringend Behandlung und Arznei brauchten. Und hier befanden sich nur die Fälle, die schwerwiegende Verletzungen aufwiesen. Draußen vor dem Zeltplatz waren es noch drei Mal so viele.
Es muss ein schweres Feuer gegeben haben, denn die Kleidung der geflohenen Dörfler stank nach verbrannten Haaren und angesengtem Fleisch. Die Erde in ihren Haaren ließ darauf schließen, dass ihre Heimat mitten im Wald gelegen haben musste - ein untypischer und gleichermaßen verheerender Ort für einen plötzlichen Feuerausbruch.
Das Klagen der eintreffenden Flüchtlinge hatte Emil selbst bis ins Alchemiezelt auf der anderen Seite des Lagers gehört, wo er bis eben noch auf einen Boten gewartet hatte, der jedoch einfach nicht kam.
Aus diesem Grund war er nun selbst hierhergekommen, um die geforderten Tränke und Salben vorbeizubringen, die er in den letzten Stunden angerührt hatte.
Auch wenn er das Gefühl hatte, dass er nicht hier sein sollte.
Nicht zuletzt, weil man es ihm verboten hatte. Aber was sollte er machen? Außerdem wollte er hierher. Oder zumindest… wollte er nicht mehr dort bleiben.
Irgendwo in dem Meer von Raunen und Ächzen vernahmen Emils feine Ohren Ezarels Stimme, die gerade Anweisungen für die Verabreichung der Heiltränke erteilte. Der Alchemist wirkte so herrisch wie eh und je, aber die Effizienz, mit der er Aufträge verteilte, war so präzise und schnell wie ein Küchenchef während der Happy Hour - nur, dass kaum einer hinterherkam, da die Arbeit stetig mehr, die Hände aber immer weniger wurden.
Emil fragte sich, warum Ezarel ihm verboten hatte, hierher zu kommen, wo es doch offensichtlich an Helfern mangelte.
Nicht, dass es nicht genug Gardisten im Lager gab, die mit anpacken konnten, doch es war erstaunlich – nein, erschreckend – wie wenig dem Aufruf gefolgt waren.
Und diejenigen, die freiwillig aushalfen, waren langsam am Ende ihrer Kräfte.
Irgendwo am Eingang stießen sogar gerade zwei Gardisten zusammen, was Ezarel nicht einmal mehr kommentierte, so sehr wie er in seine Arbeit war.
Zum Glück, fand Emil. Denn das bot ihm die Gelegenheit, wieder zu verschwinden, bevor Ezarel merkte, dass er sich seinen Anordnungen widersetzt hatte.
„Emil, gut, dass du da bist“, sagte Ewelein, die ihn in der Ecke bemerkt hatte und ihm sofort einen Eimer in die Hand drückte. „Holst du frisches Wasser?“
Ihre Stimme klang so atemlos, dass Emil nicht lange fackelte und kommentarlos den Eimer entgegennahm, ehe er über seinen Geheimweg wieder hinaus zum Brunnen eilte, um ihn randvoll mit Wasser zu befüllen. Auf diesem Weg musste er nicht an Ezarel vorbei und war sogar in unter einer Minute wieder zurück.
„Das ging ja schnell“, sagte Ewelein erfreut und tunkte sofort mehrere Tücher hinein, um sie dann auf die Brandwunden eines Rehjungen zu legen. „Ich wollte dir schon hinterher, weil mir einfiel, dass du ja gar nicht weißt, wie man von hier aus zum Brunnen kommt.“
Emil ahnte, dass sie auf seine Augen anspielte und grinste. Anscheinend hatte es etwas Gutes, dass Ezarel ihn vorgestern das komplette Lager hatte vermessen lassen. Daher kannte Emil nun die genaue Anzahl der Schritte zu den wichtigsten Orten.
„Eine seltsame Aufgabe, die er dir da aufbrummt“, sagte Ewelein, als Emil ihr davon erzählte.
„Das war ja auch mehr eine Strafe, weil ich so lange getrödelt hatte.“ Verlegen strich er sich ein paar Haare aus dem Gesicht und wusch sich dann die Hände, um ihr bei der Wundversorgung zu assistieren.
„Ja, aber Ezarel macht nichts grundlos. Auch keine Strafen. Ich frage mich, was er mit den Maßen des Lagers will.“
„Sich für das nächste Fest einen roten Teppich legen lassen?“
Ewelein lachte, doch dann wurde sie auf einmal still. „Oder er hat es nicht für sich getan…“
„Hmm?“, fragte Emil. Er war nicht ganz sicher, ob er Ewelein verärgert hatte, denn sie wirkte irgendwie bedrückt. Vielleicht lag es aber auch daran, dass noch ein Berg an Arbeit vor ihnen lag. Emil half ihr daher die Tücher mit der Salbe zu verstreichen, die er mit hierhergebracht hatte.
„Die riecht aber gut“, erklärte Ewelein, was Emil freute und irgendwie auch überraschte. Ezarel wäre mit dem Ergebnis noch lange nicht zufrieden gewesen, aber in der Kürze der Zeit musste Emil eben Prioritäten setzen und er war schneller, wenn er die Zutaten der Nase nach verrührte – auch wenn die Qualität dadurch stark variierte. Da manche Kräuter aber intensiver waren als andere, fand er das Gramm-genaue Abmessen eh etwas albern.
„Ich habe auch noch Schmerz-Still-Tränke dabei.“ Emil holte die Phiolen aus seiner Tasche und legte alles auf ein Tablett vor die Liege. „Ezarel hat mir aufgetragen, zwei Dutzend zu brauen, aber die Zutaten haben nicht für so viele gereicht.“
„Ezarel hat dir so komplizierte Rezepte beigebracht?“, fragte Ewelein und begutachtete die Ware. Ihre Stimme klang gleichermaßen unsicher wie erstaunt, doch am Ende schien sie von der Farbe und Konsistenz ausreichend überzeugt, um dem Rehjungen eine Einheit zu verabreichen. Sein Puls wurde sofort ruhiger, was auch Emil freute.
Von „beigebracht“ konnte Emil nämlich nicht sprechen. Da Ezarel ihn zu Beginn nie aus den Augen ließ, hatte er irgendwann aus Langeweile heraus aufgepasst, als Ezarel die Tränke gebraut hatte und dann mit ihm gewettet, dass er das selbst schaffen würde.
An Ezarels Qualität kamen die Tränke natürlich nicht heran, aber es war gut genug, dass dieser ihn seither machen ließ. Und für Emil war es ein unbeschreibliches Gefühl, dass es etwas gab, in dem er gut war und wofür er nicht seine Fäuste brauchte.
„Du bleibst wohl länger hier“, sagte Ewelein schließlich. „Bei Ezarel, meine ich.“
Emil zuckte mit den Schultern. Er wusste, dass Ezarel die Ärztin noch nicht in die Doppelgänger-Sache eingeweiht hatte und konnte ihr daher schlecht sagen, dass er schon bald wieder weg sein würde. Doch Ewelein schien das auch gar nicht als Frage gemeint zu haben, denn sie sprach weiter, ohne auf eine Antwort zu warten, während sie in geübten Bewegungen die Salbe verstrich. „Es ist gut, dass ich dich sehe, Emil. Ich habe dir zwar schon über Floppy die Details für die Seelentransfusion geschickt, aber da du bisher nicht darauf reagierst hast, gehe ich mal davon aus, dass die Nachricht untergegangen ist. Wir treffen uns beim nächsten Vollmond. Dann stehen die Chancen am höchsten, dass die Übertragung gelingt.“
„Wann ist denn etwa Vollmond?“, fragte er und reichte ihr ein paar frische Tücher. Im Gegensatz zu dem, was auf der Liege passierte, war er nämlich nicht in der Lage den Himmel zu lesen.
„Achja. Tut mir leid. In drei Tagen sollte es soweit sein. Dann ist auch das Tausend-Lichter-Fest. Bis dahin wird alles stehen. Wir machen es direkt im Anschluss an die Feier. Dann sind alle beschäftigt – oder eher betrunken - und wir haben unsere Ruhe.“
Emil erinnerte sich, dass Miiko die Sache mit der Seelentransfusion nicht an die große Glocke hängen wollte. Wahrscheinlich traute sich Ewelein auch nur deshalb jetzt so offen darüber zu sprechen, weil ihr Patient gerade das Bewusstsein verloren hatte und jeder andere im Raum mit dem Kopf ganz woanders war.
Emil fand, dass Ewelein in ihrer Ruhe, die sie trotz des Chaos hier bewahrte, eine enorme Professionalität ausstrahlte. Es erinnerte ihn irgendwie an Ezarel, der egal wie sehr er sich auch aufregte, völlige Konzentration wahren konnte, sobald er sich wieder über seinen Kessel beugte.
„Woran denkst du gerade?“, fragte Ewelein und zog mehrmals an dem Tuch in seiner Hand. „Ich habe dich bisher noch nie so lächeln gesehen.“
Emil blinzelte ins Leere und reichte ihr dann sofort den Verband. Es war seltsam, sich mit einer Person zu unterhalten, die ernsthaft an seinen Gedanken und Gefühlen interessiert war.
Vor allem, da Emil meist selbst nicht so genau wusste, was er eigentlich fühlte.
Bis auf Hunger natürlich. Allerdings ließ sich nicht jedes Gefühl so leicht stopfen.
„Dieser Patient ist soweit versorgt“, erklärte Ewelein schließlich und eilte zur Liege daneben. „Holst du mir noch mal zwei Eimer Wasser?“
Emil nickte erfreut, denn es gefiel ihm, dass er sich nützlich machen konnte - und im Gegensatz zu Ezarel war Ewelein mit Lob nicht gerade sparsam.
Doch als ihm beim Befüllen am Brunnen der erste Eimer aus der Hand glitt, fiel Emil auf, dass die Hand mit der Bisswunde inzwischen nicht einmal mehr zugreifen konnte. Da in dieser Nacht aber wirklich nicht der Zeitpunkt war, um Ewelein mit seinen Problemen auf die Nerven zu gehen, wuchtete er beide Eimer auf seinen gesunden Arm und trug alles vorsichtig zurück zum Zelt.
Vielleicht nicht vorsichtig genug, denn kaum im Zelt angekommen, rutschte er plötzlich zur Seite.
Nein, jemand zog ihn … hinter einen Schrank?
Die Eimer glitten von seinem Arm, doch sie fielen nicht. Jemand nahm ihm beide Eimer ab, staunte kurz über das Gewicht und stellte sie dann an den Rand des Zeltes, bevor er einen Vorhang zuzog.
„Was machst du hier?“, fragte Ezarel und stupste ihm gegen die Nase.
„Ich habe eine Wassermelone getragen“, sagte Emil und schüttelte dann irritiert den Kopf. „Moment, falscher Text. Ich meine, ich habe Wasser getragen. Ewelein bat mich darum.“
„Wann habe ich dir gesagt, du sollst auf das hören, was Ewelein sagt?“
„Du meintest, die Klugen haben immer Recht.“
Ezarel seufzte.
Emil grinste. Schach.
Auch wenn er im Moment derjenige war, der sich ziemlich matt fühlte.
„Ich will, dass du gehst, Emil. Sofort.“ Ezarels Stimme klang schon wieder so finster. „Und diesmal bleib im Zelt. Du hast Hausarrest. Das ist ein Befehl. Noch einmal sage ich das nicht.“
Emil grummelte. Ob Ezarel noch immer sauer wegen der Auseinandersetzung mit Askir war?
Doch wie konnte Emil die Sache wieder gut machen, wenn Ezarel ihm einfach keine Möglichkeit dafür gab?
„Du kannst hier eindeutig Hilfe gebrauchen“, erwiderte Emil mutig und zog den Vorhang wieder zu, als Ezarel ihn aufschob. „Warum lässt du dir denn nicht von mir helfen? Ist es, weil du dir von niemandem helfen lassen kannst?“
„Geh schlafen“, sagte Ezarel nur. „Denkst du, du kriegst das hin? Das ist doch eigentlich eine deiner leichtesten Übungen.“
Emil schlug gegen den Pfeiler. Doch nicht nur aus Wut.
Er spürte, wie ihm langsam schwindelig wurde … und immer heißer.
„Ich will aber nicht gehen!“, sagte er nur. Allein die Vorstellung, wieder zurückzugehen, bereitete ihm Magenschmerzen. Vielleicht hätte er doch etwas essen sollen.
„Wieso?“, fragte Ezarel schließlich, als Emil sich nicht von der Stelle bewegte. „Kannst du etwa nicht allein sein? Wenn du darüber sprechen willst, was heute passiert ist, dann…“
Emil strich sich den Schweiß aus dem Nacken. Wovon sprach der Typ überhaupt?
Und wieso wurde ihm schon wieder so kotzübel.
„Soll ich Ewelein holen? Hast du Schmerzen?“
Emil schüttelte den Kopf. Wenn einer ärztliche Behandlung brauchte, dann war es Askir. Wobei Unsinn labern in seinem Fall auch schon krankhaft genug war, dass ein eingeschlagener Kiefer glatt als Heilung durchgehen dürfte. Emil der Heiler. Ja, so sah er sich. Vielleicht ließen sich manche Sachen eben doch nur mit Gewalt regeln.
Emil grinste halb im Wahn, bis er sich an das Gefühl erinnerte, als er wie ein rasender Teufel auf Askir losgegangen war und ihm stockte kurz der Atem, als ihm klar wurde, dass Ezarel das auch gesehen haben musste.
Emil schluckte.
Was, wenn Ezarel ihn deswegen loswerden und verstecken wollte? So wie Meister Lih ihn stets vor der Welt versteckte.
Emil biss die Zähne zusammen.
Was wenn Ezarel jetzt auch Angst vor ihm hatte?
Er wollte nicht, dass Ezarel ein Monster in ihm sah.
Doch er merkte erst, dass er nach vorn wankte, als er mit dem Kopf gegen Ezarels Brust stieß.
„Beeindruckend, wie du innerhalb eines Tages wirklich gegen die ganze Regelpalette verstoßen kannst.“ Ezarels Stimme klang dabei immer noch so tonlos.
Absolut undurchschaubar.
Doch anstatt Emil von sich zu stoßen, fuhr er ihm einmal durch die Haare und hielt dann auf seiner Stirn inne.
Emil konnte nicht sagen, ob sich je etwas besser angefühlt hatte, als Ezarels kalte Finger auf seinen Augenlidern. Aber selbst, wenn er wollte, er konnte sich nicht mehr selbstständig auf den Beinen halten.
„Du hast Fieber“, sagte Ezarel schließlich.
Und das war dann auch schon das Letzte, an das sich Emil erinnerte.

Letzte Änderung durch Ama (Am 29.05.2022 um 20.13 Uhr)

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#80 Am 31.05.2022 um 10.57 Uhr

Obsidiangarde
Meria
Sargouset Sidekick
Meria
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Nachrichten: 5 431

Respekt, für dein schnelles schreiben und vorankommen... ich kann mich meist nicht aufraffen. ^^°

Ezarel sieht also aus wie n Regenbogeneinhorn, nur ohne Horn?.... süß. :D

Emil muss schon echt ganz schön was durchmachen und, auch wenn es nicht so weit kam, ist das für mich immer so n Grenzbereich, vor allem wenn das so n widerlicher Typ ist...*Meria geht den grad mal ankokeln... am Hintern, damit er nicht mehr sitzen kann* (¬‿¬)
Ich weiß nicht ob ich es vergessen oder überlesen habe...aber, wie stellst du dir diesen Reptilmann vor?...An sich wie ein Mensch und sonst nur Schuppen drauf? Oder gibts noch andere Merkmale?
Zumindest klingt er wie jemand, de Meria gern als Sandsack benutzen würde. (ง ื▿ ื)ว
Und scheinbar verspritzt er ne Art Gift oder sowas, was Emil jetzt lahm legt? Zumindest hätte Emil dann Ruhe vor dem Sandsack-Knilch. ò.ó7
Könnte allerdings eng werden, er hat nur 3 Tage zum gesund werden. ^^°
Ewelein gefällt mir in der Episode...eine schöne Abwechslung zu dem mürrischen blauhaarigen Elf. :D

Dann bis zum nächsten Mal ^^/


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#81 Am 05.06.2022 um 18.18 Uhr

Shadowgarde
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Ama
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Nachrichten: 74

>> Chapter IV: Emil und Emilia
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Part 17: Nächster Gang



„Lillif!”, rief mein neuer Chef. „Komm sofort her!”
Ich zuckte zusammen, als mir klar wurde, dass er damit natürlich mich meinte.
Vorsichtig füllte ich noch die Suppe auf einen Teller und garnierte sie mit ein paar Blumen und Kräutern, um die Bestellung fertig zu machen, ehe ich meine Schürze über den Kopf zog.
Es erschien mir immer noch so unwirklich, dass man mich so selbstverständlich mit ihrem Namen ansprach.
Vor allem, weil ich mich gerade erst an die Rolle als Junge gewöhnt hatte. Noch immer lief ich etwas breitbeinig durch die Gegend, was die andere Küchenhilfe im Raum sofort mit einer obszönen Bemerkung zu meinen nächtlichen Gepflogenheiten kommentierte.
Doch das konnte ich nicht einfach abstellen. Vor allem da ich nicht wusste, wie ich mich überhaupt verhalten sollte. Mich auf eine neue Rolle einzustimmen war etwas Tiefgreifendes.
Das ging weit über die Kleidung hinaus.
Man musste wie eine andere Person handeln und das ging einem nur in Fleisch und Blut über, wenn man anfing wie diese Person zu denken. Bei Emil war das noch einfach, weil ich hauptsächlich meinen Bruder vor Augen hatte und keiner irgendwelche Erwartungen an mich hatte.
Doch bei Lillif war das etwas anderes.
Ich kannte sie kaum und wusste nicht, wie gut ihr Umfeld sie kannte, wer zu ihrem Umfeld gehörte und welche Erwartungen man an sie stellte.
Meinen Körper zu verstecken war etwas anderes als meine Persönlichkeit zu verstellen.
Zu meinem Glück hatte Lillif mit den meisten Bewohnern Balenvias kaum Kontakt. Als ich heute Morgen durch die Stadt lief, um zu dem Bewerbungsgespräch zu gelangen, schien sie keiner zu kennen, keiner zu grüßen und fast niemand zu beachten.
Außer eine Person. Und ausgerechnet bei dieser Person sollte ich nun arbeiten.
„Ich komme”, rief ich aus der Küche und elite dann zum Schankwirt in den Gastraum.
Seine Augen waren nicht mehr so schmal wie noch heute Morgen, als ich relativ verwirrt vor ihm stand und wir beide nicht so Recht wussten, ob das eigentlich Lillifs Ernst war.
Ich meine: Was zur Hölle war in Lillif gefahren, dass sie sich ausgerechnet in dem Laden die Kante gab, wo sie sich am nächsten Tag bewerben will?
Ich habe echt noch niemanden einen schlechteren Eindruck bei seinem künftigen Chef hinterlassen sehen.
Wobei Gerüchten zufolge Nevra im selben Moment nach einer Stelle als Gardist gefragt haben soll, als er mit der Tochter des damaligen Gardenführers beim Rummachen erwischt wurde.
Aber es hat ja nicht jeder seine Nerven und auch nicht sein Talent.
Der Schankwirt hatte mir zumindest erst nach längerer Überredung eine Chance gegeben. Dem Personalmangel sei Dank.
Lillifs Glück war zudem, dass ich einiges an Erfahrung in der Küche hatte und kochen konnte ohne meinen Fuß allzu sehr zu belasten.
Ich war daher froh, dass der Schankwirt mich trotz des gestrigen Eindrucks, den Lillif vermittelt hatte, heute hier Probearbeiten ließ. Auch wenn er nicht gerade zimperlich damit war, mich seit vier Stunden alle Gerichte allein kochen zu lassen. Von manchen Speisen hatte ich noch nie etwas gehört und daher auf gut Glück irgendwas gekocht, was der Beschreibung ähnelte. Allerdings waren das Rezepte aus meiner Welt.
Ich ahnte daher Schlimmes, als ich plötzlich in die Gaststube zitiert wurde.
An die imposanten Hörner auf seiner Stirn hatte ich mich inzwischen gewöhnt, doch das aufgesetzte Grinsen meines Chefs machte mich nur noch nervöser.
Allerdings verstand ich nicht, warum er mich unbedingt scheitern sehen wollte. Es war schließlich sein Laden und alles, was ich verbockte, fiel auf ihn zurück. Doch mein Chef war nicht das einzige, was mich einschüchterte.
Am Tisch vor ihm saß eine große Gruppe von Söldnern, für die ich in den letzten Stunden einen Berg an Essen gekocht hatte. Es würde mich nicht wundern, wenn es eine Beschwerde gab, dass die Portionen zu klein waren oder nichts nach dem schmeckte, was sie verlangt hatten.
„Ich sag’s ja. Sie ist noch nicht einmal trocken hinter den Ohren”, erklärte der Schankwirt und schlug mir mit voller Wucht auf den Rücken.
Die Gruppe musterte mich eingehend. Ich war nicht ganz sicher, ob der Wirt mein Alter jetzt als Ausrede benutzte, um mein Unvermögen zu rechtfertigen.
Doch bevor ich mich entschuldigen konnte, hob die Gruppe ihre vollen Krüge und prostete in meine Richtung.
„Kompliment an die Küche!”, erklärten sie einstimmig.
Ich sah über den Tisch, bemerkte langsam, dass sie die Schüsseln bis auf den letzten Rest ausgeschleckt hatten und sah dann verwundert zu meinem Chef.
„Es hat ihnen geschmeckt?”
Mein Chef drückte meinen Kopf etwas tiefer, damit ich mich weiter verbeugte.
„Ja, wie ihr seht sind wir dabei uns neu aufzustellen”, sagte er. Sein Stolz quoll förmlich über.
„Nicht schlecht. Fast so gut wie bei Mercedes”, sagte eine und zwinkerte mir kokett zu. „Ich dachte schon, sie bekäme nie ordentliche Konkurrenz. Die anderen Läden gehen ja immer pleite, wenn sie versuchen, es mit ihrer Küche aufzunehmen.”
Ich war mir nicht ganz sicher, was hier gerade passierte, aber ich bekam nur schwer das Grinsen von meiner Backe.
Auch wenn ich sicher war, dass die Begeisterung der Leute nicht allein in meinem Können begründet war. Die Eldaryaner hatten bei manchen Lebensmitteln, die in ihren Vorratskammern schlummerten, einfach absolut keine Ahnung, wie man sie zubereitete.
Das war mir im Lager der Garde schon aufgefallen, wenn ich Küchendienst hatte.
Ich war aber nicht davon ausgegangen, dass es in Eel so wenige gute Köche gab und es den Leuten so gut schmecken würde, wenn man mal etwas Neues ausprobierte.
Und das Lob setzte sich für den Rest des Abends so fort.
Nachdem wir die letzte Gruppe verabschiedet hatten, stellte der Schankwirt mir einen Becher vor die Nase, um mit mir auf meinen neuen Job anzustoßen. Natürlich kein Alkohol.
Es war Moogliz-Milch, aber ich freut mich sehr. Das Wasser, was durch die einfachen Leitungen in diesem Dorf lief, war nämlich nicht trinkbar. Wenn man Durst hatte, dann musste man zum Brunnen in der Mitte des Marktplatzes und da einige Söldner kein Benehmen hatten und regelmäßig ihren Müll in den Brunnen warfen, war trinkbare Flüssigkeit eben ein wertvolles Gut.
Wenn Lillif mir gestern keinen Tee angeboten hätte, wäre ich sicher auch früher gegangen.
Etwas verdutzt sah ich in das Glas. Dass ich bei ihr noch etwas getrunken hatte, hatte ich vollkommen vergessen. Wieso war mir das entfallen?
„Gute Arbeit“, sagte der Wirt und riss mich damit aus meinen Gedanken.
„Danke, dass Sie mir heute eine faire Chance gegeben haben”, sagte ich ehrlich und konzentrierte mich wieder auf das Hier und Jetzt.
Der Wirt schenkte sich ebenfalls ein und setzte sich dann auf einen Barhocker daneben.
„Das wollte ich erst nicht”, gab er zu. „Ich ging sogar davon aus, dass du scheiterst.”
Den Eindruck hatte ich also nicht umsonst gehabt.
Ein Glück, dass ich so hartnäckig geblieben bin… und dass meine Mutter mir vor ihrem Tod noch ihr Rezeptbuch vermacht hatte. Ich wünschte, ich hätte diese Arbeit schon früher versucht, anstatt mich immer mit Aushilfsjobs zufrieden zu geben. In meinem Leben hatte ich mich kaum zu Risiken überwinden können, doch nun, wo mir gar nichts anderes übrig blieb, fühlte sich das seltsam leicht an.
Ich ließ meinen Blick durch den inzwischen leeren Raum schweifen. Der Laden war nichts Besonderes. Lange Holzbänke, eine Zapfanlage und karge Backsteinwände. Der Schankwirt hatte nicht gerade ein Auge für Ästhetik oder ihm fehlte einfach das nötige Kleingeld für eine Renovierung, aber es genügten tatsächlich ein paar Gäste, die diesen Ort mit Leben füllten und er besaß plötzlich unglaublichen Charme.
Nur mit Mühe konnte ich ein Gähnen unterdrücken. Im Grunde war das ja völlig egal.
Lange würde ich die Maskerade eh nicht aufrechterhalten. Ich spielte Lillif ja nicht zum Spaß oder um die Kochkarriere, die ich nie hatte, voranzutreiben.
Es ging mir immer noch darum ein Leben zu retten.
Zu diesem Zweck verwickelte den Wirt in einen kleinen Smalltalk über Gott, die Welt und seine Ambitionen, bis er genug gebechert hatte, dass ich ihn nach einem Vorschuss fragen konnte.
Schließlich brauchte ich immer noch das Reittier, um zu Chrome zu gelangen. Und ganz gleich, ob ich dafür den verpfändeten Stein zurückkaufte oder direkt das Reittier mietete - ich brauchte etwas Kapital.
„Nichts da”, sagte er jedoch nur. „Maana wächst nicht in Büschen.”
Das hatte ich mir beinahe gedacht, aber ich war nicht so weit gekommen, weil ich immer nur bettelte. „Wie wäre es, wenn wir dann das Trinkgeld teilen, das ich einnehme?”
„Was?”
„Falls nicht wäre das auch okay. Es gäbe sicher Wirte, die sich auf diesen Handel einlassen würden.”
„Freches Kind”, sagte er. Ich merkte jedoch, dass ich den Geizhals bei den Kronjuwelen hatte, denn er schien zu wissen, dass ich mir mit meinen Fähigkeiten auch anderswo einen Job suchen könnte. Und dank des heutigen Tages würde ich mich gewiss nicht mehr unter Wert verkaufen.
„Das muss man dir echt lassen, Lillif”, sagte er und schenkte sich noch einmal ein. „Ich habe dich eindeutig unterschätzt.”
„Kochen ist eben etwas, das ich immer schon gut konnte.”
„Das meine ich gar nicht. Ich dachte, du wärst ein verwöhntes Gör, das sich nie die Hände schmutzig machen würde. Dein Einsatz heute hat aber mich eines Besseren belehrt.”
Mit diesen Worten nahm er einen überraschend großzügigen Teil aus der Trinkgeldkasse und steckte es mir zu. „Versprich mir aber, dass du dir davon Medizin für dein Bein kaufst. Das macht keinen guten Eindruck auf die Gäste.”
Mir wurde etwas warm um die Nase. Anscheinend hatte ich den Schmerz in meinem Fuß nur schlecht überspielen können. Meinem alten Chef im Pizza Pizza-Unternehmen wäre das niemals aufgefallen und in Punkto Geiz nahmen sie sich beide nichts, doch dieser Wirt – mein neuer Chef - war überraschend einfühlsam.
„Ich habe Sie auch unterschätzt”, sagte ich daher und nahm dann dankend das Maana entgegen.
Für einen richtigen Heiltrank war es jedoch zu wenig und ich konnte es mir eigentlich nicht leisten, es für eine einfache Salbe zu verschwenden.
Wenn ich morgen nämlich noch einmal so viel verdiente, dann hatte ich die Summe fast zusammen.
Beim Aufräumen entdeckte ich allerdings, dass die meisten Kräuter, die ich für eine Salbe benötigte, bereits in der Küche vorhanden waren.
Der Wirt war nicht nur einverstanden, mir ein paar Zweige zu überlassen, er gab mir auch die Reste des Essens mit, wenn ich dafür morgen Überstunden machte.
Ich fragte mich auf dem Nachhauseweg, ob der Gauner eigentlich wusste, wie sehr er mir damit half.
Doch kaum war ich zurück in Lillifs Haus angelangt, fühlte ich mich einfach nur erschlagen.
Es kam mir ganz recht, dass mein Körper sich absolut taub anfühlte, denn so merkte ich kaum, dass jeder einzelne Muskel in mir vor Erschöpfung schrie. Selbst mein Fuß hatte inzwischen die Farbe einer Aubergine angenommen. An Schlaf war jedoch noch nicht zu denken.
Da ich die Klamotten von heute auch morgen wieder tragen wollte, wühlte ich zunächst in Lillifs Schrank, bis ich ein Kleidungsstück gefunden hatte, das ich - ohne mir eine Zerrung zuzuziehen -wechseln konnte. Mein Dolch passte sogar in die Halterung am Bein, was ich für den Alltag ganz praktisch fand. Vor allem, da ich beim Kochen das Messer so immer bei mir hatte.
Draußen auf der Straße würde ich diese Kleidung nicht tragen, aber im Haus könnte ich mich daran vielleicht gewöhnen. Und immerhin passte der dunkelrote Stoff rein farblich zu meinem Fuß.
Während ich auf einem Tisch in der unteren Wohnstube die Salbe vorbereitete, ließ sich der Chestock kurz blicken, roch an dem Essen und verschwand dann wieder unbeeindruckt in die Nacht.
Bevor ich mich jedoch aufregen konnte, was ich nun mit den Essensresten machen sollte, fiel mir ein, dass da ja immer noch Lillifs Gefährte in diesem Haus war.
Angeblich war der ja weniger wählerisch.
Mit einem Futternapf in der Hand stromerte ich durch das Haus. Die meisten Zimmer hatte ich noch nicht betreten. Zwei Türen waren aber fest verschlossen, sodass ich irgendwann vor dem Eingang zum Keller stand. Doch da unten war so dunkel, dass ich unbewusst zurückwankte.
„Du bist Lih aus einer dunklen Höhle entkommen. Reiß dich zusammen, Em!”, sprach ich mir Mut zu.
Falls dieser Valky noch nicht tot war, war er sicher am Verhungern.
Und was war schon das Schlimmste, was mich da unten erwarten konnte?


Kommi

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Part 18: Wasser



Während ich entschlossen den Keller hinabstieg, erinnerte ich mich daran, dass sich Gefährten im Sommer gern in den kühlen, unterirdischen Gewölben der Dörfler zurückzogen.
Spadel, Maripoden, Serseas, Cheads… Mit jeder Treppenstufe fielen mir ein Dutzend weitere Gründe ein, warum ich nicht unbedacht ins Dunkle tapsen sollte.
Schließlich war ich nicht gerade scharf darauf, einem von ihnen versehentlich auf die Gliedmaßen zu treten.
Nicht nur, weil ich einen gesunden Respekt vor Wesen hatte, die mich mit einem einzigen Biss töten konnten, sondern auch weil ich einfach keiner Spinne etwas zu Leide tun konnte.
Das war in meiner Welt schon so gewesen und hier war das nicht anders.
Auch wenn die Gefährten viel stärker waren als ich und die Garde mich für meine Hemmungen eher verspottete - meine Prinzipien konnte ich nicht einfach über Bord werfen. Das wollte ich auch nicht. Es war schließlich eine Eigenschaft, die ich inzwischen an mir mochte.
Nichtzuletzt, weil Chrome es immer an mir bewundert hatte.
Daher tastete ich mich nur langsam weiter voran. Stufe für Stufe.
Auch wenn die Neugierde in mir inzwischen unerträglich war.
Was Lillif wohl für einen Gefährten hatte?
Wenn es nach ihrem Äußeren ging, würde ein O’oluray gut passen, doch was passte zu ihrer Persönlichkeit?
Ich merkte erst, wie sehr ich in Gedanken versunken war, als ich den unteren Treppenabsatz erreicht hatte. Es roch etwas modrig, aber glücklicherweise entdeckte ich links von mir ein kleines, verhangenes Fenster, durch dessen Ränder ein paar Strahlen Mondlicht blitzten.
Da sich meine Augen noch nicht an die beschränkten Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, eilte ich darauf zu, um die Vorhänge aufzuziehen, doch kaum hatte ich den Stoff mit den Händen gepackt, da verfing sich mein Fuß in etwas, das auf dem Boden quer im Durchgang lag. Der Napf glitt aus meinen Fingern, doch mein Versuch, mich an dem Vorhang festzuhalten, scheiterte, als ich hörte, wie der Stoff riss.
Dafür flutete eine grelle Lichtschneise den Raum und gewährte mir einen gnädigen Blick auf den mit Essen bekleckerten Steinboden, mit dem ich gleich Bekanntschaft machen sollte. Es tröstete mich ein wenig, dass meine Arme inzwischen so vernarbt waren, dass ich den Aufprall fast schmerzfrei mit ihnen abfangen konnte.
Allerdings bedankte sich mein Fuß für diese unnötige Aktion mit einer heftigen Schmerzwelle, sodass mir beinahe schwarz vor Augen wurde.
Während ich gegen den Schwindel ankämpfte und mein Gesicht aus dem Brei zog, streifte mein Blick durch den Keller.
Doch es war kein einziger Gefährte zu sehen.
Hier war überhaupt nichts; außer zwei mit Plunder gefüllte Metallregale, ein paar angekokelte Bottiche, eine Leiche und ein Haufen Asche in der Ecke.
Ich wuchtete mich auf die Beine und humpelte dann missmutig zurück zur Treppe.
Bis mich plötzlich mit Wucht die Erkenntnis traf.
Ich schluckte. Eine Leiche?!
Abrupt drehte ich mich auf dem Absatz und starrte auf den am Boden liegenden Mann, über den ich eben gestolpert war.
Ich hatte das Gefühl, die Luft entwich aus meinem Körper, als ich ihn erkannte.
Er hatte die Augen geschlossen, doch sein Haar schimmerte silbern im Licht des Mondes, als würde es mir zuzwinkern.
Meine Kehle schnürte sich zusammen, während meine Füße stoisch auf ihn zuliefen. Ich war nicht sicher, ob ich träumte.
Wie oft hatte ich das schon? Noch immer bekam ich es nur schwer in mein Bewusstsein. Ich hielt es einfach für einen Traum.
Mein Finger bohrte sich in seine Wange. Dann gegen meine.
Ich begann zu begreifen, dass der einzige, der hier schlief, er war.
In dem Moment gaben jedoch meine Füße unter mir nach und ich sackte vor ihm auf die Knie.
Meine Augen sprangen über die Konturen seines Gesichtes und suchten nach einem Anhaltspunkt, dass ich mich irrte. Doch leugnen war zwecklos.
Er war es wirklich. Der weißhaarige Ritter.
Allerdings wich die Erleichterung, dass er nicht tot war mit eben dieser Erkenntnis einem anderen Gefühl – ganz als würde ich aus dem Himmel direkt in den Schlund der Hölle springen.
Meine Hände ballten sich zur Faust und schlugen wie von selbst gegen seine Brust.
Vielleicht war ich doch nicht so pazifistisch wie ich mir zu Beginn noch eingeredet hatte.
Da war nicht die geringste Hemmung in meinem Schlag. Da war nur Wut und Enttäuschung, weil er sein Versprechen doch tatsächlich gebrochen und mich einfach zurückgelassen hatte.
„Du wirst dir wünschen, du wärst tot”, knurrte ich.
Ich schlug weiter, bis er vor Schmerz die Stirn in Falten legte. Seine Augen waren noch immer geschlossen, doch ich spürte etwas Feuchtes an meinen Fingerknöcheln.
Blut?
Erschrocken zog ich das Hemd an seinem Halsausschnitt ein Stück nach unten. Darunter offenbarte sich ein entsetzlicher Blick auf seine Schulter – sie war ausgerenkt, zum Teil entzündet und kaum notdürftig versorgt. Seine Haut war so kalt wie der Kellerboden und auch beinahe so grau. Kein Wunder, dass ich seine Präsenz nicht früher bemerkt hatte – er hatte so gut wie keinen Puls mehr.
„Nein, nein, nein!” Ich presste die Zähne aufeinander und zog ihn dann von dem Regal weg. „So leicht kommst du mir nicht davon, hörst du?!”
Keine Ahnung, wo ich plötzlich die Energie hernahm, um einen ausgewachsenen Mann einen ganzen Meter über den Boden zu schleifen.
Vielleicht war es die Sorge, dieser Kerl könnte sich sonst wieder so feige aus dem Staub machen.
Denn das würde ich dieses Mal um jeden Preis zu verhindern wissen.
Ich wollte, dass er mir in die Augen sah und mir ehrlich sagte, dass ich ihm scheißegal war und er mich nur verarscht hatte. 
Um eine Antwort aus ihm herauszuprügeln, würde ich ihm zur Not auch sein gottverdammtes Leben retten.
Das bisschen Wundversorgung konnte ich inzwischen ja im Schlaf.
Fluchend zerrte ich eine Kiste als Unterlage aus dem Regal.
Allerdings bekam ich nur mit Mühe seinen gewaltigen Oberkörper auf die Bretter gehoben.
Zudem war sein Arm so verschwitzt, dass ich kaum Halt hatte, um ihm die Schulter wieder einzurenken. Ich war klitschnass vor Schweiß, als es endlich knackte und das Gelenk wieder an seiner ursprünglichen Position saß.
Doch das war nur der Anfang. Die Schulter brauchte mehr als das. Damit er wieder zu Bewusstsein kam, musste ich verhindern, dass sich die Infektion weiter ausbreitete.
Aus der Küche besorgte ich daher die Tagesration Wasser und die Salbe, die ich angerührt hatte.
Ich nahm alles mit, da ich nicht genau wusste, wie groß die Wunde eigentlich war.
Doch um die Wundausbreitung zu bestimmen, musste ich ihm irgendwie das Hemd ausziehen.
Ein Unterfangen, das sich fast als schwieriger erwies als das Einrenken der Schulter. Vor allem, weil ich das Gefühl hatte, dass er mich immer wieder von sich stieß.
Irgendwann gab ich es auf und schnitt kurzerhand sein Hemd mit dem Dolch auf.
Allerdings brachte mich der Anblick seiner blanken Brust länger aus dem Konzept als es sollte. Im Lager der Garde hatte ich mich bereits daran gewöhnt von nackten Männern umgeben zu sein, doch das hier war irgendwie anders. Ich hatte die Szene vor Augen, wie ich vor wenigen Wochen halbnackt im Wald von dem Grookhan angegriffen worden war und wie er mich gerettet hatte. Nun dieselben Arme zu verarzten, die mich damals getragen hatten, war ein seltsames Gefühl.
Doch ich schüttelte entschlossen mit meinem Kopf auch die Gedanken beiseite.
Schon damals hatte er mir gesagt, dass ich in dieser Welt nicht überleben würde, wenn ich mein Schamgefühl nicht in den Griff bekam.
Und in diesem Punkt hatte er Recht. Also konzentrierte ich mich wieder auf die Arbeit.
Dabei zeigte sich schnell, dass vor allem sein Rücken schwerer verletzt war, als ich bislang angenommen hatte. Ich erinnerte mich daran, wie wir damals aus dem brennenden Dorf geflohen waren. Die Wunden auf seinem Körper ähnelten den Verletzungen, die er beim Einsturz des Schuppens davongetragen haben musste, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass er sie so lange unbehandelt gelassen hatte.
Bei dem Gedanken wandte ich jedoch störrisch den Kopf zur Wand. Nicht, dass mich interessierte, was er in den letzten Wochen erleb…
„Lass mich, Lil”, brummte er. Es erinnerte mich daran, dass ich bereits mehr wusste, als mir lieb war. Doch das änderte nichts an meinem Vorhaben. Er war noch immer bewusstlos und seine Stimme klang eher wie ein trockenes Flüstern. Aber wir schienen Fortstritte zu machen. Also machte ich weiter.
Nachdem ich ihn gewaschen, die Wunden gesäubert und mit der Salbe bestrichen hatte, suchte ich im Haus nach einem Hemd, das ich ihm überziehen konnte. Ich war nicht stark genug, um ihn aus dem Keller zu schaffen, aber dort war es zu kalt und zu dreckig, um ihn oberkörperfrei herumliegen zu lassen. Außerdem war mir dabei wohler, wenn er wieder vollständig bekleidet war.
Das Ankleiden ging auch deutlich einfacher, jetzt, wo seine Haut nicht mehr klebte und ich hatte sogar den Eindruck, er half ein bisschen dabei mit.
Sein Atem war ruhiger und tiefer, doch sein Puls war noch immer kaum zu ertasten. Das bereitete mir Sorge, denn ich wusste nicht, was ich sonst noch für ihn tun konnte. Brauchte er mehr Salbe?
Kraftlos humpelte ich zur Treppe.
Doch kaum hatte ich diese erreicht, spürte ich, wie sich eine Hand um meinen Fußknöchel schloss.
„Wasser”, röchelte er. Ich verstand es kaum.
Doch als ich endlich begriff, dass er unglaublichen Durst haben musste, merkte ich, dass ich im Eifer einen gravierenden Fehler begangen hatte.
Der Eimer mit dem Wasser war die einzige Tagesration an Trinkwasser, die mir zur Verfügung stand und ich hatte es restlos zum Säubern seiner Wunden verbraucht.
Da mir nichts anderes übrigblieb, eilte ich mit dem Eimer die Treppe hoch, aus der Haustür raus, die Straße entlang bis zum Marktplatz, wo der Brunnen stand.
Es war zwar unglaublich dunkel, doch ich roch auch so, dass sich jemand in den Brunnen übergeben haben musste und schmiss den Eimer verärgert auf das Pflaster.
Manchmal war dumm echt schlimmer als böse.
Aus purer Verzweiflung klopfte ich an zwei Haustüren, drei, vier – fragte nach Wasser oder etwas anderem zu trinken, aber entweder machte keiner auf oder ich bekam eine gewaltige Tirade an den Kopf geschmissen, dass ich zu so später Stunde noch störte. Selbst die Tore des Tempels waren verschlossen.
Es dauerte Stunden, bis ich endlich an eine Tür kam, an der mir jemand zuhörte.
Ein kleiner, alter Mann füllte mir ein paar Schlucke ab, für die ich mich noch bedankte, als er seine Tür schon wieder geschlossen hatte.
Wie vom Spadel gestochen eilte ich mit der wertvollen Fracht zurück in Lillifs Haus und die Treppe hinunter. Allerdings war mein Fuß inzwischen so taub, dass ich nicht merkte, wie ich an der letzten Stufe vorbeiglitt.
Ich sah den Eimer durch die Luft fliegen, versuchte ihm nachzuspringen, doch als wir beide gegen die Wand krachten und das Wasser sich ungehemmt über den Boden verteilte, wich die gesamte Farbe aus meinem Gesicht.
„Durst”, murmelte der Weißhaarige wieder. Seine kratzige Stimme brannte in meinen Ohren.
Mit einem Mal wurde mir klar, dass es gut sein konnte, dass er die Nacht nicht überstehen würde und ich hatte nicht die geringste Idee oder die Kraft, um das zu verhindern.
Zitternd kauerte ich auf dem Boden und versuchte mich zusammenzureißen.
Natürlich war ich sauer auf ihn.
Aber verdammt, er hatte mir mehrmals das Leben gerettet und ich wollte nicht, dass er starb. Ganz gleich, was er mir angetan hatte. Allein die Vorstellung war unerträglich.
So unerträglich, dass ich schluchzend in mich zusammenfiel. Ich spürte die Gefühle in mir hochbrodeln wie ein unkontrollierbarer Strudel. Meine Augen brannten, als ich die salzigen Tränen nicht mehr zurückhalten konnte und ich wünschte mir, dass es irgendetwas gab, das meine Trauer einfach davon spülen konnte… dass ich einfach loslassen konnte von dem Schmerz, der mir so sehr den Atem raubte. Ich barg meine Hände im Gesicht. Vielleicht lag es an dem kalten Stein, aber sie fühlten sich so angenehm kühl an und nass.
Ein schmatzendes Geräusch unter meiner Wange ließ mich jedoch innehalten. Erschrocken blickte ich auf den Boden.
Unter mir bildete sich eine Lache, in die stetig etwas von meiner Hand tropfte.
Was zum…?
Hatte ich ein Leck? Löste ich mich jetzt auf?
Eine Weile sah ich auf meine Hand, bis mir plötzlich klar wurde, dass das die Kräfte waren, die mich schon aus der Höhle befreit hatten. Das Wunder, das ich jetzt brauchte – es war tatsächlich da.
Im ersten Affekt griff ich nach dem Napf, der noch beim Fenster lag, steckte meine Finger hinein und nippte dann an der Flüssigkeit. Das Wasser war unerwartet klar und süß im Geschmack…
Ich nickte. Das sollte trinkbar sein. Ich spülte den Napf aus und füllte ihn mit dem, was da aus meiner Hand floss. Irgendwie peinlich, aber ich versuchte nicht zu viel darüber nachzudenken.
Vorsichtig, um ja nicht wieder etwas zu verschütten, balancierte ich den Napf zu dem Ritter ohne Rüstung und flößte langsam etwas in seinen Mund.
Als er schließlich selbstständig zu trinken begann, atmete ich erleichtert auf.
So viel Glück hatten wir beide echt nicht verdient.
Allerdings merkte ich erst, dass er immer noch Durst hatte, als er mir den Behälter aus der Hand riss und die letzten Tropfen mit der Zunge ausschleckte.
Ich konnte kaum ein Grinsen verbergen. „Am Ende hast du wirklich was von einem Haustier...”, witzelte ich mehr zu mir selbst und nahm ihm den Napf wieder aus der Hand, um ihm nachzuschenken. Eigentlich müsste es mich mit Sorge erfüllen, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich die Kräfte kontrollieren konnte, aber der Strom war klein und ich war einfach nur froh, dass die Tropfen mit erstaunlicher Leichtigkeit aus meinen Fingern sprudelten.
Doch ich hatte kaum das erste Drittel befüllt, da griff der Weißhaarige mit einem Mal ungeduldig nach meinem Handgelenk.
„Hey”, rief ich, als er meine Finger an seine Lippen führte, um direkt aus ihnen zu trinken.
„Nicht!” Ich versuchte mich loszureißen, doch mit jedem Schluck, schien er mehr an Kraft zu gewinnen, bis er sich schließlich über mich beugte und die Augen aufschlug.
Eine Hitzewelle schoss mir durch die Wangen, als unsere Blicke sich trafen.
„Warte doch…”, wiederholte ich. Meine Stimme kaum mehr als ein Zittern. Ich wollte ihn doch schlagen, wollte ihn doch anschreien, aber nun, wo er endlich bei Bewusstsein war, bekam ich kaum ein Wort aus dem Mund.
„Wenn du wüsstest, wie lange ich das habe”, murmelte er. Seine Stimme war unerwartet fest.
Lächelte er etwa?
Ich hatte das Gefühl, sein Gesicht käme mir näher, je länger er mich anstarrte. So nahe, dass ich meine Hand nicht zurückziehen, sondern gegen ihn stemmen musste.
Doch egal, wie sehr ich ihn auf Abstand hielt, meine Wangen hörten einfach nicht zu brennen auf.
„Wie beruhigend”, sagte er zwischen zwei Schlucken. „ Du wirst immer noch so schnell rot.“
Nervös wandte ich den Blick ab. Ich sah, wie sich eine Strähne seines Haares löste, an seinem Ohr hinab auf mich zurieselte und schließlich mit meinen blonden Locken zu verschmelzen schien.
Ein Stich fuhr plötzlich durch meine Brust. Denn der Moment, in dem ich endlich kapierte, dass ich mich schon lange über beide Ohren in ihn verknallt hatte, war auch der Moment, indem ich realisierte, dass ich immer noch als Lillif verkleidet war.

Episodenbild_7



Letzte Änderung durch Ama (Am 14.06.2022 um 14.19 Uhr)

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#83 Am 19.06.2022 um 17.12 Uhr

Shadowgarde
Ama
Recrute
Ama
...
Nachrichten: 74

Kurze Ankündigung!

Ich bin in einer kurzen Sommer-Pause.
Mit dem Upload geht es aber ab dem ersten Sonntag im August weiter - 07.08.22.
Bleibt cool solange ; )

Bis dann^^

Letzte Änderung durch Ama (Am 21.06.2022 um 19.28 Uhr)

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